Mitten in Bayern:Das Dilemma der Franken

Selbstbewusstsein lässt sich nicht einfach so verordnen. Im Gegenteil: In vielen Fällen basiert es auf der Existenz einer viele Jahrhunderte zurückliegenen höheren Instanz. Fehlt die, kann es schon sein, dann die Umbenennung eines Landkreises zur Herausforderung wird

Glosse von Olaf Przybilla

Will man einem Norddeutschen den wesentlichen Unterschied zwischen Nord- und Südbayern erklärten, dann gibt es eine einfache Variante: die Sprache. Und eine komplexe, dafür aber wahrhaftigere: Vermutlich ist es viel eher der Grad an Selbstbewusstsein.

Komplex ist diese Variante schon deswegen, weil die Erklärung dafür, warum sich Franken so schwer tun mit dem Selbstbewusstsein, alles andere als trivial ist. Bei Stammesforschern beliebt ist die These, dass die Franken im Gegensatz zu den Altbayern historisch nie diese eine normierende, Sicherheit und Selbstgewissheit verkörpernde (königliche) Instanz über sich wussten, die als verbindende Klammer ein vergrübeltes Sinnen über die Frage, wer man eigentlich ist, gar nicht erst notwendig gemacht hätte.

Die Franken wären sich demnach ihrer selbst schon deshalb nicht so nachdrücklich bewusst, weil sie ein paar Kilometer weiter jeweils eine ganz andere Herrschafts- und Gesellschaftsstruktur beobachten konnten. Tatsächlich dürfte die fränkische Balance of Power die Frage, wer man ist, woher man kommt, was man will oder soll, erheblich verkompliziert haben. Selbstsicherheit ist eben schwierig, wenn ein paar Meter den Unterschied machen, ob man gefälligst reichsstädtisch, bischöflich-katholisch oder landesherrlich-protestantisch zu ticken hat. Zumal die Konkurrenz fränkischer Landesherren es nahelegte, sich besser nicht allzu unverbrüchlich festzulegen: Wer weiß denn, ob man sich nicht ganz schnell komplett neu definieren muss? Durch Krieg ist schon mancher katholisch geworden.

Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre? Das ist womöglich der Kern des Dilemmas. Man könnte das die fränkische Identitätskrise nennen, und wer das für eine arglistige (schlimmstenfalls altbayerische) Erfindung hält, der sei nach Wunsiedel verwiesen. Dort haben sie sich über Monate den Kopf darüber zerbrochen, ob sich drei Dutzend Orte zur "Großen Landstadt Fichtelgebirge" zusammenschließen sollten. Und seit diese Debatte abgeflacht ist, wird neuerdings durchgekaut, ob's nicht besser wäre, den Namen des Landkreises abzuändern. Statt "Kreis Wunsiedel" künftig lieber "Kreis Fichtelgebirge"?

Wer sind wir und wenn ja: warum eigentlich nicht. Der Unterschied zwischen Bayern-Süd und Bayern-Nord? Da ist er.

© SZ vom 04.02.2021/van
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