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Korruption:"Man kann Ingolstadt als Klein-Regensburg bezeichnen"

Nach und nach rückte schließlich Lehmann ins Visier, bis 2014 OB, dann Stadtrat. Die Staatsanwaltschaft interessiert sich für den Erwerb einer Wohnung auf dem Areal des alten Krankenhauses, noble Anlage, ruhige Ecke. Ein Geheimnis habe Lehmann nie daraus gemacht, dass er sich dort "einkauft", erzählen Alteingesessene. Die Behörde prüft den Anfangsverdacht, gegen den Bauträger wegen Bestechung, gegen Lehmann wegen Bestechlichkeit.

Staatsanwälte durchleuchten zudem Lehmanns Job als Berater bei einem Headhunter, der für Klinik und Stadt tätig war. Die Firma fand etwa den ärztlichen Direktor. Vergleichsangebote, wie es die Vergabeordnung vorsieht, wurden nicht eingeholt. OB Lösel sagt, er habe erst im September 2016 über einen anonymen Brief vom Umfang dieser Headhunter-Tätigkeit erfahren. Anonyme Briefe sind in Ingolstadt übrigens längst gängiges Kommunikationsmittel.

Was bei all den Ermittlungen herauskommt, weiß keiner; auch nicht, was noch herauskommt. "Man kann Ingolstadt als Klein-Regensburg bezeichnen", sagte Landshuts neuer OB Alexander Putz (FDP) in einer Rede vor Ingolstädter Parteifreunden. Spricht man mit Passanten, am Imbiss oder vor der Boutique, fällt ständig das Wort: "Regensburg". Häufig auch: "Die da", gemeint sind alle Politiker. Und mehrmals die Klage: "Wie stehen wir denn jetzt da?" Das hat wohl mit dem Ingolstädter Selbstbild zu tun. All die Meriten, Erstliga-Vereine in Fußball und Eishockey, einen leibhaftigen Ministerpräsidenten hat man hervorgebracht.

Ingolstadt ist historische Stätte, Entstehungsort des Reinheitsgebots fürs Bier. Trotz allem spielt Ingolstadt hinter München und Nürnberg nur die dritte Geige im Freistaat. Wenn überhaupt. Das scheint, so der Eindruck im Straßengespräch, an der Bürgerseele zu nagen. Da gibt es mal große Aufmerksamkeit - und dann sie ist negativ.

Der leibhaftige Ministerpräsident übrigens hat starkes Interesse an den Vorgängen, lässt nachfragen - in Sorge um Heimatstadt, CSU und die Politik generell. "In der Politik ist Vertrauen die einzige Währung. Dieses Vertrauen hast Du Dir bei den Bürgern in besonderem Maße erworben", hatte Horst Seehofer 2014 in einer Laudatio auf Lehmann gesagt, bei dessen Verabschiedung als OB. Dieser Ruf ist ramponiert. Einen Stadtpolitiker hat Seehofer gefragt, ob er ihn "mal fünf Minuten zur Seite nehmen darf". Antwort: "Gern. Aber fünf Minuten, das wird knapp." Auf digitalen Marktplätzen ist die Stimmung noch giftiger als auf gepflasterten: "Mafia", und "der kleine Bürger" sei "immer der Depp".

"Man fühlt sich fast ein wenig an America first erinnert"

Kaum anders die Stimmung im Stadtrat. Schon nach der Kommunalwahl 2014 wurde der Ton schärfer, seit den Skandalen gibt es Fronten. SPD, Grüne, Bürgergemeinschaft (BGI) und ÖDP haben sich zu einer Vierergruppe vereint: "Gutsherrenart erzeugt Oppositionsbündnis", heißt eine Selbstdefinition. Es gehe um "schleichende Entmachtung" des Stadtrats, um den Bürgerkonzern, in dem Investoren hofiert würden - "man fühlt sich fast ein wenig an America first erinnert." Trump-Vergleiche dürfen heutzutage nirgends fehlen. Derberes war zuletzt zu hören: eine "Filzokratie" sei Ingolstadt, in der sich "die Handelnden die Stadt zur Beute gemacht" hätten. Die Regierungsfraktionen CSU und Freie Wähler kontern, es fielen Worte wie "Brunnenvergifter". Ansonsten ist das Instrument der Vierergruppe: üppige Fragenkataloge.

Ein Besuch bei Christian Lösel, reden über "Klein-Regensburg". Seine Reaktion sieht aus wie Gymnastik: Arme weitestmöglich gespreizt, eine Hand unten, die andere hoch überm Kopf. Bedeutet: "Die Vorgänge in Regensburg sind in Art und Umfang völlig anders und haben eine gänzlich andere Dimension." Auch gehe es "nicht um mögliche Verfehlungen eines amtierenden Oberbürgermeisters". Lösel sieht sich in der Rolle des Aufräumers, er will "lückenlose Aufklärung".

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