Mitten in Bayern:Die Nacht der geschlossenen Schranke

Auch in einer Zeitungsredaktion ist ein Wahlabend fordernd und aufregend. Noch größere Herausforderungen aber lauern manchmal auf dem späten Heimweg - am Bahnübergang.

Glosse von Hans Kratzer

Hochrechnungen, Analysen, Politikerprosa, ein pausenloses Geprassel, kein Wunder, dass einem am Wahlsonntag in der Zeitungsredaktion der Kopf brummt. Als Zeichen der Befreiung hat der Himmel in der Nacht alle Schleusen geöffnet. Bei der Heimfahrt gleicht die Autobahn A 94 einer Flusslandschaft, der Scheibenwischer quietscht, als kämpfe er um sein Leben.

Wer die A 94 in Richtung Norden verlässt, muss zwangsläufig die parallel laufende Bahnstrecke von München nach Mühldorf überqueren. Beispielsweise nahe der Ortschaft Kloster Moosen, wo ein einsames Landsträßlein zum Autobahnzubringer mutiert ist. Am Bahnübergang senkt sich justament in diesem Moment die Schranke. Kein Problem, es ist Mitternacht, aus dem Autoradio dudelt Schlummermusik. Längst ist der Zug vorbeigefahren, doch die Schranke bewegt sich nicht. Heftig klatscht der Regen gegen die Scheiben, die in der Ferne verschwimmenden Lichter erinnern an die Bilder des Fotografen Stevie Casino, der die Tristesse einer Regennacht eingefangen hat wie kein Zweiter.

Die Schranke ruht still und starr. Das Warten gemahnt den Fahrer an das Schicksal des von Franz Kafka ersonnenen Landvermessers K., der vergebens Eintritt in ein Schloss begehrt. Wie leicht könnte man jetzt wegen der beschlagenen Scheiben das Öffnen der Schranke übersehen. Der Landvermesser vergab seine Chance, weil er im Gespräch mit einem Beamten sehr müde wurde und einschlief. Schreck lass nach! Auch im Auto schlich sich der Schlaf heran, wie lange blieb er da? Die Schranke ist immer noch geschlossen. Es geht auf 1 Uhr zu. Endlos viele Pannen hat man in einem langen Bahnpendlerleben erlebt. Aber selbst im Auto ist niemand gefeit vor den Unwägbarkeiten des Zugverkehrs.

Umkehren, die letzte Chance, um in der Weite des Isentals nicht vor einer Schranke übernachten zu müssen. Jetzt bloß nicht beim Wenden auf der engen Straße die Böschung hinunterrutschen. Das Schicksal meint es diesmal gut, also weiter auf schlammigen Wegen in Richtung Osten. Die Odyssee zieht sich hin, bis endlich ein unbeschrankter Übergang den Weg in die Freiheit ebnet. Bald wird der erste Frühzug nach München rollen, wieder wird sich die Schranke senken, wenn sie je nach oben gegangen ist. Fragen über Fragen. Die Bahn teilt mit, sie rufe zurück. Das Warten nimmt kein Ende.

© SZ/mz
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