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Gitarren:Rockmusik aus der Zigarrenkiste

Matthias Seybold

Matthias Seybold ist gelernter Maschinenbauer, aber in seiner Freizeit widmet er sich ganz seinen ungewöhnlichen Gitarren.

(Foto: Jaqueline Lang/OH)

Matthias Seybold baut in seiner Freizeit Gitarren - allerdings nicht aus teuren Tropenhölzern. Seine Instrumente sind aus Materialien, die einmal anderen Zwecken dienten.

Matthias Seybolds Reich ist nur um die sechs Quadratmeter groß, an den Wänden hängen Schleifpapierrollen, Schraubschlüssel und Pinsel. In dieser kleinen Werkstatt baut der Mann mit den langen Locken und dem Vollbart Gitarren. Nebenbei, in seiner Freizeit. Sein neuestes Werk: eine Gitarre aus einer alten Chocoholics-Zigarrenschachtel. Damit steht er in einer langen Tradition, die ersten Gitarren dieser Art wurden um das Jahr 1800 in Amerika gebaut.

Die CBG, kurz für Cigar-Box-Gitarre, die Seybold, 38, entworfen hat, ist jedoch um einiges aufwendiger gefertigt: Der Korpus ist aus einer Chocoholics-Zigarrenkiste gefertigt, der Hals aus Ahorn-, Decke und Steg aus Birnenholz. Statt nur einer oder zwei hat Seybolds Version drei Saiten und sogar ein Tonabnehmer, ein Lautstärkeregler und ein Eingang für ein Verstärkerkabel sind in der kleinen Gitarre verbaut. Selbstverständlich sei die CBG nicht nur optisch ein Hingucker, sondern lasse sich auch einwandfrei spielen, versichert Seybold. Er empfiehlt, beim Spielen einen sogenannten Bottleneck zu verwenden: ein kleines Metall- oder Glasröhrchen, das man über den Finger stülpt und über die Saiten gleiten lässt. Erzeugt wird so der für Blues typische weiche und zugleich volle Sound.

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Der Mann aus Pörnbach im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm hat sich das Gitarrenbauen selbst beigebracht, lange bevor es für alles ein Youtube-Tutorial gab, eine Gebrauchsanweisung im Internet. Als seine erste Gitarre kaputtging, reparierte er sie einfach selbst. Bereits als kleiner Bub hat er in der Werkstatt seines Vater die Liebe zum Holz entdeckt. Zunächst habe er dort allerdings nicht Gitarren, sondern Modellflugzeuge gebaut, erzählt Seybold. Letztlich ließen sich diese beiden Arbeiten aber gut vergleichen: Für beides brauche man viel Feingefühl und eine ruhige Hand. "Hudeln und Gitarren bauen, das passt nicht zusammen", sagt Seybold.

Seine erste selbstgebaute E-Gitarre hat der gelernte Maschinenbauer, der heute in der Entwicklungsabteilung eines großen Automobilzulieferers in Ingolstadt arbeitet, aus dem Holz eines Apfelbaums gebaut. Aus eben jenem Baum, der in seiner Kindheit im Garten seiner Eltern in Wettstetten stand. Fünf Jahre sei das nun schon her, sagt Seybold, aber auf der Gitarre spiele er nach wie vor bei jeder Bandprobe. Selbstverständlich stammen auch der Bass und die Gitarre des Sängers aus seiner Werkstatt.

Seinem Hobby geht Seybold bislang nur nach der Arbeit und am Wochenende nach. Dann verbringt er jedoch fast jede Minute in seiner Werkstatt. Sich als Gitarrenbauer selbständig zu machen, ja, das sei schon ein großer Traum. Doch noch beschränke sich sein Kundenkreis zu sehr auf den Ingolstädter Raum, um sein Hobby wirklich zum Beruf machen zu können, glaubt Seybold. Der Vorteil: Solange er finanziell nicht vom Verkauf abhängig sei, könne er sich für jede Gitarre so viel Zeit nehmen, wie er wolle.

Aus Waschzubern, Fässern und Keksdosen wurden schon Gitarren gebaut

Etwa 40 Stunden arbeite er an einer Gitarre, schätzt Seybold - und da seien etwaige Verzierungsarbeiten und andere Sonderwünsche seiner Kunden noch nicht mitgerechnet. Es gebe einen Witz, der sein Dilemma ganz gut umschreibe: "Was macht der Gitarrenbauer, wenn er im Lotto gewinnt?" - "Er baut so lange Gitarren, bis das Geld weg ist." Eine Gitarre zu bauen, ist für Seybold seine ganz eigene Form der Kunst. Wenn er in seiner kleinen Werkstatt im Keller seines Hauses in Pörnbach steht, wird das Geld schnell zur Nebensache.

Seybold ist selbstverständlich nicht der einzige Gitarrenbauer in Bayern. Innerhalb der Community gebe es jedoch einen engen Zusammenhalt. "Es gibt kein Konkurrenzdenken, jeder hat seine eigene Nische", sagt er. Sein Spezialgebiet sei es, "das Unmögliche möglich zu machen", sagt er. Seit Kurzem zählen nun auch CBGs zu seinem Spezialgebiet.

Doch wie kommt er denn nun dazu, eine Gitarre aus einer Zigarrenschachtel zu bauen? Die Idee, gibt Seybold zu, sei nicht ganz neu, sondern mehr als 200 Jahre alt. Aus Waschzubern, Fässern und Keksdosen wurden schon Gitarren gebaut. "Damals gab es ja noch keine Billiggitarren aus Fernost", sagt Seybold. Er selbst habe im vergangenen Jahr zufällig eine Schokozigarrenschachtel in einer Schublade gefunden. Ihn habe daraufhin der Gedanke gereizt, dem alten Kästchen eine neue Bestimmung zu geben. Das Ergebnis verkauft Matthias Seybold nun für 399 Euro.

Upcycling ist ein Gedanke, der Seybold gefällt. Statt vorportioniertem Holz verwendet er deshalb nicht nur alte Schachteln, sondern auch Holzreste. Tropische Hölzer kommen bei Seybold hingegen nicht auf die Werkbank. "Tropenhölzer wären supergut geeignet, aber ich finde den Raubbau im Regenwald nicht gut", sagt er. Lieber arbeite er stattdessen mit heimischen Hölzern, gelegentlich auch mit Nuss- und Ahornsorten aus Kanada oder den USA.

Der Nachhaltigkeitsgedanke ist Seybold bei seiner Arbeit auch sonst wichtig. Die E-Gitarre, mit der er nun im Frühjahr in Serie gehen will, solle deshalb auch anders, als der Begriff zunächst vermuten lasse, kein Massenprodukt werden. Der Begriff Serienmodell beziehe sich in diesem Fall lediglich auf eine standardisierte, am Computer modellierte Form, die mit einer Fräse ausgesägt werde. Das spare Zeit und sei zudem kostengünstiger. Der Rest bleibe auch weiterhin Handarbeit, versichert Matthias Seybold.