Ingolstadt Roboterautos könnten ein Weg aus der Staufalle sein

Zukunftsvision: Autonomes Fahren soll ein Drittel der Fahrzeit einsparen.

(Foto: Audi)
  • Autos und Busse prägen das Bild in Ingolstadt, U-Bahn oder Tram gibt es nicht.
  • Der Stadtrat muss sich häufig mit dem Verkehr und dessen Fluss in der Stadt befassen.
  • Eine Lösung kann, neben der oft diskutierten Idee einer Seilbahn, das autonome Fahren sein.
Von Johann Osel, Ingolstadt

Dem Ruf als Autostadt macht Ingolstadt täglich alle Ehre: nicht nur, weil Audi hier sitzt, sondern auch wegen des Verkehrs. Viele Fahrzeuge, ja selbstredend viele Audi, kämpfen sich durch eine Stadt, die aus historischen Strukturen gewachsen ist und meist vorgegebene Verkehrsadern hat; und die zudem weiter wächst und dadurch oft bremsende Baustellen aufweist. U-Bahn oder Tram gibt es keine, Autos und Busse prägen das Bild. Wie genervt die Bürger von der Lage sind, zeigt die Seilbahn-Debatte, die in Ingolstadt regelmäßig aufkeimt.

Ein Gondelsystem quer durch die Stadt wird alle paar Jahre von wechselnden Akteuren als Vision skizziert, als Lösung für das "beinahe alltägliche Chaos auf den Straßen", wie es mal im Stadtrat hieß. Von Dauerstau will Oberbürgermeister Christian Lösel (CSU) nicht sprechen, nennt aber den "stockenden Verkehr und Überfüllungen". Mit wohl keiner Thematik beschäftige sich der Stadtrat häufiger als mit dem Verkehr, dem Verkehrsfluss.

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Letzteres - einen "Flow" - verheißt nun eine neue Studie. In Zusammenarbeit mit der Stadt und Audi haben Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) "Ingolstadts Mobilität der Zukunft" skizziert. Erstmals wurden die Auswirkungen autonomen Fahrens heruntergebrochen, die 140 000-Einwohner-Stadt diente als "Labor". Neben dem Verkehrsfluss gibt es eine zusätzliche Stunde für Nutzer selbstfahrender Autos, zum Arbeiten oder Entspannen. Denn heute verbrächten Autofahrer im Schnitt 50 Minuten pro Tag hinter dem Lenkrad. Demnach lautet der Titel der Studie: "25. Stunde". Sie wurde am Mittwoch bei Audi präsentiert, als multimediale Simulation. Die Projektmacher strotzen vor Optimismus. Akute Sorgen der Autobranche wie Dieselkrise oder gedämpfte Konjunktur? Wirken weit weg.

Es gebe zwei Treiber für das Thema, sagt Peter Vortisch, Verkehrsforscher am KIT: Entwicklungen bei Automatisierung und Digitalisierung. Sowie den "Leidensdruck" von Kommunen. Autonome Autos, so das zentrale Ergebnis der Studie, tragen langfristig zur Lösung von Verkehrsproblemen in Städten bei. So lasse sich die Fahrzeit auf typischen Pendlerstrecken stark reduzieren: In einem "vollautonomen Verkehr" laut den Berechnungen um ein Drittel der Zeit. Computer hielten sich schließlich an geltende Mindestabstände, fahren nicht zu schnell oder trödeln, befolgen Regeln, verzichten auf Hupen und Fluchen.

Das Szenario setzte aber kluges Verkehrsmanagement der Stadt voraus, auch müsste sich der Trend zum Teilen etablieren; dass also mehrere Personen ein Fahrzeug nutzen. Einzelne solcher Wagen brächten nichts, mindestens 40 Prozent im Alltag müssten es sein, damit der "Verkehr spürbar besser fließt". Automatisierte und geteilte Autos ermöglichen es laut Studie dann den Städten, Flächen neu zu verteilen. Wenn alle Autos selber fahren, könnte auf vierspurigen Straßen in Ingolstadt ein Streifen zum Fuß- oder Fahrradweg werden. Gleichwohl würden in Zukunft mehr alte Menschen und Kinder individuell mobil sein: Bequeme Robotertaxis konkurrierten mit dem öffentlichen Nahverkehr.

Neuer Bahnhalt und eine Seilbahn

Und wann tritt die Zukunft ein? Es gebe am Anfang eine "natürliche Bremse", sagt Forscher Vortisch: Selbst wenn morgen autonomes Fahren reif für die Straße wäre, müsste es erst mal in die ganze Flotte hineinwachsen; später laufe die Entwicklung schneller. "20 Jahre Minimum" gibt der Experte vor. Oberbürgermeister Lösel verweist darauf, dass man in Ingolstadt bedingt durch den Autobauer "einen Grundumsatz an jungen Fahrzeugen" habe; hinzu komme, dass die Stadtgesellschaft sehr technikaffin sei, ebenso die Verwaltung. Innovationen könnten in seiner Stadt "eine Spur schneller" kommen als andernorts.

Kurzfristiger sind da zwei Projekte in Ingolstadt. Der eigene Audi-Bahnhalt nimmt allmählich Gestalt an, Ende 2019 sollen die erste Fahrgäste dort einsteigen und könnten auf das Auto zum Pendeln verzichten. Es ist ein Modellprojekt, erstmals in Bayern finanzieren die Bahn, das Land, eine Kommune und ein Konzern gemeinsam Bahninfrastruktur. Zudem will die Stadt alle Ampeln miteinander vernetzen, damit der Verkehr besser gelenkt wird. Technik nutzen, anstatt "einfach eine neue Spur zu betonieren", nennt Lösel den Plan. Das Ziel ist: alle Ampeln der Stadt an einem Rechner. In ferner Zukunft würden in diesem System irgendwann auch autonome Autos mit den Ampeln "kommunizieren".

Langfristig will man in Ingolstadt noch dazu in die Luft gehen. In der Region soll die Luftmobilität der Zukunft erprobt werden, es gibt einen von der Europäischen Kommission unterstützten Pilotversuch zu "Flugtaxis". Schon bald könnten erste Fluggeräte in "geschützten Testfeldern" im Einsatz sein. In der Studie zum autonomen Fahren bleibt alles am Boden, keine Flugtaxis schweben über selbstfahrenden Autos - und übrigens auch keine Seilbahn. Die dürfte eine Vision bleiben. Bei allem anderen wird man abwarten müssen.

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