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Tourismus:Kreuth wird "Bergsteigerdorf"

Bürgermeister Josef Bierschneider freut sich, dass Kreuth nun als viertes "Bergsteigerdorf" in Bayern auserkoren wurde.

(Foto: Matthias Köpf)

Viel Natur, viele Ausflügler, viel Verkehr: So kennt man Kreuth. Jetzt hofft die Gemeinde, dass durch die Auszeichnung die Touristen noch länger bleiben.

Wer sich Kreuth über das Westufer des Tegernsees nähert, dem bietet sich der erste idyllische Anblick gleich hinter Bad Wiessee. Saftige grüne Wiesen im Sonnenschein, Ruhe und Einsamkeit inmitten der Berge. Ziemlich genau so muss es wohl aussehen rund um ein "Bergsteigerdorf" des Alpenvereins, wie Kreuth sich nach dem Festakt an diesem Freitag in aller Form nennen darf. Doch das Idyll ist nur ein Foto auf einer großen Reklametafel der hiesigen Tourismuswerber. Sie steht im Kreuther Ortsteil Ringsee, der mit Bad Wiesee genauso zusammengewachsen ist wie der nächste Ortsteil Weißach mit Rottach-Egern. Der Tegernsee mag seine eigenen Reize haben, doch sanften Tourismus gibt es hier nicht. Das Bergsteigerdorf Kreuth beginnt erst ein paar Kilometer hinter der eigenen Gemeindegrenze.

Aber so haben es die Leute vom Alpenverein ja auch verlangt, die Kreuth als viertes Bergsteigerdorf in Bayern auserkoren haben, nach Ramsau bei Berchtesgaden 2015 und der Doppelbewerbung von Schleching und Sachrang im vergangnen Jahr. "Wir haben da schon ein bisschen überzeugen müssen", sagt Bürgermeister Josef Bierschneider, denn auch die DAV-Delegation habe Kreuth bis dahin wohl vor allem "aus der Bundesstraßen-Perspektive" betrachtet. Die B 307 zieht sich parallel zur Weißach durch die Gemeinde, die ganzen 30 Kilometer vom Tegernsee bis hinauf zum Achenpass Richtung Tirol.

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Großflächige Schilder weisen auf ebenfalls üppig dimensionierte Wandererparkplätze hin, doch so groß können die gar nicht sein, dass sie an manchen Wochenenden nicht überquellen würden von Autos mit Münchner Kennzeichen. An der B 307 fädelt sich auch das knappe Dutzend kleiner Weiler auf. Kreuth, Riedlern und Enterfels mit ihren zusammen gut 800 Einwohnern bilden das Zentrum der Gemeinde. Wer hier über die Bundesstraße zur Touristeninformation will, tut gut daran, auf den Knopf der Fußgängerampel zu drücken.

Die ganze Gemeinde hat 3500 Einwohner und damit 1000 mehr als der Alpenverein für seine Bergsteigerdörfer höchstens akzeptieren will. Auch deswegen fügt es sich gut, die vier Ortsteile Richtung Tegernsee abzutrennen, wo sich der Zweitwohnungs- und Drittvillenwahnsinn so unsanft breit gemacht haben. Bürgermeister Josef Bierschneider ist es durchaus bewusst, dass auch innerhalb des Alpenvereins manche die Stirn gerunzelt haben, als ausgerechnet Kreuth Bergsteigerdorf werden wollte.

Ein Mitglied des örtlichen Agenda-21-Arbeitskreises hatte ihm vor vier Jahren von den ersten Bergsteigerdörfern in Österreich erzählt, und als kurz danach im Rathaus der Brief eintraf, mit dem der Deutsche Alpenverein in vielen bayerischen Gebirgsgemeinden für seine Idee warb, machte Bierschneider die Sache zu seinem Projekt. "Das meiste erfüllen wir ja praktisch schon", habe er sich gedacht. So erzählt es Bierschneider, der 46 Jahre alt ist und trotzdem seit 20 Jahren Bürgermeister, anfangs der jüngste in ganz Bayern. Auf der "Wasserfall-Runde", einem kurzen Spaziergang oberhalb des Ortskerns, bietet Bierschneider eine andere Perspektive abseits der Bundesstraße auf das Bergsteigerdorf.

Auf die vielen kleinen Gastgeber zum Beispiel, auf den Gratisbus für Bergsteiger, auf das "Warmbad", das sie schon seit Jahrzehnten mit Solarenergie heizen, auf den Bäcker mit seinem "Bergsteigerdorflaib", auf die Käsereien und auf die Herzogliche Fischzucht beim Wildbad Kreuth. Das war jahrzehntelang Schauplatz und Kulisse des allwinterlichen bayerischen Weltpolitiktheaters, das die CSU aber seit zwei Jahren anderswo aufführt. Seither warten alle darauf, dass sich die von der Eigentümerin Helene in Bayern angekündigten Pläne für ein Sanatorium verdichten. Ihr Wittelsbachischer Vorfahr Max I. Joseph hatte das Wildbad 1818 gekauft und das alte Bad der Mönche vom Tegernsee zu einem Kurort für Könige und Zaren gemacht. Neben dem Wildbad gehört den Wittelsbachern auch die bekannte Königsalm. Der weitaus größte Grundeigentümer jedoch ist der Freistaat, vertreten durch die Staatsforsten.

Die Idee vom Bergsteigerdorf biete für Kreuth "eine gute Perspektive"

Jörn Hartwig, vor 60 Jahren in Kiel geboren und zur Bundeswehr nach Bayern gekommen, ist Leiter des Kreuther Forstreviers und seit 25 Jahren Umweltreferent der DAV-Sektion Tegernsee. Hartwig hütet als Förster noch Waldstücke wie das kleine, seit Jahrhunderten nicht mehr bewirtschaftete, weil kaum zugängliche Naturwaldreservat Totengräben. Als Umweltreferent hat er sich "mit Händen und Füßen" gegen den Skibus gewehrt, der 2017 Freizeitsportler aus München zu nächtlichen Skitouren an den Hirschberg bringen sollte. Am Hirschberg und am Kirchberg gibt es die beiden einzigen Lifte in der Gemeinde, sie sind aber kaum der Rede wert. Dafür werden 60 Kilometer Loipe gespurt.

Die Idee vom Bergsteigerdorf biete für Kreuth "eine gute Perspektive", sagt Hartwig und formuliert das gleiche Ziel wie Bürgermeister Bierschneider oder Tourismus-Chefin Andrea Huber: Es sollten möglichst nicht mehr Gäste werden, denn "mehr können sie ja gar nicht mehr werden", sagt Hartwig. Statt der unzähligen Tagesausflügler sollen aber lieber Menschen kommen, die sich vier oder fünf Tage oder gleich eine Woche Zeit lassen, die sich einlassen auf den Ort und auf die Natur - und die Übernachtungen bringen, statt nur Verkehr und schnellen Umsatz auf der Hütte. Josef Bierschneider denkt da auch noch an die kommenden Generationen, an den Wunsch, die Natur und die Kultur in Kreuth für sie zu erhalten und daran, dass das Siegel Bergsteigerdorf wiederum für die kommenden Kreuther eine moralische Verpflichtung sein könnte, nicht doch noch ein Hotel ins Tal zu klotzen oder eine Schneise für irgendeinen spektakulären Funsport durch den Bergwald zu schlagen.

Jörn Hartwig hat einen Lieblingsplatz oben am Filzenkogel, von dem er den Ortskern sieht und sein Haus in Enterfels. "Da hab ich noch nie jemanden getroffen, außer manchmal eine Gams", sagt er. Viele Einheimische wüssten ohnehin alte Jägersteige, wo es wirklich einsam zugehe. Manche andere seien aber noch nicht einmal auf dem Leonhardstein gewesen, dem zackigen Wahrzeichen von Kreuth. In einem sind sich hier aber auch alle sicher: Die unsichtbare Grenze zwischen dem neuen Bergsteigerdorf Kreuth und den Ortsteilen am See wird spätestens vom kommenden Jahr an keine Rolle mehr spielen.

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