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Knetzgau:Ein Zirkus ist gestrandet

Bürgermeister will Artisten loswerden, die wissen nicht wohin

Von Clara Lipkowski, Knetzgau

Jetzt, da es kalt wird, werde die Sache immer unangenehmer, sagt Luftartistin Sandy Köllner am Telefon. Seit mehreren Monaten gastiert die 25-Jährige vom Zirkus Renz mit ihrer Familie und etwa 30 Zirkustieren, darunter auch Kamele, in der unterfränkischen Gemeinde Knetzgau. Und etwa zwei Monate sei es her, dass ihnen von der Gemeinde der Strom und das Wasser abgestellt wurden. Eigentlich, sagt sie, habe man längst weiterziehen wollen, nun hantiere man morgens am Waschbecken mit Wasserflaschen, Strom komme aus einem Notaggregator.

Es ist eine vertrackte Lage in dem Ort im Kreis Haßberge. Die etwa 20-köpfige Familie harrt aus, der Bürgermeister hätte gerne, dass sie den Parkplatz freigeben. Das Problem: Coronabedingt wurde das nach Knetzgau folgende Gastspiel gekündigt. Bürgermeister Stefan Paulus ärgert sich, dass die Familie Bemühungen, an ihrer Situation etwas zu verbessern, unversucht lasse. Er stellt sich quer, die Familie stellt sich quer - und derweil bringen Anwohner Futter für die Tiere auf das Gelände.

Die Schausteller hätten längst wieder auftreten und Einnahmen generieren können, sagt der Bürgermeister. Artistin Köllner sagt, sie hätten keine Genehmigung, das Zelt aufzubauen. "Es wurde gar kein Antrag gestellt", widerspricht Paulus. Köllner: "Wir sind doch auf die Auftritte angewiesen."

Der Zirkus, der in Berlin gegründet wurde, zieht ganzjährig durchs Land. Ihm geht es wie derzeit vielen: Sie stranden, weil Kommunen Gastspiele absagen, aus Sorge vor steigenden Covid-19-Zahlen. Ein Aufführungsverbot besteht nicht, aber in die Zelte durften zuletzt nur 30 Prozent der Zuschauer. Nun sollen etwa 100 Menschen ins Zelt gelassen werden, sagt Köllner - statt bis zu 800. Ralf Huppertz, Vorsitzender des Verbands Deutscher Circus Unternehmen, kennt das Problem. Viele Familienbetriebe könnten sich so kaum über Wasser halten, hätten keine Rücklagen. Dem Zirkus sei nicht zumutbar, weiterzuziehen, wenn ungewiss sei, ob er auftreten könne, dadurch aber Kosten entstünden. In Knetzgau erhalte die Familie immerhin derzeit mögliche Hilfe vom Jobcenter.

Bürgermeister Paulus' Geduld ist dennoch am Ende. "Wir haben gerne geholfen, ein halbes Jahr", mit mittleren vierstelligen Kosten für Abfall und Wasser. Aber warum die drastische Maßnahme, die Versorgung zu kappen? Das sei im Einvernehmen passiert und mit Vorlauf, sagt er. Doch es seien immer mehr Menschen auf den Platz gekommen. Zeitweise war die Familie unter anderem für große Motorräder kritisiert worden. Die seien für die Auftritte, sagt Köllner. Verbandschef Huppertz kritisiert, den Zirkus für so etwas anzugreifen, schüre Vorurteile. Der Bürgermeister will seine Gemeinde nicht in irgendeine Ecke gedrängt sehen, fühlt sich von Freistaat und Bund alleingelassen und fordert mehr Hilfen. So auch Huppertz. Er hat sich wegen Knetzgau per Schreiben an Ministerpräsident Markus Söder gewandt. Bislang ohne Antwort.

© SZ vom 22.10.2020
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