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Heimatpflege:Hummel-Figuren suchen Museum

US-Investoren übernehmen Hummel-Figuren-Hersteller Goebel

Weltweiter Verkaufsschlager: Hummelfiguren, gefertigt nach Entwürfen von Berta Hummel.

(Foto: Wolf-Dietrich Weißbach/dpa)

Die Sammlung von weltberühmten Hummel-Figuren sucht ein neues Zuhause - und das Freilichtmuseum braucht schon wieder einen neuen Chef.

Von Hans Kratzer, Massing

Seit der Eröffnung im Jahr 1994 stellte das Berta-Hummel-Museum im niederbayerischen Marktflecken Massing den Inbegriff einer heilen Welt dar. Das war ja auch logisch, denn 1909 wurde in diesem Haus die friedliebende Berta Hummel geboren, die zwar nur ein Alter von 37 Jahren erreichte, aber in ihrem kurzen Leben viel Gutes bewirkte und große Berühmtheit erlangte. Auf ihre Entwürfe gehen die putzigen Hummel-Figuren zurück, von denen weltweit Abermillionen Stück verkauft wurden.

Bereits in den 30er-Jahren besaß jeder zweite deutsche Haushalt eine Hummelfigur, ein amerikanischer Hummel Club zählt noch heute 100 000 Mitglieder. Dass ausgerechnet das Vermächtnis der braven Berta Hummel einen heftigen Streit entfacht hat, mutet seltsam an, zeigt aber eindrücklich, wie kompliziert das Geflecht von Kultur, Politik und Macht bereits auf der regionalen Ebene ist.

Der Heilmeierhof aus dem 18. Jahrhundert gehört zu den historischen Anwesen, die im Freilichtmuseum Massing fortbestehen dürfen. Bald soll in nächster Nähe auch die weltweit größte Hummel-Sammlung eine neue Bleibe erhalten.

(Foto: oh)

Der Fall spitzte sich zu, nachdem die Familie Hummel das Museum 2019 zugesperrt hatte. "Wir verzeichneten zuletzt einen jährlichen Verlust von bis zu 70 000 Euro, das geht auf Dauer nicht", sagt der ehemalige Museumschef Alfred Hummel. Nachdem auch noch die Hummelfiguren-Produktion in Rödental wegen Insolvenz der Firma weitgehend eingestellt wurde, ließen die Verkaufszahlen nach, auch der amerikanische Markt brach ein, und die Besucher, die sonst in Schlangen von Bussen nach Massing kamen, blieben aus.

Der Zweckverband Niederbayerische Freilichtmuseen beschloss 2019, das Massinger Freilichtmuseum um einen Anbau zu erweitern. Dort sollte die "Hummel-Sammlung" eine neue Heimat finden. Das klang überzeugend, denn im Hummelhaus lagert die weltweit größte Hummelfiguren-Sammlung, dazu wertvolle Zeichnungen und Gemälde der Künstlerin Berta Hummel. Doch die Zeit verstrich, ohne dass sich etwas tat. Das irritierte nicht nur die Familie Hummel, die sich fragte: Warum passiert denn nichts? Auch weil sie die Belastungen des Museums (Klimatisierung, Diebstahlsicherung) auch ohne Gäste weiterhin zu tragen hat und das Gebäude nicht anderweitig nützen kann.

Ende 2019 begann allerdings die Maschinerie des Freilichtmuseums Massing zu stottern. Völlig überraschend trat der langjährige Leiter Martin Ortmeier in den Ruhestand, und zwar vor Ablauf seiner regulären Amtszeit. In Person des renommierten Archäologen Volker Herrmann fand sich ein Nachfolger, der mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht wurde. Nach der sechsmonatigen Probezeit aber war für ihn schon wieder Schluss. Auf einstimmigen Beschluss der Verbandsversammlung des Zweckverbands wurde er geschasst, was vielerorts für Kopfschütteln sorgte. Zwei Museumsleiter, die innerhalb eines Jahres abtreten, das warf Fragen auf. Zumal da Herrmann laut Presseberichten über "übelste Angriffe" auf seine Person klagte und beteuerte, es habe nie jemand mit ihm gesprochen. Das habe ihn menschlich und als Demokrat betroffen gemacht.

Der ÖDP-Bezirksrat Urban Mangold reagierte irritiert und besorgt auf diese Entwicklung. Vor wenigen Tagen trat er an die Öffentlichkeit und forderte einen Neustart an der Spitze der Freilichtmuseen Massing und Finsterau. Den Bezirkstagspräsidenten Olaf Heinrich forderte Mangold auf, er solle den Vorsitz im Zweckverband an seinen Stellvertreter Thomas Pröckl übergeben. Wenn der anerkannte Museumsleiter Martin Ortmeier vor seinem Ruhestand die Stelle aufgebe und sein Nachfolger auch schon wieder gehen musste, dann wachse der Eindruck: Da stimmt doch was nicht, sagte Mangold. Fachleute könnten von einer Bewerbung absehen, weil sie sähen, dass man es nicht einfach habe in den niederbayerischen Freilichtmuseen, "wenn man dem Führungsstil des Präsidenten standhält und Anweisungen nicht kniend entgegennimmt". Mangold steht mit seiner Kritik nicht alleine. Es habe sich einiges angestaut, sagt ein Bezirksrat, der namentlich nicht genannt werden will, Heinrich herrsche mit harter Hand, er dulde keine fremden Götter neben sich.

Auf Anfrage der SZ wies Heinrich Vorwürfe bezüglich der Besetzung der Massinger Museumsleitung zurück. Da Urban Mangold nicht Mitglied des Zweckverbands sei, habe dieser keinen Einblick in die aktuellen Vorgänge. Heinrich nannte Mangolds Vorwürfe infam und deutete persönliche Spannungen aus der Zeit in der ÖDP an. Heinrich war bis 2006 Mitglied der ÖDP und wechselte dann zur CSU.

Zur Hummel-Sammlung merkte Heinrich an, der Architekt sei beauftragt, parallel zum Bau des neuen Gebäudes im Freilichtmuseum auch die Sanierung des dortigen Gastronomiebetriebs zu planen, damit das Hand in Hand gehe. Der Neubau, der die Hummel-Sammlung aufnehmen soll, werde nahe des Haupteingangs in den Hang integriert. Dies sei eine Herausforderung, da sich der Bau in das Ensemble einfügen müsse. Heinrich hält es für realistisch, dass die Planung demnächst abgeschlossen werde und noch 2021 die Ausschreibungen erfolgen. Er erwarte, dass mit dem Bau im Frühjahr des nächsten Jahres begonnen werde.

Wann die Museumsleitung neu besetzt wird, ließ Heinrich offen. Es lägen zahlreiche Bewerbungen vor. Im Übrigen sei es in Ordnung, sagte er, wenn jemand wie Martin Ortmeier mit 64 Jahren regulär in den Ruhestand trete. Dass Herrmann die Probezeit nicht überstanden habe, hätten die im Zweckverband vertretenen Kommunen einstimmig beschlossen. Herrmann habe viel Porzellan zerschlagen, eine Weiterbeschäftigung sei undenkbar gewesen.

© SZ vom 25.02.2021/van/vewo
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