Ausstellung:Wie Erhards Zigarren nach Fürth heimkehrten

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Ausstellung: Gehstöcke, Gemälde, Zigarren des ewigen Rauchers und viele Bilder der Familie: Eine neue Ausstellung in Fürth zeigt Exponate aus dem Nachlass von Ludwig Erhard.

Gehstöcke, Gemälde, Zigarren des ewigen Rauchers und viele Bilder der Familie: Eine neue Ausstellung in Fürth zeigt Exponate aus dem Nachlass von Ludwig Erhard.

(Foto: Bernd Hußnätter/Stiftung Ludwig-Erhard-Haus)

Das Ludwig-Erhard-Zentrum zeigt bisher unveröffentlichte Exponate aus dem Nachlass des "Vaters des Wirtschaftswunders". Ein Coup für das Museum, doch die Beschaffung der Stücke war ein Wagnis.

Von Clara Lipkowski, Fürth

Die Kisten waren verplombt, als sie in Fürth ankamen. Sieben oder acht, grau, aus Metall, ganz genau erinnert sich Evi Kurz nicht mehr, aber daran, wie aufregend das alles war. Was wirklich in den Kisten war, sollte entscheiden, ob ihr Coup gelingt. Monatelang hatten sich die Verhandlungen um die Lieferung hingezogen. Irgendwann war das Geld geflossen, überwiesen nach Südafrika, ohne dass Kurz den Inhalt je gesehen hatte. Dann standen die Kisten vor ihr.

Anderthalb Jahre später, Ende Januar 2022, sitzt Evi Kurz in einem Besprechungsraum des Ludwig-Erhard-Zentrums (LEZ). Die frühere Fernsehjournalistin ist Vorstandsvorsitzende der Stiftung des Hauses und grinst darüber, dass die Sache "etwas dubios" zugegangen sei. Eine Mittelsfrau verlangte erst zwei Millionen Euro, viel zu viel und überhaupt war das Museum für Ludwig Erhard in Fürth ja noch gar nicht fertig. Es vergingen Monate. Dann pokerte Kurz. Sagte, das LEZ stehe und sei schon bestückt, man sei gar nicht mehr so recht angewiesen auf die Lieferung. So wollte sie den Preis drücken, Angebot und Nachfrage. Das Museum stand da immer noch nicht.

Heute ist das Zentrum längst eingeweiht, direkt gegenüber vom Geburtshaus Ludwig Erhards, dem späteren bayerischen und westdeutschen Wirtschaftsminister und Bundeskanzler. Erhard lebte dort bis ins Jugendalter mit seinen Eltern, ging später in Nürnberg in die Handelsschule. Das Gebäude ist ein strahlend saniertes verwinkeltes Haus mit knarzigem Boden, dunkelgrünen Fensterrahmen und einer Dauerausstellung zu Erhard. Zur Museumseinweihung im großen LEZ, im Neubau gegenüber, kam 2018 der Bundespräsident, ein 18-Millionen-Euro Prestigeprojekt von Bund, Freistaat und LEZ-Stiftung, es gab schon Auszeichnungen für das Design, zurzeit ist das Haus für den Europäischen Museumspreis nominiert.

Kurz' Handy klingelt minütlich in diesen Tagen. An diesem Montag, wenn Ludwig Erhard, der "Vater des Wirtschaftswunders" und der sozialen Marktwirtschaft 125 Jahre alt geworden wäre, eröffnen sie die neue Ausstellung, auf einem Podium wird über Erhard und die Zukunft diskutiert. Kurz muss noch einiges regeln, die Beleuchtung kam nicht rechtzeitig, Lieferschwierigkeiten, es ist ja immer noch Corona. Doch dass trotzdem alles steht und hängt wie es soll bis Montag, daran hat die 66-Jährige keinen Zweifel.

Ausstellung: Evi Kurz, Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Ludwig-Erhard-Haus, ist der Coup gelungen: Sie holte den Nachlass aus Südafrika nach Fürth.

Evi Kurz, Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Ludwig-Erhard-Haus, ist der Coup gelungen: Sie holte den Nachlass aus Südafrika nach Fürth.

(Foto: Clara Lipkowski)

Vorsichtig hatten sie die Kisten geöffnet, die Exponate nach und nach ausgepackt. Auf einer Liste, die sie vorher geschickt bekommen hatten, hakten sie ab, was tatsächlich geliefert worden war und was nicht. Ein paar Hüte seien verschimmelt gewesen, ein Besteckkasten auch, sagt Kurz, aber das meiste war da: Die persönlichen Geschenke von Staats- und Regierungschefs aus den drei Kanzlerjahren, ein Schlüssel aus Tokio, eine Modellrakete aus Florida, ein Stetson. Auch Zigarren des ewigen Rauchers Erhard sind von nun an zu sehen, sein angeblicher Lieblingsaschenbecher aus Rosenquarz, Gehstöcke Erhards, der als Kind an Polio erkrankt war, ein Wimpel der "Spielvereinigung Fürth" von 1954, ein Holz-Verkaufsladen, mit dem seine Enkelin im Familienferienhaus am Tegernsee gespielt hatte - und der Großvater ebenfalls. Und da ist eine handschriftliche Notiz: "Geld ist noch verborgen" schreibt Erhard, und dann: "In der großen Kommode hinter dem alten Kaffeeservice". Ludwig Erhard, der ausgewiesene Wirtschaftsexperte und Finanzkenner, misstraute den Banken - ausgerechnet.

Der Coup war Evi Kurz gelungen. Der Nachlass war bis dahin nirgendwo in der Öffentlichkeit zu sehen gewesen und hatte jetzt den passenden Ort. Kurz hatte seit 2011 zu dem Nachlass recherchiert, beeilt sich aber zu sagen, dass ihr fachkundige Leute geholfen hätten, der Historiker Daniel Koerfer aus Berlin, der Münchner Konservator Michael Henker. Sie hätte wahrscheinlich das Porzellan einfach so in die Vitrinen gestellt, Henker intervenierte, das werde erstmal poliert und aufgearbeitet.

Zur Eröffnung haben sich Ministerpräsident Markus Söder, Innenminister Joachim Herrmann - und Urenkel von Ludwig Erhard angekündigt, die die Nachlassstücke selbst noch nicht gesehen haben. Sie haben zur Ausstellung in der "Schatzkammer" des Museums Schwarz-Weiß-Fotografien beigesteuert. Sie zeigen den privaten Erhard beim Lesen oder mit der Familie, manches Stück sieht man auf Fotos und findet es dann in der Ausstellung wieder.

Ausstellung: Nun erstmals zu sehen: Gehstöcke des früheren Kanzlers. Erhard war als Kind an Polio erkrankt.

Nun erstmals zu sehen: Gehstöcke des früheren Kanzlers. Erhard war als Kind an Polio erkrankt.

(Foto: Clara Lipkowski)

Evi Kurz hatte eher zufällig von dem Nachlass erfahren, über einen Spiegel-Artikel 2010, als ein anonymes Konsortium den Nachlass für zwei Millionen Euro anbot. Nochmal 17 Jahre früher war bekannt geworden, dass der Verein "Ludwig-Erhard-Stiftung e.V." in Bonn den Nachlass einfach per Inserat verkauft hatte - an allen Museen vorbei an einen privaten Kölner Kunsthändler. Ein LEZ gab es damals noch nicht. Der Kunsthändler konnte sein Glück kaum fassen. Fernsehausschnitte von damals zeigen Ulrich Wickert in den Tagesthemen, wie er die "wundersame Geschichte" anmoderiert und dann der Käufer vollkommen entgeistert meint: "Also für mich war das nicht normal, nicht...?". Deswegen habe er so schnell reagiert. Ein Skandal schon damals.

Nun ist der Nachlass im Besitz der Stiftung des LEZ, zugänglich für die Öffentlichkeit, was dem Erhard-Standort Fürth zu weiterer Bekanntheit verhelfen dürfte. Aber wie gelang der Nachlass ausgerechnet nach Südafrika? "Das wüssten wir auch gerne", sagt Kurz. Ob Erhard Verbindungen nach Südafrika hatte? Kurz breitet die Arme aus. "Absolut keine Ahnung. Aber das wäre doch mal eine gute nächste Story."

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