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Mittelfranken:Ein Dorf kämpft gegen Discounter

Vier Hofläden gibt es in Gustenfelden im Schwabachtal: (v.l.n.r.) Stefan Winkler hat eine Mühle, Doris Wagner versorgt mit Geflügel und Milchprodukten, Jürgen Rosskopf ist Metzger und Manfred Winkler betreibt Obstbau.

(Foto: PETER@ROGGENTHIN.DE)
  • Im mittelfränkischen Gustenfelden werden keine Discounter gebraucht: Vier Hofläden versorgen die Menschen - und die zahlreichen Besucher aus den umliegenden Landkreisen.
  • Die Hofläden sind ein Wirtschaftsfaktor im Ort, jeder beschäftigt mehrere Mitarbeiter.

Von Katja Auer, Gustenfelden

Der Vergleich mit dem gallischen Dorf ist gar nicht so abwegig, auch wenn die Römer längst nicht mehr in Franken stehen. Aber im einstigen Gallien ja auch nicht. Dafür ist dort wie hier das ganze Land von Discountern besetzt. Fast das ganze Land. Jenes kleine Dorf nämlich, südwestlich von Nürnberg, leistet Widerstand.

Dabei sind Doris Wagner, Stefan Winkler und die anderen keine Aufständischen und einen Zaubertrank haben sie auch nicht. Aber so gute Geschäftsideen, dass sie keinen Supermarkt brauchen in dem 400-Einwohner-Dorf im Landkreis Roth. Die vier Hofläden sind selber eine Art Gustenfelden-Village. Ansbach, Fürth, Weißenburg steht auf den Autokennzeichen der Kundschaft. Es sind ungefähr so viele Einkäufer wie Einwohner am Tag.

"Alles außer Klopapier und Waschmittel" gebe es in Gustenfelden, sagt Müller Stefan Winkler. Der 40-Jährige in der beigen Latzhose steht in einer langen Familientradition, 1316 ist die Mühle das erste Mal urkundlich erwähnt. Weil es sie aber wahrscheinlich nicht mehr gäbe, wenn dort immer nur Mehl gemahlen worden wäre, hat auch der jetzige Chef Neues gewagt.

Kuchen aus der hauseigenen Backstube

In seinem Mühlenladen gibt es Backmischungen und Müsli, außerdem Tee, Marmelade und Geschenkartikel. "Es kommen aber immer noch Leute, die dachten, dass man bei uns nur 50-Kilo-Säcke Mehl kaufen kann", sagt er. Geht schon auch. Aber heute sitzen die Kunden eben auch im Café, das sich ebenfalls Stefan Winkler eingebildet hatte, und essen Kuchen aus der hauseigenen Backstube. Aus Emmer zum Beispiel, einer alten Getreideart, die in Europa kaum noch angebaut wird. Winklers Vater Fritz hat es wiederentdeckt.

Über die Dorfstraße liegt der Hof von Obstbauer Manfred Winkler. Irgendwie sind die beiden verwandt, der Urgroßvater des einen heiratete in die Mühle des anderen ein oder so. Auch Winkler, ebenfalls 40 Jahre alt, hat sich irgendwann überlegen müssen, wie er sein Geld verdient. Die althergebrachte Landwirtschaft, von allem ein bisschen, erschien ihm nicht attraktiv.

Der Vater baute Tabak an, das wollte er nicht. Also begann er mit dem Obstbau. Bekannte Sorten wie Elstar und Golden Delicious baut er an, aber auch alte wie den Freiherr von Berlepsch. In seiner Stodlbrennerei macht er Brände und Geiste aus seinem Schwabachthaler Obst und ein bisschen Gemüse verkauft er außerdem. Spitzkohl, Wirsing und Blaukraut liegen hübsch dekoriert in einem alten Leiterwagen vor dem Laden, der früher einmal eine Garage war.

Wurst ohne Glutamat

Gegenüber hat Metzger Jürgen Rosskopf aufgemacht, als Untermieter auf dem Obstbauernhof. Seine Schweinemast ist im Nachbardorf, aber da kommt ja keiner hin. Die Fleischküchle in der heißen Theke sind um die Mittagszeit recht schnell weg, genauso wie der Leberkäs. "Da hat man einen Haufen Arbeit und doch nix Gescheites", sagt Rosskopf, 42, wenn er erzählen soll, wie das gekommen ist mit dem Hofladen.

Seine Eltern hatten einen ganz normalen Betrieb, Kühe, Schweine, Ackerland. Rosskopf hat dann die Kühe abgeschafft, bei einer Tasse Kaffee am Mittag. Zu viel Arbeit, zu wenig Ertrag. "Auf Masse wollte ich nicht gehen", sagt er. Also Direktvermarktung. Aus seinen Schweinen macht er Wurst ohne Glutamat, daran musste sich die Kundschaft erst gewöhnen. Schmeckt nicht, hat ihm Nachbar Winkler gesagt. Heute schon und viele kaufen gerade deswegen bei Rosskopf ein. Ist doch der Geschmacksverstärker sonst allgegenwärtig in der Lebensmittelproduktion.

Jeder im Dorf hat in den Hofladen investiert

500 Hühner leben auf dem Geflügelhof Wagner. Ihre Eier werden im Hofladen verkauft.

(Foto: PETER@ROGGENTHIN.DE)

1997 haben sich die Nachbarn zusammengetan, nach einem großen Dorffest. Seitdem sind sie zusammengewachsen, jeder hat in seinen Hofladen investiert. Irgendwann haben sie die Öffnungszeiten angeglichen und traten nach außen gemeinsam auf. Als "Die Hofläden Gustenfelden". Trotzdem macht jeder seins.

Wie Doris Wagner ihren Geflügelhof. Ihre Gänse sind das erste, das man von Gustenfelden zu sehen bekommt, auf der Weide am Ortseingang sitzen sie im Gras. Sie werden nicht wissen, dass bald Martinstag ist. Wie die Puten nebenan dürfen die Gänse hinaus, die 500 Hühner wohnen in einem großen Laufstall. In Wagners kleinem Laden stehen die Leute fast bis zur Tür hinaus, auch wenn das nicht sehr weit ist.

Die Leute stehen Schlange

Hähnchenschenkel und Brustfilets reicht Tochter Tamara über die Theke, Enten und Gänse werden vorbestellt. "Wenn eine Kundin eine Hähnchenkeule verlangt und ich bekomme mit, dass sie daraus eine Hühnersuppe kochen will, dann bekommt sie die nicht", sagt Doris Wagner.

Das meint sie keineswegs unfreundlich, im Gegenteil. Für eine Hühnersuppe nämlich braucht es ein Suppenhuhn, sagt die 49-Jährige, und das muss mindestens drei Stunden gekocht werden. Sonst hilft es nicht. Weil das nicht mehr jeder weiß, bietet Wagner die Brühe inzwischen auch im Glas an. Jeden Donnerstag kocht sie Hühnersuppe ein.

Die Milch ihrer 30 Kühe verarbeitet sie in der hauseigenen Mini-Molkerei zu Quark, Buttermilch und Frischkäse. Der Liter Milch kostet einen Euro und den zahlen die Kunden bereitwillig. Außerdem gibt es bei ihr Nudeln und Sauerkraut, Wein und Kartoffeln. Alles aus der Region. Wie die anderen kauft sie ein paar wenige Sachen zu. Konkurrenz gibt es keine unter den Vieren, zu unterschiedlich ist das Sortiment.

Am Wochenende kann es voll werden

Die Hofläden sind ein Wirtschaftsfaktor im Ort, jeder beschäftigt mehrere Mitarbeiter. Um die 20 allein der Müller Winkler, die anderen ein paar weniger. Und die eigenen Familien natürlich.

Draußen stehen die Autos der Kundschaft, das Parkplatz-Problem müssen sie irgendwann angehen. Am Wochenende kann es voll werden in der Dorfstraße. "Ich komme jede Woche", sagt eine Dame mit Ansbacher Kennzeichen, "hier weiß ich wenigstens, wo das Zeug herkommt." Sie hat Wurst gekauft und Käse, Gemüse beim Winkler und Brot beim anderen Winkler. In den Supermarkt gehe sie kaum noch, sagt sie. "Hier krieg ich doch alles." Fast alles. Außer Klopapier und Waschmittel.

© SZ vom 10.11.2015/axi, bica
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