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Die Grünen in Bayern:Der Mann der Pflicht geht

Landesparteitag der bayerischen Grünen

Eike Hallitzky, ein Niederbayer mit Wurzeln am Rhein.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Unauffällig und arbeitsam - mit diesen Eigenschaften hat Eike Hallitzky den Aufstieg der bayerischen Grünen begleitet. Am Wochenende tritt er nach sechseinhalb Jahren als Landesvorsitzender ab.

Von Johann Osel

Vor einigen Wochen haben die bayerischen Grünen Kisten und Möbel gepackt, ab ging's zur neuen Parteizentrale beim Rosenheimer Platz in München. Das bisherige Büro am Sendlinger Tor in einem verwinkelten Bau mag gemütlich gewesen sein, es mag Erinnerungen bergen an zwei Jahrzehnte grüne Politik - aber wurde einfach zu klein. Beim Einzug damals saßen die Grünen in knapper Fünf-Prozent-Stärke im Landtag; für die politische Konkurrenz und wohl eine breitere Öffentlichkeit waren sie die Blumenkinder, Sandalenträger und Körndlfresser: politisch eh kein Schwergewicht, inhaltlich vielleicht nicht ganz ernstzunehmen. "Die alten Frames, dass die Grünen von Gott und der Welt nix verstehen", sagt Eike Hallitzky - "längst widerlegt". Es ist auch sein Verdienst: Heute sind die Grünen stärkste Oppositionsfraktion, an Mitgliedern enorm gewachsen, eine in allen Dingen professionalisierte Partei. Und - Stichwort baldige Bundestagswahl - für die CSU absolut ernstzunehmen. Eine moderne Repräsentanz auf der dreifachen Fläche und laut Hallitzky keine "Rumpelkammer" ist da nur folgerichtig.

Von einer neuen Ära durch den Umzug spricht der grüne Landesvorsitzende, der seit 2014 im Amt ist und bei einem Parteitag am Wochenende abtritt. Dann wird ein Nachfolger gesucht, der mit der Landtagsabgeordneten Eva Lettenbauer das künftige Duo stellt. In der neuen Zentrale soll auch das Wahlkampf-Camp sitzen. Ein Besuch dort, ein Gespräch mit Hallitzky in Corona-Distanz. Leere Flure, fast alle Mitarbeiter sind im Home-Office, noch spärlich eingerichtete Räume. Türschild zur Straße gibt's noch keins. Nur eine meterhohe dicke 14 prangt als Hausnummer über dem Eingang des Komplexes. Hoffentlich kein Omen für nur 14 Prozent, scherzt mancher in Parteikreisen - wurden ja in der Vergangenheit Umfragen öfter nicht eingelöst.

Eike Hallitzky, 62, ist gebürtiger Kölner, gewachsener Bayer. Ende der Siebzigerjahre kam er nach Passau, zum Studium der Volkswirtschaftslehre. Bayern war damals quasi reines CSU-Land und Passau im Besonderen, die schwarze Trinität aus Partei, Kirche und Lokalzeitung war ja berüchtigt. Studierendenvertretung und Protestbewegungen, über den Weg kam Hallitzky später zu den noch jungen Grünen. Von den späten Neunzigern an wirkte er in Parteifunktionen, etwa im Bezirk. "Da kommt der Niederbayer", sagten sie bald über ihn, obwohl manch rheinischer Laut bei ihm bis heute unverkennbar ist. Er begann, sich als Gemeinderat zu engagieren, später als Kreisrat. Beides ist er nach wie vor.

2003 dann die größere Bühne: Einzug in den Landtag. Als Mitglied im Haushaltsausschuss und in der Kommission um die Krise der Landesbank hatte er ein Thema gefunden; auch entgegen dem Vorurteil, dass Grüne nichts von Geld und Finanzen verstünden. Und er fand eine Aufgabe: als Aufklärer, der den Rücktritt des damaligen Finanzministers Erwin Huber (CSU) forderte. Im Plenum wurde er zum Dauerredner.

Auf seine Nachfolge gibt es keinen Run

Spricht man mit Hallitzky über die Zeit, erlaubt er sich einen Exkurs. Er wirft mit Fachlichem um sich, "Gewährträgerhaftung", derlei Begriffe. Aber mit klarer Diagnose: Die Aufsicht habe versagt, die Landesbank habe "jedes Fettnäpfchen gefunden, das es im Bankenbereich gab", halbseidene Finanzprodukte. "Wir wussten, das stinkt zum Himmel" - "unkontrolliertes Milliardenverticken von Steuergeldern".

Der Grüne ist vom Typ klare Kante, der aber eine Grundgemütlichkeit ausstrahlt. Einen, den man womöglich vorschnell unterschätze, sagen sie in der Partei. Was sich für den politischen Gegner aber gerächt habe, wenn Hallitzky "wie immer top vorbereitet" loslegt. 2013 blieben die Grünen bei der Wahl unter ihren Erwartungen - und Hallitzky war nicht mehr im Landtag. Eben deshalb konnte er ein Jahr später die neue Rolle finden, die des Landeschefs, Strategen und Kümmerers. "Wir kamen zu dem Ergebnis, dass unsere Themen stark sind, dass unsere Haltung richtig ist", erinnert er sich. "Aber dass wir weg müssen von dem Grundzug Protest, das ist ja kein aktives Handeln. Dass wir Gestaltungspartei werden müssen", sagt er. "Wir wollten nicht meckern, sondern machen."

In dem Sinn hat er die Grünen geprägt. 2018 habe es geheißen: "Haha, habt ihr wieder 'ne gute Umfrage." Aber die "haben wir ins Ziel geholt" - 17,6 Prozent. Das sieht auch Fraktionschef Ludwig Hartmann so: Eike Hallitzky habe den Ansatz geprägt, dass "wir zeigen wollen, wie man es besser machen kann", "eine andere Tonalität: das Arbeiten daran, dass es ein gutes Morgen gibt". Damit habe er das Fundament für den Wahlerfolg gelegt. "Dass wir diesen Booster einschalten konnten, den Katharina Schulze und ich dann nutzen konnten, ist seiner Vorarbeit zu verdanken."

Den Vorsitz hat Hallitzky mit eigener Note versehen. Die doppelte Doppelspitze aus Duo in Landesverband und Fraktion habe sich bewährt, sagt er: Die einen nach innen wirkend, die im Maximilianeum nach außen. Man brauche "nicht vier Superstars". Er hielt sich zurück, organisierte, fuhr bis in den letzten Winkel des Freistaats. Auch als "Feuerwehr", wie man hört, wenn ein Thema zum Konflikt zwischen Führung, Fraktion und kommunaler Basis zu werden drohte. Motto: viel reden, immer da sein. Meist ohne Glänzen, bei Aufgaben, für die es keine Schlagzeile gibt.

Zurückhaltung, weil Hallitzky es so wollte, nicht, weil er's nicht anders könnte. Das Bonmot, er würde von Markus Söder "keinen Gebrauchtwagen kaufen", Klassiker in der Landespolitik, soll er erfunden haben. Oh je, Thema Söder. Man hätte es besser nicht erwähnt im Gespräch. Der so lockere Grüne - sonst hat er gerne einen Scherz parat - zeigt Anflüge von Rage. Das "extrem hierarchisch organisierte System Söder, das neben ihm nichts zulässt", könne im Bund eine Gefahr werden für das Kompromissfinden im Föderalismus. Nun gut, die Wahl naht ja.

Auf Hallitzkys Nachfolge gibt es keinen Run. Bislang zwei Kandidaten sind im Rennen: der oberbayerische Grünen-Bezirksgeschäftsführer Thomas von Sarnowski aus Ebersberg seit Längerem, Hans Jürgen Hödl aus dem Landkreis Freyung seit Kurzem. Wieso nicht mehr? Vielleicht wegen der Bundestagsliste, neben Lettenbauer dürfte kein zweiter Mandatar wirken, ein Rest der Trennung von Amt und Mandat. Vielleicht lässt Corona die Nachfrage stocken. Vielleicht auch, weil Hallitzkys Rollenverständnis bei vielen keine Lust aufs Erbe auslöst - viel Arbeit, wenig Publicity.

© SZ vom 16.04.2021/van/vewo
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