Joachim Herrmann Besonnen, seriös, kompetent - behäbig

In den Tagen des Terrors ist Joachim Herrmann zum Sicherheitsminister Nr. 1 in Deutschland geworden (Archivbild).

(Foto: dpa)

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ist omnipräsent. Wird er nur vom Scheinwerferlicht angestrahlt oder schlummert mehr in dem Franken?

Von Lisa Schnell und Roman Deininger

Über Joachim Herrmann berichten, heißt warten. Warten vor einem Tagungszentrum am Tegernsee, warten in einem heißen Pressezelt, warten auf einen Termin, der erst mal nicht kommt. Und schließlich warten in einem Biergarten in München. Möglichst nahe an der Autobahn, der Minister muss weiter, er hat ja nicht ewig Zeit. Aber da kommt er wirklich: Joachim Herrmann, der bayerische Innenminister. Jetzt hat man ihn also doch noch gekriegt.

Man erinnert sich an die vergangenen Tage. Wie man von Dienstag bis Samstag draußen am Tegernsee in einem bayerischen Postkarten-Idyll mit anderen Journalisten vor dem Tagungshaus campierte, in dem die Staatsregierung jedes Jahr ihre Kabinettsklausur abhält. Wie die Journalisten alles stehen und liegen ließen, wenn das Gerücht umging, Herrmann könnte vielleicht doch noch vor die Kameras treten. Wie Fotografen auf die Knie fielen, um noch die letzte graue Locke des Ministerhaars zu erhaschen. Und in dem ganzen Trubel fragte man sich dann schon: Was ist da eigentlich los?

In den Tagen des Terrors ist Joachim Herrmann zum Sicherheitsminister Nr. 1 in Deutschland geworden. Wer war der Amokläufer von München? Wer die Attentäter von Ansbach und Würzburg? Wie sicher ist Deutschland noch? Nachrichtensendungen sind gerade Herrmann-TV. Besonnen, seriös, kompetent: So lernen die Leute bundesweit den bayerischen Innenminister gerade kennen. Man selber aber kennt ihn auch noch ganz anders.

Nämlich genau so, wie er sich da dem Biergarten nähert, ein klein wenig behäbig. Hinter einer Hecke sieht man sein Profil, das sich langsam auf den Eingang zubewegt. Man fragt sich, ob da jemand eine Pappfigur mit der Silhouette von Herrmann unterhalb des Gartenzauns entlangträgt. Dann schüttelt die Pappfigur einem die Hand: er lebt. Für dynamisches Auftreten ist Herrmann nicht gerade bekannt, sein Spitzname ist "Balu", nach dem dicken, gemütlichen Bären aus dem "Dschungelbuch". Man erinnert sich auch an diesen Bagger, in den er mal für ein Foto kletterte und mit ihm umkippte. Das sind so die Bilder, die man aus friedlicheren Zeiten von ihm im Kopf hat.

Und während man ihm so zusieht, wie er sorgfältig die Weißwurst zerlegt, und ihm so zuhört, wie seine Antworten so lang werden, dass man sich in dieser Zeit drei Schnitzel bestellen hätte können, fragt man sich: Wird hier ein tapsiger Bär nur gerade günstig vom Scheinwerferlicht angestrahlt, oder schlummert da mehr in diesem Franken? Vielleicht gar das Streben nach Höherem? Es gibt einige in der CSU, die Herrmann als den letzten Trumpf sehen, um den Dauerehrgeizling Markus Söder noch als Ministerpräsidenten zu verhindern. Aber will Herrmann das überhaupt selbst? Und wie hat so ein bescheidenes Gemüt es eigentlich so weit nach oben geschafft in der Ellbogen-CSU?

Wenn man mit Herrmann über die neue Wertschätzung für ihn sprechen will, dankt er erst mal minutenlang anderen für "Einsatz" und "Teamwork", der Polizei, seinen Mitarbeitern, allen. Dann sagt er: "Ich gehöre nicht in die Abteilung, in der Politik in erster Linie Selbstdarstellung ist. Und ich bin ja nicht schlecht gefahren damit." Wenn man ganz kühn interpretiert, könnte man das für einen Seitenhieb auf die Söders dieser Welt halten. Und vielleicht ja sogar für ein kleinen Fingerzeig, was seine Ambitionen betrifft.

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