Mitten in Bayern:Eine Mass für 70 Milliarden

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Nicht zum ersten Mal geht das Gespenst der Inflation um. Extreme Ausmaße erreichte die Geldentwertung vor hundert Jahren. Eine Semmel kostete vier Milliarden Mark, und eine junge Arbeiterin machte sich Vorwürfe, weil sie ein Bröckerl Schokolade gegessen hatte.

Kolumne von Hans Kratzer

Zehn Prozent Inflation, das bedeutet: Deutschland erlebt gerade eine der heftigsten Teuerungsraten seit dem Zweiten Weltkrieg. Auf einmal ist ein Gespenst zurückgekehrt, das schon die Vorfahren traumatisiert hat. Unvergessen sind die Klagerufe der Großtante, als die Inflation Mitte der Siebzigerjahre ebenfalls bedrohlich angestiegen war und Erinnerungen an die Schreckensjahre 1922 und 1923 wach wurden.

"Unsere ganzen Ersparnisse waren weg, die ganzen Jahre haben wir umsonst gearbeitet", jammerte sie. Mit ihrem Tageslohn musste sie damals stets sofort etwas einkaufen, am nächsten Tag bekam sie für diese Summe nichts mehr. In München kostete eine Semmel im Sommer 1923 fast vier Milliarden Mark, ein Liter Bier 70 Milliarden Mark, ein Pfund Fleisch 180 Milliarden Mark. Viele Dienstboten ließen sich ihren Jahreslohn nur noch in Naturalien ausbezahlen, so hatten sie wenigstens ein bisserl was.

Inflation erzeugt Dramen en masse. Die Arbeiterin Josefa Halbinger kaufte, bevor ihr Geld wertlos war, für ihre todkranke Schwester in einer Drogerie "eine Tafel Schoklad". So etwas leistete sie sich sonst nie, die Versuchung war groß. Also, erzählte sie, "hab ich, bevor ich ins Krankenhaus ging, ein Bröckerl gegessen, und dann noch ein Bröckerl, bis die Hälfte vom Schoklad weg war." Deshalb hat sie ihrer Schwester nur eine halbe Tafel ans Krankenbett gebracht. Am andern Tag ist die Schwester gestorben. "Das hat mich dann so gereut, dass ich ihr die Tafel nicht ganz gebracht habe", sagte sie. Bis zu ihrem eigenen Tod plagte diese Verfehlung ihr Gewissen.

Positiv wirkte sich die Inflation nur auf die Rechenkünste der Bevölkerung aus. "Nie wieder wurde das Rechnen im Zahlenraum mit zwölf Nullen so virtuos beherrscht wie im Herbst 1923", schreibt Harald Jähner in seinem Buch "Höhenrausch". Mit dem Hundertbillionenschein war dann aber Schluss. Eine höhere Summe wurde auf Geldscheinen nie wieder gedruckt.

Arbeiter, Angestellte und Geschäftsleute, die ihr Erspartes bei der Sparkasse angelegt hatten, verloren alles. Angesichts der Not in den Städten untersagte der bayerische Ministerrat öffentliche Veranstaltungen, ein Jahrhundert vor Corona. Letztlich trieb die Inflation die Menschen in die Arme der Radikalen. Selbst Grundnahrungsmittel waren unerschwinglich geworden. "Wo man geht und steht, kann man die Ansicht hören, dass ein Umsturz kommen müsse . . ." Das schrieb 1922 ein württembergischer Gesandter aus Bayern nach Stuttgart.

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