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Korruption:Wie der Klinik-Skandal die Stimmung in Ingolstadt vergiftet

Das viertgrößte Krankenhaus Bayerns mit 1132 Betten steht in Ingolstadt. Hier arbeiten 3000 Menschen, darunter 300 Ärzte.

(Foto: Klinikum Ingolstadt)
  • Der ehemalige Leiter des Ingolstädter Klinikums Heribert Fastenmeier soll in einen weitreichenden Korruptionsskandal verwickelt sein.
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Monaten gegen zwölf Personen rund um den Ex-Geschäftsführer.
  • Der frühere Oberbürgermeister Alfred Lehmann (CSU) soll außerdem dubiose Immobiliendeals geschlossen haben.

Das Schnapslager ist Stadtgespräch. Im Keller des Ingolstädter Klinikums, so erzählt man an jeder Ecke, sollen Spirituosen im Wert von 200 000 Euro lagern; die Führungsebene oder wer auch immer könne sich fröhlich bedienen, mal ein teurer Cognac, mal Champagner. Tatsächlich gebe es, wie mehrere Leute am Klinikum versichern, ein Lager für Werbegeschenke und Messeartikel, auch mit Präsenten für Geschäftspartner, Gäste, Jubilare. "Ein kleiner Teil" davon seien Weine und Spirituosen.

Man kann fragen, wieso ein Klinikum Alkoholika verschenkt und nicht Trimm-dich-Geräte. Bezeichnender ist freilich, dass die Ingolstädter ihrem Klinikum ein dekadentes Schnapslager ohne Weiteres zutrauen. Hätte es die Runde gemacht, dass Pornofilme gedreht werden dort im Keller - auch das hätte kaum noch Überraschung hervorgerufen.

Ingolstadt Staatsanwaltschaft ermittelt in Klinik-Korruptionsaffäre gegen zwölf Verdächtige
Ingolstadt

Staatsanwaltschaft ermittelt in Klinik-Korruptionsaffäre gegen zwölf Verdächtige

Die Opposition spricht von "Filzokratie" in der Ingolstädter CSU - und verlangt von Oberbürgermeister Lösel Antworten.   Von Johann Osel

Die Ingolstädter sind aufgebracht seit Ermittlungen laufen zur mutmaßlichen Korruption am Klinikum und zu dubiosen Deals des früheren Oberbürgermeisters Alfred Lehmann (CSU), seit die Staatsanwaltschaft zu Razzien ausrückte, in Wohnungen, in Räumen der Stadt und ihrer Tochter, dem Klinikum. Seit Ingolstadt in der Wahrnehmung vielen als kleine Schwester von Regensburg gilt - der dortige SPD-Oberbürgermeister Joachim Wolbergs sitzt wegen des Verdachts der Bestechlichkeit in Untersuchungshaft, gegen Vorgänger Hans Schaidinger (CSU) wird ermittelt.

Wer eine blühende Stadt sehen will, der muss nach Ingolstadt fahren. Kaum eine Kommune wächst rasanter, in Studien zu Dynamik und Produktivität steht sie bundesweit weit vorne, glänzende Daten. In Ingolstadt wird viel gebaut und viel Geld verdient - und natürlich werden Autos hergestellt. Zwar hat der Abgasskandal um Audi und VW Folgen. Wenn Audi Schnupfen hat, kriegt Ingolstadt eine Lungenentzündung, heißt es. Doch schon 2017 rechnet die Kämmerei wieder mit Gewerbesteuern aus dem Autobau - "nicht das Niveau der fetten Jahre", aber "beträchtlich". Sogar das Klinikum schreibt, eine Seltenheit, schwarze Zahlen. Das alles geht wohl nur mit wirtschaftsfreundlicher Politik; auch die Stadt agiert wie ein Unternehmen.

Lehmann hatte als OB den Begriff "Bürgerkonzern" erdacht. Beteiligungsberichte schlüsseln alle Gesellschaften und Investments auf. Der jüngste Bericht der 130 000-Einwohner-Stadt ist so dick wie der des Freistaats Bayern mit seinen Spielbanken, Flughäfen und dem Hofbräuhaus. Ein kompliziertes System, Geld im Spiel - das kann verlocken. Ausgangspunkt der Affäre war das Klinikum, dessen Ombudsmann entdeckte 2016 Unregelmäßigkeiten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Monaten gegen etwa ein Dutzend Personen rund um den Ex-Geschäftsführer Heribert Fastenmeier.

"Wir haben nur bemerkt, was man uns bemerken ließ"

Er steht im Verdacht, ein System der Vetternwirtschaft erschaffen zu haben, Profiteure vor allem im Familienkreis. Für Erstellung und Wartung der Klinik-Internetseite hat eine Firma mit Bezug zur Familie 434 000 Euro berechnet. Es soll Privatreisen auf Kosten des Klinikums gegeben haben, heikle Wohnungsverkäufe, Schmu bei der Vermittlung osteuropäischer Pflegekräfte. Die Gattin des Geschäftsführers führte den Klinik-Kiosk.

Und die Kontrolle? Unter Fastenmeier entstand eine Art Dschungel an Gesellschaften und Geschäften. "Außer ihm hatte keiner Durchblick", hört man. Es gibt auch einen Aufsichtsrat, dem bis 2014 Lehmann als OB vorstand, dann Nachfolger Christian Lösel (CSU). Ein Ex-Aufsichtsrat der Freien Wähler sagt: "Wir haben nur bemerkt, was man uns bemerken ließ." Womöglich wurde wenig bemerkt, weil der Klinik-Chef - altgedient im Haus, über Zweifel erhaben - ökonomisch brillierte.