Initiative von Wirten gegen Rechtsextremismus Kein Bier für Nazis

Es begann mit einem brutalen Überfall: Im Sommer 2010 verprügelt eine Gruppe von Neonazis einen Barkeeper in einem Restaurant mitten in Regensburg. Die Stadt verfällt zunächst in Schockstarre, nichts passiert. Doch dann entwickelt sich Widerstand. Inzwischen gilt die Initiative "Keine Bedienung für Nazis" bayernweit als Vorzeigeprojekt.

Von Felicitas Kock, Regensburg

Es ist spät am Abend, als die Neonazis das "Picasso" betreten. Das Restaurant ist leer, die letzten Gäste sind bereits gegangen. Die Gruppe baut sich im Gastraum auf und wartet. Als der Barkeeper aus der Küche kommt, erschrickt er. Er erkennt ein paar der Männer, die vor ihm stehen. Wenige Tage zuvor haben sie auf der Straße vor dem Restaurant eine junge, dunkelhäutige Frau und ihr Kind angepöbelt. Der Barkeeper ist dazwischengegangen.

"Rassisten werden hier nicht bedient": Ein Aufkleber an einer Eingangstür in Regensburg zeigt, wer hier nicht erwünscht ist.

(Foto: Felicitas Kock)

Die Neonazis prügeln auf den 22-Jährigen ein, bis er hinter der Theke zu Boden geht. Doch der Barkeeper hat Kampfsporterfahrung, kann sich wieder aufrichten und schafft es bis zur Tür. Er rennt über die Straße rettet sich in einen wenige Meter entfernten Kiosk. Der Besitzer reagiert sofort. Gemeinsam halten sie die Tür zu, schieben einen schweren Kühlschrank vor den Eingang. Der Mann aus dem Kiosk wird später sagen, er habe noch nie so viel Hass gesehen wie in den Augen der Angreifer, als sie versuchten, sich Zutritt zu seinem Laden zu verschaffen.

Der Vorfall ging durch die lokalen Medien, damals, im Sommer 2010. Das "Picasso" war ein beliebtes Restaurant mitten in der Altstadt. Eine vergleichbare Tat hatte es in den vergangenen Jahren in Regensburg nicht gegeben. "Ich habe mich gefragt, wie eine Gesellschaft reagiert, wenn quasi in ihrem Wohnzimmer so ein brutaler Übergriff stattfindet", sagt Helga Hanusa, Regensburger Kooperationspartnerin der Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus (LKS).

Doch in den ersten Tagen nach dem Vorfall passierte nichts, niemand reagierte. Erst als Hanusa selbst im Restaurant vorbeischaute und den Betreibern eine Broschüre der bayerischen Landeskoordinierungsstelle zukommen ließ, begann sich die Schockstarre allmählich zu lösen.

Die Koordinierungsstellen, die es in jedem Bundesland gibt und die größtenteils aus Bundesmitteln finanziert werden, sind Anlaufstellen für Menschen, die Probleme mit Rechtsextremismus haben. Dabei ist es egal, ob die Hilfesuchenden in ihrer Umgebung rechte Machenschaften beobachten oder selbst Opfer rechter Gewalt sind. "Wir schauen uns die Situation an und bieten den Betroffenen die entsprechende Hilfestellung", sagt Nicola Hieke, Leiterin der Landeskoordinierungsstelle in München. "Die Betroffenen entscheiden dann selbst, wie sie mit unserer Expertise umgehen und ob sie die Hilfe überhaupt annehmen wollen."

Im Fall "Picasso" wurde die Hilfe dankend angenommen. Kurz nach dem Übergriff beschloss Wirt Sion Israel, Neonazis den Zutritt zu seinem Restaurant zu verbieten und ein Hausverbot auszusprechen. Doch sowohl Israel als auch die Belegschaft hatten Angst, sich mit dem Schritt noch mehr zur Zielscheibe rechtsextremer Gewalt zu machen - vor allem, weil die Angreifer zu diesem Zeitpunkt noch auf freiem Fuß waren.