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Stadionweihnacht:"Singen und beten für den Glubb"

Alle Jahre wieder: Zum Adventssingen im Nürnberger Max-Morlock-Stadion kamen 2018 etwa 10 000 Menschen. In Dortmund waren es kürzlich 68 000.

(Foto: Privat)

Am Montagabend wird endlich mal wieder gute Stimmung herrschen im Nürnberger Stadion. Dann treffen sich die Fußballfans zum Weihnachtssingen - ein neuer Brauch, der auch in Bayern die Massen anzieht.

Von Andreas Glas

Ein Lied steht zurzeit hoch im Kurs bei den Fans des 1. FC Nürnberg. Die Melodie erinnert an "Those were the days", ein Schlager, der von besseren Zeiten erzählt. Passt gut, die Club-Fans haben aber ihren eigenen Text:

Wir ham die Schnauze voll,

wir ham die Schnauze voll,

wir ham, wir ham,

wir ham die Schnauze voll

Wer singt, drückt eben seine Stimmung nach außen. Und beim Club ist die Stimmung mal wieder mies. Zweite Liga, Tabellenkeller, dazu der Wind, der zurzeit besonders kalt durchs Max-Morlock-Stadion pfeift. Aber jetzt ist ja Winterpause. Da sind die Club-Fans sicher froh, das Stadion ein paar Wochen nicht von innen zu sehen. Stimmt's? Nein. Obwohl am Montagabend kein Spiel stattfindet, werden Tausende Nürnberger ins Stadion gehen. Und alle, die eben noch die Schnauze voll hatten, werden, nun ja, froh und munter sein. Bei der Premiere 2018 kamen mehr als 10 000 Menschen zum Nürnberger Adventssingen.

Kerzenschein statt Flutlicht, Glühwein statt Bier, "Stille Nacht" statt "Schalalala". Auch anderswo in Bayern pilgern die Leute in Stadien, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen. Im Grünwalder Stadion waren neulich mehr als 1000 Fans des TSV 1860 München beim "Adventssingen", ähnlich viele Schweinfurter kamen ins Willy-Sachs-Stadion. In Regensburg findet das "Weihnachtssingen" an diesem Samstag in der Baseball-Arena statt. Früher hatten Adventslieder ihren Platz in Kirche und Stube, jetzt singen die Menschen im Stadion. Wie ist das zu erklären?

"Empirisch haben wir da wenig", sagt Stefan Scholz, evangelischer Pfarrer und Dozent am Institut für Praktische Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Wissenschaftlich hat sich auch Scholz nicht mit dem Stadion-Phänomen befasst. Aber er macht sich Gedanken: "Was finden die Menschen dort, was sie vielleicht anderswo nicht finden?", in der Kirche etwa. Scholz war nicht dabei, aber auf Youtube hat er die Videos vom Nürnberger Adventssingen gesehen. Das habe "was Mitreißendes, Packendes, da wird ein Nerv getroffen", sagt Scholz. Und das sagen ja auch die Besucherzahlen in den Stadien.

Dass Menschen sich in Massen treffen und singen, ist nicht neu. Das gab es schon bei Sportereignissen in der Antike, "das hatte auch schon etwas Kultisches", sagt Scholz. Was früher die Arenen waren, sind heute die Fußballstadien, sie heißen inzwischen auch so: Allianz Arena, Volkswagen Arena, WWK Arena. Als die Arenen noch Stadien hießen, in den Sechzigerjahren, etablierten sich die Fangesänge. Erst in England, dann hierzulande. Fußball ist Religion, sagen manche: Gesänge, Wallfahrten zu Auswärtsspielen, Devotionalienhandel mit Trikots und Schals. Während die Stadien voll sind, sind die Kirchen oft nur noch an Heiligabend gut besucht. Rauben die Stadien der Kirche jetzt auch den letzten Markenkern?

Wenn Stefan Scholz über das Weihnachtssingen im Stadion spricht, dann spricht er über eine "Vermischung" von Religiösem und Säkularem. Man kann diese Mischung gut erkennen, Beispiel Regensburg: Neben einer Big Band treten beim Weihnachtssingen zwei Domspatzen-Chöre auf. In Nürnberg und München nehmen katholische und evangelische Pfarrer teil. In Schweinfurt ist die Katholische Stadtkirche sogar Veranstalter des Weihnachtssingens. Ist das Stadion also nicht Konkurrenz für die Kirche, sondern Chance, neues Publikum zu gewinnen? Dass sich die Kirche "nicht anbiedert, aber mitarbeitet", könne durchaus eine Chance sein, sagt Scholz. Das Stadion aber gleich als Missionierungsort zu sehen, "da wäre ich nicht zu euphorisch."

Lassen da Ultras leise den Schnee rieseln?

Der Ursprung des weihnachtlichen Stadionsingens liegt nicht in Bayern, sondern in Berlin. Im Jahr 2003, kurz vor Weihnachten, schlichen sich 89 Fans von Union Berlin ins Stadion an der Alten Försterei. Sie hatten Liedtexte auf Zettel gedruckt, sangen einfach drauf los. Inzwischen ist auch in Berlin ein Pfarrer mit dabei, er liest die Weihnachtsgeschichte, Chöre treten auf, zuletzt kamen 28 500 Leute. Rekordhalter sind die Dortmunder. Im Stadion der Borussia haben neulich 68 000 Menschen sowohl "You'll never walk alone" gesungen als auch "O du Fröhliche".

Was sind das für Leute, die dort hingehen? Lassen da Ultras leise den Schnee rieseln, die sonst "Scheiß, FC Bayern" schmettern oder "BVB, Hurensöhne"? Auch dazu gibt es keine Statistiken, aber wer sich umschaut in den Stadien, der sieht die gleiche Mischung wie bei Fußballspielen. Männer in Kutten, aber auch Familien mit Kindern. Pfarrer Scholz hat eine Umfrage gemacht, bei Berufsschülern, die er in Nürnberg unterrichtet. Alle Schüler, die im vergangenen Jahr beim Adventssingen waren, "haben auch eine Affinität zum Fußball. Sie fanden es nicht einfach nur schön, sondern packend."

Wenn das Flutlicht ausgeht, wenn unzählige Kerzen leuchten, wenn die Menschen "Stille Nacht" anstimmen, dann erinnert das an diesen Moment, wenn am Ende eines Stadionkonzerts die Feuerzeuge anspringen oder die Handylichter - und die Rockband diese eine Ballade spielt, auf die das Publikum zwei Stunden gewartet hat. Gänsehautatmosphäre, wie man so sagt, man könne das auch kritisch sehen, sagt Scholz. "Die Leni-Riefenstahl-Ästhetik, diese Gleichschaltung, die wir immer bei Massenphänomenen haben." In den Kirchen sei der Advent "ja eher eine leise Zeit, was im Stadion passiert, dockt eher an die Eventisierung an", sagt Scholz. Aber auch als Pfarrer findet er, dass beim Weihnachtssingen im Stadion "das Positive überwiegt".

Auch der evangelische Theologe Christhard Lück von der Universität Wuppertal befasst sich mit dem Phänomen. Er sieht ganz allgemein Parallelen zwischen kirchlichem Gottesdienst und der Fankultur in Stadien. "Singen stiftet Gemeinschaft", sagt Lück. Sowohl in der Kirche als auch im Stadion würden sich Menschen im Gesang vereinen und in der Gruppe neue Stärke gewinnen. Auch Lück beschreibt also das weihnachtliche Stadionsingen als Mischphänomen aus Religion und säkularer Sehnsucht nach Gemeinschaft. "Die Menschen emanzipieren sich von organisierter Kirchlichkeit. Sie suchen einen Ort, der ihrer Lebenswirklichkeit mehr entspricht" - wollten aber trotzdem "noch an der Religiosität teilhaben".

Wie eng Glaube und Fußball zusammenhängen, zeigt sich auch daran, dass die Menschen vom "heiligen Rasen" reden und vom "Fußballgott". Und es zeigt sich in den Kommentaren mancher Fans des kriselnden 1. FC Nürnberg. Auf der Facebook-Seite des Max-Morlock-Stadions bringt eine Club-Anhängerin sehr deutlich zum Ausdruck, warum sie am Montag ins Stadion geht. Ihr Vorsatz: "Singen und beten für den Glubb."

© SZ vom 21.12.2019
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