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Kratzers Wortschatz:Wo sich Schwedisch und Bairisch berühren

"Dua di fei zwoong!": So wurden Kinder im Chiemgau früher ermahnt, wenn sie sich waschen sollten. Ein verwandtes Wort hören sie in solchen Fällen bis heute noch in Schweden.

Von Hans Kratzer

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Studie: Sachsen-Anhalt hat Kinderbetreuung verbessert

Quelle: picture alliance / dpa

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zwochen

Selten hat ein in dieser Kolumne vorgestelltes Wort so viele Reaktionen hervorgerufen wie das alte Verbum zwochen (zwocha), welches auch in der Lautform zwoong bezeugt ist. Dabei handelt es sich um ein Wort aus der Vergangenheit, wie die Mitteilung von Lorenz Wachinger belegt. Er kennt zwochen aus dem Chiemgau, wo die Kinder früher ermahnt wurden: "Dua di fei zwoong!" Das bedeutete: Vergiss nicht, dich zu waschen! Mehrere Leser wie etwa Gunda Schricker weisen auf den alten Schmeller hin, der dieses Wort im 19. Jahrhundert in seinem Wörterbuch vermerkt hat, und zwar als zwahen und zwagen (Spalte 1175 im 2. Band der 2. Auflage). Marcus Maximilian Muhr schrieb uns, zwochen gehe auf das mittelhochdeutsche twahen zurück, das waschen, baden bedeute. Es heiße im mittelbairischen Standard folgerichtig zwahà, mit dunklem a. Interessant ist ein Schreiben von Bengt Sandberg aus Kungsback in Schweden. Er teilte mit, der Ursprung von zwochen sei das mittelhochdeutsche Verb zwagen, das im Schwedischen noch heute vorhanden sei, und zwar unter der Form tvaga mit der Bedeutung waschen. Felix Fischer verwies ebenfalls auf zwagen und dessen mittelhochdeutsche Formen twahen und dwahen. Beide Wörter seien schon im Althochdeutschen in der Grundbedeutung waschen bezeugt. Das Wort zwagen, so fährt Fischer fort, sei schon vom Bibliothekar Johann Christoph Adelung im 18. Jahrhundert als "im Hochdeutschen völlig veraltet" bezeichnet worden. Im Oberdeutschen hingegen habe sich "dieses Wort laut Grimmschen Wörterbuch länger gehalten, wofür die bairischen Wortformen zwocha und zwoong einen eindrucksvollen Beleg darstellen".

Brotherstellung bei der "Hofpfisterei" in München, 2013

Quelle: Florian Peljak

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hudeln

Zu dem Verb hudeln, das neulich hier genannt wurde, verweist Heinz Duschner aus Mainz auf die Kunst des Brotbackens. Duschner schreibt: "Nachdem die Backräume der Öfen mit Holzfeuer auf die richtige Temperatur gebracht wurden, mussten verbliebene verkohlte Holzreste, Asche, etc. aus dem Brennraum entfernt werden, um dann die zu backenden Brotteige laden zu können. Dazu wurde der Brennraum mit feuchten Lumpen (Hudel) ausgewischt. Da es im Brennraum aber noch sehr heiß war, musste man sich beim Hudeln beeilen, also hudeln." Nicht hudeln heißt also: Man soll sich Zeit lassen.

Süßwarenhersteller Haribo wird 90 Jahre

Quelle: dpa

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Der Gummi

"Gib Gummi!" lautet eine moderne Redensart, sie bedeutet: Fahr schneller, beeil dich! Der Ausruf weckt Assoziationen vom Autoreifen bis hin zum Kondom. Sepp Obermeier hat uns eine Episode übermittelt, in der Gummi sogar kleidungstechnisch von Bedeutung war. Ein Bierfahrer aus Konzell war demnach als Single (Oaschichtiger) leicht erkennbar. Seine Knopflöcher am Hemd waren nämlich ausgefranst, und weil er keine Frau hatte, welche hier mit Nadel und Faden einschritt, hatte er einfach, um den Knöpfen Halt zu verschaffen, einen Flaschengummi eingefädelt. "Die Bierflaschengummi-Knopflöcher waren also so etwas wie ein Oaschichtigen-Indikator", schreibt Obermeier. Während es in Bayern der Gummi heißt, ist im Norden der Republik genusmäßig auch das Gummi geläufig. In Bayern gilt das Neutrum nur in den Formen das Gummibärle und das Gummizeltl (Fruchtgummi). Zeltln sind Bonbons, also Guatl, ein Zelten aber ist ein Lebkuchen oder ein sonderbarer Mensch wie der Bierfahrer mit dem Gummi im Knopfloch.

Water - Photo Illustrations

Quelle: Getty Images

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zwocha

Ein kurioses Wort hat uns Annette Dudenhöffer mitgeteilt. "Host di no net zwocht?" und "Du kanntst di amoi wieda zwocha!" Das sind Fragen und Aussagen, wie sie Frau Dudenhöffer im Chiemgau vernommen hat, genauer zwischen Traunstein und Ruhpolding. Eine Freundin ihrer Mutter (Jahrgang 1925) habe dieses Wort immer dann gebraucht, wenn jemand einen strengen Körpergeruch verströmte. Zwocha, das ist quasi die Aufforderung, das wöchentliche Bad zu nehmen, wie es früher üblich war, als es die tägliche Dusche noch nicht gab. "Nach der Erfindung der Dusche ist das Verb leider in Vergessenheit geraten", schreibt Frau Dudenhöffer in Erwartung weiterer erhellender Ausführungen. Vorerst bleibt nur zu sagen, dass dieses Wort kaum dokumentiert ist, nur in Hans Müllers Wörtersammlung "So wead gredd" aus dem Rupertiwinkel wird das Verb zwoong erwähnt - es klingt so ähnlich und bedeutet ebenfalls waschen.

Puchheim: SCHWARZE SAU - artgerecht gehaltenes Schwein im Dreck

Quelle: Johannes Simon

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Gesengte Sau

Dieser Montag ist im Kalender als Kirchweihmontag markiert. Auf den Dörfern zog sich das Kirchweihfest (Kirta) einst vom Sonntag bis zum Mittwoch hin. Vor allem in kulinarischer Hinsicht war es ein Höhepunkt im Jahreslauf. Natürlich wurde für die Festtage auch eine Sau geschlachtet. Und deshalb hat sich zu all den angenehmen Kirta-Begriffen (Kirtanudel, Kirtagans, Kirtahutschn) auch ein Schimpfwort gesellt, nämlich die gesengte Sau. Heute wird dieser Begriff überwiegend zur Würdigung eines Rasers im Straßenverkehr verwendet: "Der fährt wie eine gesengte Sau!"

Die gesengte Sau hat ihren Ursprung im Schlachtvorgang. Nach dem Abstechen der Sau wurden zuerst mithilfe von Ketten ihre Borsten abgeschabt. Realistisch dokumentiert ist dieses Procedere im damaligen Skandalfilm "Jagdszenen aus Niederbayern" (1969). Manchmal wurden die Borsten auch abgesengt. Während dieser Tortur kam es durchaus vor, dass ein betäubtes Tier ob der unsäglichen Schmerzen wieder wach wurde und sich - gleichsam als gesengte Sau - in wilder Panik aus dem Staub machte.

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Quelle: Claus Schunk

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Soderer

Der aus der Chamer Gegend stammende Hermann Weichs hat der SZ die ungewöhnlichen Wörter Soderer und sodern anempfohlen. Wem da der Minister Söder in den Sinn kommt, dem sei gesagt, dass ein Soderer a priori kein Politiker, sondern so etwas wie ein Dampfplauderer oder ein Mausdoudschmatzer ist. Gleichwohl lästert man in Cham, wenn ein Politiker sodert, also viel redet und nichts sagt: So ein alter Soderer! Weichs schreibt, vor Kurzem habe ihm ein Freund geraten, er solle nicht bloß sodern, sondern sich in Cham aktiv einmischen.

Nachtrag: sudern

Ein Leser schrieb uns enttäuscht, er habe zu dem Wort Soderer eine etymologische Herleitung vermisst. Die Redaktion hat deshalb noch einmal nachgedacht und ist auf das Verbum sudern gestoßen, das im Bayerischen Wald und in der Oberpfalz zu hören ist, wenn jemand, dem man nichts recht machen kann, immer jammert, raunzt oder nörgelt. Suderer und Suderanten (Soderer) sind demnach lästige Meckerer oder Querulanten. Österreichische Wörterbücher leiten sudern vom Sud ab, einer Flüssigkeit, in der etwas gekocht wurde. Überdies verweisen sie auf das mittelhochdeutsche suttern (sieden, brodelnd kochen). Ein Suderer blubbert demnach wie das siedende Wasser ständig vor sich hin.

Regenwetter

Quelle: dpa

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Schnürlregen

Vergangene Woche hatte eine Münchner Heimatzeitung ihren Reporter nach Wien geschickt, damit er über den Sänger Rainhard Fendrich und sein neues Album "Schwarzoderweiß" berichte. Leider vermied der Journalist ein süddeutsch-österreichisches Wort, das dem Text über den Österreicher Fendrich Würze verliehen hätte. "Der Nieselregen tropft gegen das Fenster", war zu lesen, ein paar Zeilen weiter tauchte der Nieselregen erneut auf.

Schade, wenn eine Münchner Zeitung in Wien den Piefkenesisch klingenden Nieselregen bemüht. Immerhin gäbe es im bayerisch-österreichischen Sprachkosmos das feine Wort Schnürlregen, das auch Fendrich verwendet. Aber vermutlich ist der Schnürlregen ein Opfer des Sprachwandels. Dennoch: Dieser Dauerregen, der in Salzburg am elegantesten vom Himmel fällt, verdient kein anderes Wort. Der Regen fällt quasi wie am Schnürl gezogen herunter, bildhafter geht es nicht. Nicht umsonst ist das Wort Schnürl (Bindfaden) in eine Redewendung eingegangen. Wenn etwas reibungslos funktioniert, dann läuft alles wie am Schnürl. Auch der liebe Schnürlhanswurst, eine Marionette, hängt an Schnüren. Nur der Gebrauch dieser heiteren Begriffe läuft nicht mehr wie am Schnürl.

Gedenken an König Ludwig II.

Quelle: dpa

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neigstessen

König Ludwig II. ist der populärste Bayer aller Zeiten. Obwohl sein Tod im Starnberger See schon 130 Jahre her ist, giert das Volk immer noch nach Neuigkeiten über den König. Ohne seine Schlösser und ohne seinen Mythos wäre das Land Bayern für Touristen wohl nur halb so interessant. Nun ist ein Brief aufgetaucht, den er kurz vor seinem Tod geschrieben hat. Er nährt den Verdacht, dass Ludwig II. nicht so verrückt war wie die alten Gutachten suggerierten. Ist der König also doch ermordet worden? Auch im alten König-Ludwig-Lied wurden schon früh Gerüchte über ein Komplott verbreitet: "Nach Schloß Berg hams dich gefahren / in der letzten Lebensnacht, / da wurdest du zum Tod verurteilt / noch in derselben grauen Nacht. / Der Doktor Gudden und der Bismarck, / den man den falschen Kanzler nennt, / haben ihn in See neigstessn, / indem sie ihn von hint angerennt." In See neigstessen! Demnach wurde Ludwig also in den See hineingestoßen. Das Partizip neigstessen klingt, als wäre es eigens für Ludwigs tragisches Ende erfunden worden. Auf dem Land würde man einigstessen sagen, neigstessen ist die etwas vornehmere Dialektvariante, wie sie der Schauspieler Walter Sedlmayr gepflegt hat. In der Causa Ludwig II. aber ist neigstessen als Synonym für ermordet zu verstehen. Denn im flachen Wasser wäre der König, der ein guter Schwimmer war, bestimmt nicht ertrunken, wenn man ihn "nur" neigstessen hätte.

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Quelle: Stephan Rumpf

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gstarrad

Die Uhr Ludwigs II. blieb am 13. Juni 1886 um 18.54 Uhr stehen. Als gut drei Stunden später die Leichen des Königs und des Arztes Gudden am Ufer des Starnberger Sees gefunden wurden, war bei beiden die Totenstarre eingetreten. Der König war also gstarrad (gstarrert). Aber auch Lebende können bereits gstarrad sein. Ein Kollege war neulich in einer Muckibude, um seinen Body zu stählen. Er hatte nicht bedacht, dass er an Lebensjahren nicht mehr der frischeste ist und der Körper eingerostet war. "Mensch, war ich gstarrad!", wunderte er sich.

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Quelle: Sebastian Beck

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Eding

Der Gnadenort Altötting heißt im Volksmund Eding. Freilich wird schon seit dem Mittelalter offiziell zwischen Alt- und Neuötting (Nei-Eding) unterschieden. "Heid geh ma auf Eding", sagen Fußwallfahrer, die nach Altötting zur Schwarzen Madonna pilgern. Mündliche und schriftliche Benennung weichen im Falle von Altötting wie bei vielen Ortsnamen stark voneinander ab. Der Ortsnamenforscher Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein nennt in seinem Lexikon die sprachgeschichtlich älteste Form aus dem 8. Jahrhundert: Autingas. Der Name Oeting taucht erstmals im 12. Jahrhundert auf.

Nach der Gründung von Neuötting erhielten die Ortsnamen unterscheidende Zusätze. 1231 lesen wir erstmals den Namen novi Odingen, 1336 heißt es "ze alten Oetyng", 1399 folgt Altenoeting. Die Urform Autingas verweist auf den Namen Auto, der aber kein mittelalterliches Kraftfahrzeug benennt, sondern eine Person. Eding bedeutete ursprünglich "bei den Leuten des Auto". Berühmt ist der Tod von Eding, ein Gerippe, das auf einem über dem Eingang der Stiftskirche hängenden Uhrkasten steht und bedächtig, aber unentwegt die Sense schwingt.

Mit jedem Schwung, so sagt die Überlieferung, werde auf der Welt ein Leben ausgelöscht. Der Tod von Eding (Doud vo Eding) erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens. Über einen Menschen, der von Krankheit gezeichnet ist, sagt man heute noch: "Der schaut aus wie der Tod von Eding."

Biergarten in München

Quelle: Robert Haas

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hudeln

Das Verb hudeln war in der Süddeutschen Zeitung in den vergangenen fünf Jahren nur fünfmal zu lesen. Es zählt also nicht zu den Lieblingswörtern der Redakteure, aber gleichwohl ist es ein ausdrucksstarkes Verb. "Nur ned hudeln" lautet ein beliebter bayerischer Sinnspruch. Er bedeutet: Mach langsam, nur nichts überstürzen! Zeit lassen! Wer hudelt, der arbeitet oft zu hastig und dadurch zu schlampig. Ein Hudler ist ein Mensch, der ständig hudelt oder zur Hudelei neigt. Die Österreicher kennen neben dem Hudler auch noch den Hudriwudri, das ist ein unkonzentrierter, schusseliger Mensch.

Institut für Deutsche Sprache

Quelle: dpa

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no nia ned nix anders ned

Eine Privatbrauerei aus Markt Schwaben hat extra zum 500. Jubiläum des Reinheitsgebots ein Helles gebraut. Es klingt lustig, wie es auf Plakaten beworben wird: "Mia ham no nia ned nix anders ned drunga!" Das klingt, als habe der Werbetexter an grammatischer Insuffizienz gelitten. Auf den zweiten Blick ist an dem Spruch aber nichts auszusetzen, mag er auch die bairische Sprachlogik auf die Spitze treiben.

Tatsächlich kann man im Bairischen einen Satz doppelt und dreifach verneinen, im Notfall sogar öfter. In der alten Literatur begegnet man dem oft, und manchmal auch noch im Alltag. Ludwig Thoma formulierte die mehrfache Verneinung zum Beispiel in den "Lausbubengeschichten": "Ich fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte nein, weil er keine so starken nicht raucht."

Der Sprachwissenschaftler Hans Ulrich Schmid sagt, die einzelnen Negationswörter höben sich im Bairischen nicht gegenseitig auf, sondern sie stützten einander. Das Phänomen gründe in der Sprachgeschichte. Das Wort kein (bairisch: koa) diente demnach früher nicht zur Negation, sondern als unbestimmtes Pronomen, ähnlich dem heutigen irgendein.

Ein Satz wie "I hob koa Geld ned dabei" bezeugt also ein altes Sprachrelikt. "Vater, i will den Mann nie-nindert-nit und nimmer wiedersehn", sagt die Bernauerin in einem Stück von Carl Orff. Unter all den verneinenden Adverbien ist "nit" die primäre Negation. Die anderen Wörter beziehen sich laut Schmid stützend und präzisierend auf Ort und Zeit. Wer dessen eingedenk ist, wird nie keinen Fehler nicht machen.

Trachtendesigner jörg Sittenkofer  von Gott sei Dank an der Schleißheimer Straße  273, Milbertshofen

Quelle: Florian Peljak

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Gilet

Im Kreuzworträtsel der SZ wurde kürzlich nach dem Wort Gilet gefragt. Es stammt erkennbar aus dem Französischen und bezeichnete einst auch in Bayern eine Weste. Wie bei der doppelten Verneinung neigt der Bayer auch hier zur Verstärkung. So hängte er den französischen und den deutschen Begriff zur Giletweste zusammen.

Es gibt noch das Leiberl als weiteres Synonym. Deshalb hat die Weste mitunter eine dreifache Naht: "Ach bring mir doch mein Giletwestenleiberl!" In Ludwig Thomas Stück "Die Eigentumsfanatiker" kommt sogar die Giletleiblwestentasche vor.

Voralpenland im Morgendunst

Quelle: dpa

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wax

Auf dem Land draußen duftet gerade das Heu. Frisch gemähte Wiesen verführen einen geradezu zum Barfußlaufen. Ist das Gras noch widerborstig, sticht es an den Fußsohlen, der Boden ist dann wax. Auch Marile Gloecklhofer ist früher gerne barfuß gelaufen, wie sie uns geschrieben hat. Ein Weg mit Kieselsteinen war aber sehr wax. Wenn sich ihr Vater nicht rasiert hatte, waren seine Wangen dagegen waxig. Da wurde und wird genau unterschieden. In Wörterbüchern wird wax als scharfkantig und spitz erklärt. Aber auch ein Mensch kann wax sein. Trotz Genderdebatte muss man festhalten, dass es überwiegend Frauen sind, denen ein waxer Charakter zu eigen ist. Wenn es über eine Person heißt: "Des is a ganz a Waxe!", dann sollte man bisweilen einen Bogen um sie machen.

Klimawandel verstärkt Artenschwund

Quelle: Ronald Wittek/dpa

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Gamskampler

Mehr als 250 Bands und Solisten haben beim Heimatsound-Wettbewerb des Bayerischen Rundfunks (BR) teilgenommen. Sieger wurde eine Band, deren Name noch origineller klingt als ihre Musik. Das schräg gekleidete Trio nennt sich Gamskampler. Der Bandname erschließt sich recht schnell, wenn man weiß, dass die Musiker aus der Nähe von Oberammergau herstammen, wo ja die Wege zur Gams nicht weit sind. Ob die Burschen schon einmal eine Gams gekampelt haben, wissen wir nicht. Der BR hat den Begriff Gamskampler kurzerhand mit "Gämsenkämmer" übersetzt. Dies zeigt, dass nur die bayerische Variante dem Ohr schmeichelt. Das Verb kampeln bedeutet tatsächlich kämmen. Im übertragenen Sinn steht der Gamskampler aber für eine ungeschickte Person. Als solche inszenieren sich die drei Burschen auch in ihren Bühnenshows, die sie gut gekampelt bestreiten. Auch Gerhard Polt verwendet das Verb kampeln. In seinem Buch "Hundskrüppel" beschreibt er eine Frau, "die ganz streng die Haare nach hinten gekampelt hatte."

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Quelle: AFP

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Kleinhäusler

Bei der Fußball-Europameisterschaft (EM) sind neben den göttergleichen Superstars auch einige Spieler aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht gerückt, etwa der ungarische Dauerläufer László Kleinheisler. Überdies trägt dieser einen interessanten Nachnamen.

Geboren in der nordungarischen Industriestadt Kazincbarcika, steht Kleinheisler heute beim Bundesligisten Werder Bremen unter Vertrag, der ihn aber nur selten spielen lässt. Dafür brilliert er in der ungarischen Nationalelf. Seinem Namen nach zu urteilen dürfte Kleinheisler österreichische Vorfahren gehabt haben.

Der Begriff Kleinhäusler war einst im bairischen Sprachraum, der ja auch weite Teile Österreichs umfasst, ein gängiger, wenn auch abwertend verwendeter Begriff. Ein Kleinhäusler besaß zwar ein Anwesen, bewirtschaftete aber keine Grundstücke. Am Stammtisch der Großbauern war für den Kleinhäusler kein Platz. Der Fußballer László Kleinheisler hat dem Namen bei der aktuellen EM indessen große Anerkennung verliehen. Der Spieler ist mittlerweile sogar eine Nummer zu groß für den Zweitligisten 1860 München, der zuletzt vergebens um ihn geworben hat.

Bioladen Biosphäre in Berlin

Quelle: picture alliance / dpa

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Stranitzl

Mitarbeiter der Kultursendung Capriccio (Bayerisches Fernsehen) haben neulich Passanten auf der Straße gefragt, was denn ein Stranitzl sei. Das Ergebnis war ernüchternd. Obwohl fast alle Befragten mehr oder weniger Mundart sprachen, hat nur eine Dame dieses Wort gekannt, allen anderen war es fremd. Selbst so vertraut klingende Wörter wie Stranitzl verschwinden also lautlos und unbemerkt aus unserer Alltagssprache.

Vor einigen Jahrzehnten hätte noch jedes Kind diesen Begriff gekannt - damals, als die Ware im Kramerladen noch nicht in chemisch müffelnde Plastiktaschen, sondern in braune Spitztüten eingepackt wurde. In den Häusln und Aborten fanden diese Stranitze(l)n in Zeiten ohne Toilettenpapier schließlich ihre finale Verwendung. In Niederbayern und in Österreich sagte man auch Stanitzel oder Staritzl, während im nördlichen Bayern Rogel das übliche Wort für die Papiertüte war.

Niedrigwasser auf Mittelrhein

Quelle: dpa

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Varreckerl

Immer mehr Menschen hegen Zweifel, ob Europa noch eine Zukunft hat. Angesichts des Tohuwabohus in der Finanz- und Flüchtlingspolitik droht eine Erosion der EU. In der Südostbayernbahn unterhielten sich neulich zwei Männer über ihre Zukunftssorgen. "Europa ist doch nur noch ein Varreckerl", sagte der eine unter Verwendung eines wunderbar bildhaften Wortes. Unter einem Varreckerl versteht man eine Pflanze, die nicht wachsen will. Hinter diesem niedlich klingenden Wort steckt das schriftsprachlich eher brutale Verb verrecken. Im Bairischen wurde es stark abgemildert. Ums Verrecken (Varrecka) sagt man, wenn etwas nicht funktioniert. In einer Folge der TV-Serie München 7 ruft die Standlfrau Elfi dem Polizisten Xaver Bartl zu: "Irgendwas wollt ich dir no sagen. Aber des fällt mir jetzt ums Varrecka ned ein!"

Politischer Aschermittwoch - CDU

Quelle: dpa

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Alisi

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) hat beim Neujahrsempfang der Straubinger CSU den örtlichen Bundestagsabgeordneten Alois Rainer (CSU) gelobt. Politiker, die den Vornamen Alois tragen, gelten seit jeher als markante Persönlichkeiten. Man denke nur an den früheren Kultusminister Alois Hundhammer (CSU) und an Alois Glück, den ehemaligen Fraktionschef der CSU. Alois ist ein aussterbender, aber einst in Süddeutschland weit verbreiteter Name, der im Heiligenkalender dem Jesuiten Aloisius von Gonzaga (1568-1591) zugeordnet ist. Früher gab es eine Vielfalt von Nebenformen des Alois, zum Beispiel Alis, Lois und Loiserl. Altmaier sagte zu Alois Rainer Alwis, wie es im Saarland üblich ist. Im Bayerischen Wald sind die Formen Äus, Äuserl und Äusl bekannt. Die in Südbayern populäre Koseform Alisi wurde auch abwertend für einen Burschen mit beschränkter Auffassungsgabe verwendet. Wie jede Kellnerin Zenzi gerufen wurde, so nannte man die Lehrbuben gerne Alisi. Manchmal wird Alois von Alwisi hergeleitet, einer vom althochdeutschen Alawis abgeleiteten Form. Übersetzt heißt sie: der sehr Weise. Alois Hundhammer wurde von Freunden übrigens Alisi der Gebartete gerufen.

SPD-Vize Ralf Stegner

Quelle: dpa

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Gfries

Der Autor Josef Wittmann hat kürzlich erzählt, ihm blicke jeden Morgen im Spiegel ein "hoibe sieme Gfries" entgegen. Mit diesem schönen Bild brachte er sein Erstaunen über sein zerknittertes Gesicht in der Früh um halb sieben Uhr zum Ausdruck. Nichts könnte dieses Phänomen besser ausdrücken als das Dialektwort Gfries, das etymologisch mit der Fresse (Mund) verwandt ist.

Im Bairischen verwendet man die Wörter Gfries (Plural: Gfrieser) und Lätschen für Menschen, die mürrisch und weinerlich dreinschauen. Diese schneiden entweder ein Gfries oder sie ziehen eine Lätschen. Der Kabarettist Gerhard Polt hat einmal über den Frühsport im Fernsehen gelästert: "Was die für a Lätschn ziang; a soichas Gfries. Des gibt's ja ned, dass Gsundheit so traurig macht." Ein überragendes Talent, Gfrieser zu schneiden, besitzt der SPD-Politiker Ralf Stegner, der die menschenfreundliche Politik, die er für seine Partei reklamiert, stets mit einer Mimik konterkariert, die den Verdacht erweckt, er habe zum Frühstück rostige Nägel verdrückt.

Neuerdings ist statt Gfries oft Gfriss zu lesen, was wegen der Urform Gefriss möglich ist. Man spreche das Wort trotzdem mit langem Vokal (Gfriies) aus, denn nur dann findet die Verdrießlichkeit auch im Tonfall ihre Entsprechung.

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Quelle: Catherina Hess

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Stianghausratschn

Die aus Aßling stammende Kabarettistin Roswitha Spielberger tritt unter dem fast schon philosophisch anmutenden Künstlernamen Stianghausratschn auf. Der Begriff Stianghaus (Stiegenhaus) ist in Bayern vom Aussterben bedroht, statt Stiege verwendet man heute das niederdeutsche Wort Treppe. In Österreich aber ist die Stiege als hochsprachlicher Begriff noch allgegenwärtig.

Eine Ratschn wiederum, auch als Ratschkathl bekannt, ist eine Person, die alles austratscht und Gerüchte streut. Was waren das für gemütliche Zeiten, als die Tratscherei aufs Stiegenhaus beschränkt blieb. Heute haben wir eine globale Ratschn, die heißt Facebook, doch deren hysterische Tratscherei ist gefährlicher als alle Stianghausratschn zusammen.

CSU-Vorstandssitzung

Quelle: dpa

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fackeln

CSU-Chef Horst Seehofer hat seinen Generalsekretär Andreas Scheuer argumentativ unterstützt, nachdem dieser gefordert hatte, straffällige Asylbewerber ohne Prozess abzuschieben. Wenn jemand bei einem schweren Delikt erwischt werde, "da würde ich nicht lange fackeln, sondern dann sollen die Menschen dorthin zurückkehren, woher sie gekommen sind", sagte der Ministerpräsident.

Dieser Satz war nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich interessant. Seehofer intonierte nämlich den Buchstaben a im Verb fackeln, wie im Radio deutlich zu hören war, fälschlicherweise mit hellem Klang. In der Bedeutung "zögern", die Seehofer im Sinn hatte, wird fackeln jedoch mit dunklem a gesprochen.

Mit Seehofers hellem a erhält das Verb im Bairischen eine andere Bedeutung: Dann meint fàckeln (fàggeln) nämlich ferkeln. Wenn eine Sau ferkelt, dann wirft sie Ferkel (Fàckl, Suckerl). Wenn im Alltag etwas fàggelt, dann hat das nichts Gutes zu bedeuten.

Der Speedy, ein gewiefter Layouter in der SZ-Redaktion, ist normalerweise die Ruhe in Person. Aber wehe, wenn das Computerprogramm einmal hängt, was ja oft in Zeiten größter Zeitnot geschieht. Dann greift der Speedy ebenfalls zu diesem Verb, um Druck abzulassen: "Da fàggets ja üwarall", schimpft er und die armen Schreiberlinge ahnen: "Jetzt geht wirklich gar nichts mehr."

Die Geburtenrate in Bayern ist hoch.

Quelle: Waltraud Grubitzsch/dpa

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Fàckl (Fàgge)

Das zum Verb fàggeln gehörige Substantiv lautet Fàgge (Fàckerl). Es ist so bildhaft, dass es quer durch die Alltagssprache benützt wird. Früher bezeichneten tadelnde Mütter ihre Kinder als Fàgge, wenn sie sich schmutzig gemacht hatten. In einem Waggon der Südostbayernbahn hat neulich ein junger Vater auf innige Weise mit seinem Säugling kommuniziert, voller Begeisterung und mit hoher Schmusestimme herzte er ihn allerliebst zum Gaudium der Mitfahrer: "Ja bist du ein Fackebär, ein so ein Fackebärle, du, du, ja du Fackebärle!" Wenn lässige User aber von Fackebuck reden, dann meinen sie weniger ein liebes Lebewesen, sondern das Internet-Medium Facebook.

CHRONIK DER WOCHE

Quelle: DPA/DPAWEB

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Mascherl

In der Vorwoche ist an dieser Stelle bei der Betrachtung des Verbs aufbrezeln der Eindruck erweckt worden, es handle sich um eine hiesige Wortvariation. "So ein Schmarrn!", hat uns daraufhin Niko Schuller geschrieben. Aufgebrezelt könne nicht bairisch sein. "Ich esse auch keine Brezeln, sondern Brezen", argumentierte er. Aufgebrezelt stamme aus der heute üblichen, norddeutsch geprägten Jugendsprache. "In Bayern sagt man aufgmascherlt", schreibt Schuller, denn früher seien kleine Mädchen an Sonn- und Feiertagen mit Schleifen (Mascherl) im Haar oder an den Zöpfen hübsch gemacht worden.

Tatsächlich werden Zöpfe durch Mascherl (althochdeutsch masca=Geknüpftes) zusammengehalten. Zu feierlichen Anlässen hat man sich ein Mascherl ins Haar gebunden. Auch ein Geschenk kann man mit einem Mascherl schmücken. Und auf lustigen Festen wird gerne das beliebte Frau-Meier-Lied angestimmt: "Frau Meier, Frau Meier hat a gelbe Unterhosen an - mit rote Mascherln dran . . ."

Symbolbild Bäckerei

Quelle: Paul Knecht/dpa

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Scherzl

Eine bekannte Münchner Bäckerei bewirbt ihre Brotwaren mit dem Argument, sie schmeckten bis zum Scherzl. Das ist genusstechnisch erfreulich, erst recht aber mit Blick auf das Überleben der Münchner Sprachtradition. Schließlich benützt die Bäckerei das wunderbare alte Wort Scherzl. Darunter versteht man die Randstücke des Brotlaibs, also den Anschnitt oder das Reststückerl des Weckens - für manche Genießer ist das die größte Delikatesse überhaupt. Auf ihrer Internetseite definiert die Bäckerei das Scherzl als "das letzte Stück des Brots mit besonders viel Kruste".

In Schwaben kennt man dieses Brotscherzl als Giggl oder Reifle, in Franken als Knorz oder Kuppe, in der Oberpfalz als Ranftl. Auch zum Endstück eines Laibs Leberkäs sagt man Scherzl.

Allerdings hat der BR-Journalist Gerald Huber neulich im SZ-Interview der aufkeimenden Scherzl-Euphorie einen Dämpfer verpasst. Huber erzählte, er habe an einer Münchner Fleischtheke eine Bitte geäußert: "Ich hätt' gern ein Scherzl vom Leberkäs für mei Semmel!" Leider hat die Verkäuferin den Kunden Huber partout nicht verstanden.

SZ Hochhaus Außenansicht

Quelle: Natalie Neomi Isser

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Binkel

Im Münchner Hochhaus der Süddeutschen Zeitung sollte man stets mit wachen Sinnen durch die Gänge wandeln. Hier sind nämlich viele Türen aus Hartglas gefertigt, was schon so manchem Flaneur zum Verhängnis geworden ist. Am Freitag hat es den Kollegen B. erwischt, der gedanklich in die Ferne schweifte und deshalb dynamisch gegen eine solche Tür rannte. Kopf gegen Hartglas, das ergab natürlich ein Hirnbatzl, das sich zu einer respektablen Vorwölbung, also zu einer Beule respektive zu einem Binkel auswuchs.

Dass der Begriff Binkel nicht mehr zeitgemäß ist, hat vor einiger Zeit der Fußballstar Thomas Müller angedeutet, als er nach einem Spiel mitteilte, er habe eine kleine Beule davongetragen. Einem Spieler wie dem aus Anzing stammenden Maier Sepp wäre das Wort Beule früher nicht herausgerutscht. Als er im Tor stand, war der Binkel noch en vogue.

Die aus dem Chiemgau stammende Kollegin K. aber ging, des armen Kollegen B. ansichtig geworden, linguistisch sogar einen Schritt weiter: "Das ist ja ein sauberes Heandl!", entfuhr es ihr. Ein Heandl (Hörndl) ist sozusagen ein Binkel de Luxe. Dank kalter Umschläge hat sich der Binkel des Kollegen B. lediglich zu einem mittelschweren Heandl entwickelt. Ungeachtet dessen ist die Herkunft des Wortes nicht geklärt. Eindeutig zuzuordnen ist jedoch das Halsbinkerl, es ist ein Synonym für den Kropf.

(Außenansicht SZ Verlagsgebäude)

Veronika von Quast beim Brunnenfest am Viktualienmarkt in München, 2011

Quelle: Alessandra Schellnegger

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Oide Schachtel

Die Schauspielerin Veronika von Quast hat in einem Interview mit der Zeitschrift MUH das alte Münchnerische Idiom hochleben lassen. Kein Wunder, stammt sie doch aus einer Ur-Münchner Familie. Ihre Ausdrucksweise verströmt deshalb eine nostalgisch anmutende Exotik. Wörter wie mei, zach, Schlampn und gwampert sprudeln nur so aus ihr heraus.

Nächstes Jahr wird Frau von Quast 70, was ihr aber keine Sorgen bereitet: "Und ich denk, oide lustige Schachteln werden immer gebraucht", sagte sie im Interview. Die oide Schachtel ist im Gender-Zeitalter nicht mehr zulässig, was aber ein Schmarrn ist. Das Wort drückt ja auch eine selbstironische Laissez-faire-Haltung aus. Mit ihm kann man den Prozess des Alterns wunderbar verbal verbrämen. Gelegentlich hört man statt oide Schachtel den Begriff oide Schäsn.

Die Schäsn kommt von chaise (Kutsche) und war eine beliebte Bezeichnung für den Kinderwagen oder das Kleinauto, bis sie zum Kosewort mutierte.

(Archivbild)

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Quelle: SZ

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Es schneibt

Nach vielen frühlingshaften Novembertagen sind nun endlich Schneewolken übers Land geflogen, und mancherorts sind sogar Flocken vom Himmel gefallen. Es hat geschneit, sagt man im Deutschen, aber das schon im Althochdeutschen gängige Verb schneien (sniwan) ist viel zu interessant, als dass man es bei der standarddeutschen Version bewenden lassen sollte. Spannend wird es, wenn die bairischen Dialektformen ins Spiel kommen. Es schneibt und es hat gschneibt, sagen die einen. Es hat gschniebn (gschniem), sagen die anderen.

Die Partizipformen im Bairischen klingen also unterschiedlich, aber sie sind unverzichtbar, weil mit ihnen die Vergangenheit gebildet wird. Einfache Vergangenheitsformen wie im Standarddeutschen gibt es, streng genommen, im bairischen Dialekt überhaupt nicht. Statt "es schneite" sagt man eben: Es hat gschneibt oder: Es hat gschniebn.

Interessant ist der eingeschobene Buchstabe b, der nicht nur bei schneien, sondern auch bei speien (bairisch: speiben) zu beobachten ist. Im Bayerischen Wald ist die Form gschniem gegenüber gschneibt auf dem Rückzug, wie die Dialektologen Manfred Renn und Werner König festgestellt haben. Das b in schneiben und im Stammauslaut von gschneibt ist auf die historischen Vorformen mit w zurückzuführen.

Schon im Althochdeutschen ist laut Renn und König die Verhärtung des w zu einem b zu beobachten (snibit). Auch in schriftlichen Dialekttexten taucht der Einschub des b auf, etwa in Ludwig Thomas Geschichte "Heilige Nacht": "Alle Weg san vaschniebn / Is koa Steigl net bliebn."

Oktoberfest 2013 - Final Weekend

Quelle: Getty Images

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Wischkästla

Im Nordosten des Freistaats Bayern begegnen sich mehrere Dialektregionen, etwa das Nordbairische, das Ostfränkische und das Thüringische. Die Gegend ist ein Paradies für Liebhaber der Sprachvielfalt. Umso interessanter, dass der Bezirk Oberfranken kürzlich die Bevölkerung aufgerufen hat, das oberfränkische Wort des Jahres zu küren.

Als Sieger ging das neue Wort Wischkästla hervor, es ist eine Übersetzung des gängigen Begriffs Smartphone. Das Wort klingt witzig und steht für den ehrenwerten Versuch, den Dialekt im 21. Jahrhundert innovativ weiterzuentwickeln. Auf den weiteren Rängen landeten die Wörter Herrgottsmuggala (Marienkäfer) und etzatla (jetzt).

G7-Gipfel - Aufräumarbeiten

Quelle: dpa

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Kratzers Wortschatz:

Blochantrenzer

Der Wortreichtum des bairischen Idioms ist schier unerschöpflich. Immer wieder kommen Wörter zum Vorschein, die selbst Muttersprachler noch nie gehört haben. Und trotzdem haben sie in diesem Sprachkosmos einen festen Platz. Der Blochantrenzer gehört zum festen Wortschatz der Münchner Iberl-Bühne.

Auch das Ammerseer Bauerntheater greift bei seinem aktuellen Stück "Da Häuslschleicha" auf den Blochantrenzer zurück. Das Verb trenzen ist ein Synonym für weinen. Ein Trenzer ist einer, der weint. Unter dem Wort Blochan ist laut Erklärung der Iberl-Bühne eine Plane, eine grobe Leinwand, ein Tuch zu verstehen.

Der Blochantrenzer ist im übertragenen Sinne einer, der an Inkontinenz leidet und das Wasser nicht halten kann.

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Quelle: AP

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Stoffel

Ministerpräsident Horst Seehofer hat einen Medienwirbel ausgelöst, indem er auf dem CSU-Parteitag Kanzlerin Angela Merkel nach allgemeiner Ansicht unfein behandelt hat. In der SZ wurde Seehofer deshalb als Stoffel tituliert, was für ihn schlecht, für die Zeitungssprache aber gut ist, da dieses selten gebrauchte Wort unbedingt weiterleben sollte. Seine volle Wirkung entfaltet es in der gesprochenen Form. "Du Stoffel!" (bairisch: Stoffe) sagt man zu einem Menschen, der sich schlecht und unhöflich benimmt.

Überdies grüßt ein Stoffel in der Regel nicht. Seehofer zeigte beim Parteitag zwar Stoffel-Anwandlungen, ein ausgeprägter Stoffel ist er aber nicht. Da gibt es in der deutschen Geschichte ganz andere Kaliber. Manche werden sich an den Boxer Norbert Grupe (1940-2004) erinnern, der sich Prinz von Homburg nannte.

Im ZDF-Sportstudio (Juni 1969) machte er einmal vor, wie sich ein wahrer Stoffel benimmt. Moderator Rainer Günzler stellte ihm damals höflich eine Frage nach der anderen, aber Grupe stierte ihn nur an und sagte kein Wort. Mit diesem Auftritt steht Grupe in der deutschen Stoffel-Rangliste klar auf Platz eins.

Stoffel und Stofferl sind Kurzformen des Vornamens Christoph. Allgemein bekannt ist der Musikant Stofferl Well, der aber in der Öffentlichkeit noch nie als Stoffel in Erscheinung getreten ist.

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Quelle: Marco Einfeldt

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Katholisch machen

In einem offenen Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer haben neulich 45 Ordensobere aus Bayern eine humanere Flüchtlingspolitik gefordert. Die Kirchenleute kritisierten vor allem die Rhetorik der Staatsregierung. "Wir fühlen uns von dem, was die CSU in der Flüchtlingskrise tut und sagt, nicht mehr repräsentiert", klagten sie.

Auch die Welt der Kirchengläubigen ist also angesichts der politischen Weltlage aus den Fugen geraten. Das war aber früher nicht anders. Daran erinnert die interessante Redewendung "jemanden katholisch machen". Sie geht vermutlich auf die Zeit der Reformation zurück, in der sich diverse deutsche Regionen vom Katholizismus entfernt und sich der neuen protestantischen Lehre angeschlossen hatten.

Das taten sie freilich nicht ungestraft, denn viele wurden mit Gewalt wieder zur Rückkehr zum katholischen Glauben gezwungen, kurzum: Sie wurden katholisch gemacht. In einem alten Studentenlied ist dies deutlich dokumentiert: "'s Madl is lutherisch worn - müaß mirs wieder katholisch macha!"

Von dem Kabarettisten Gerhard Polt wissen wir, dass er evangelisch getauft wurde, was aber damals in der Altöttinger Gegend als sehr ungewöhnlich galt. "Also hat man mich katholisch gemacht." Der Spruch wird heute im übertragenen Sinn verwendet.

Jemanden katholisch machen heißt: Den bringen wir wieder auf den richtigen Weg. Eben das planen nun die Ordensleute mit Blick auf ihre möglicherweise von der Nächstenliebe abdriftenden Glaubensbrüder Seehofer, Söder und Ramsauer.

Kinderkrippe

Quelle: dpa

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Luthrischer Zipfe

Kriegerische und verbale Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten begleiten nicht nur durch die deutsche Geschichte, sondern auch die Fortentwicklung des deutschen Sprachraums. Der Autor Johann Rottmeier zitiert in seinem Redensarten-Buch "A Hund bist fei schon" (Volk Verlag) einen interessanten Reim aus dem frühen 20. Jahrhundert, den die katholische Obrigkeit in jener Zeit den braven Kindern eingeimpft hat, um andersgläubige Spiel- und Schulkameraden bei günstiger Gelegenheit angemessen zu verspotten: "Luthrischer Zipfe, steig auffe an Gipfe, foist owe in d'Hoi, bist an Deife sei Gsoi!"

Alter Friedhof in Freiburg

Quelle: dpa

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Allerseelenwecken

Unser Land werde sich durch die Flüchtlingszuwanderung stark verändern, heißt es. Allerdings verändert sich Bayern schon seit dem Krieg. Viele Traditionen lösen sich in Luft auf. Schon weiß die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr, was Allerseelen bedeutet, jener Totengedenktag am 2. November.

Zudem findet man kaum noch Bäckereien, die Allerseelenwecken herstellen. Die Bäckerin Rosi Sproß aus Velden rührt dafür einen Biskuitteig an. Später füllt sie den Kuchen mit einer feinen Vanille- oder Schokocreme sowie mit Marmelade. In der Mitte des rautenförmigen Seelenweckens prangt eine Marzipanrose. Ein solcher Brauch hebt das Lebensgefühl.

Andreas Zaupser erwähnte 1789, dass die Paten dem Kind am Allerseelentag einen Seelenwecken schenken. Früher war der Seelenwecken ein Brot in Form eines Haarzopfes, denn man vermutete den Sitz der Seele in den Haaren. Als die Menschen noch stark im Aberglauben verhaftet waren, dachten sie, die Seelen der Verstorbenen kehrten an Allerseelen zurück und deshalb hängten sie Seelenwecken ans Grabkreuz.

Nutznießer waren aber auch die Armen, die von Hof zu Hof zogen und einen Seelenwecken erbaten. Später schenkte der Taufpate seinem Patenkind einen Seelenwecken in Form eines Kuchens. Heute gibt es oft noch einen Geldschein dazu. Trotzdem hat der Brauch keine Zukunft mehr.

© SZ.de/doen, axi, dit, amm

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