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NS-Geschichte:Nicht nur der Arm muss ab

In Garmisch-Partenkirchen erregt ein Nazi-Relief doch noch Ärger - nachdem es jahrzehntelang am Hochbehälter hing

Von Matthias Köpf, Garmisch-Partenkirchen

Weitaus die meisten Menschen in Garmisch-Partenkirchen wissen wohl nicht ganz genau, wo die Hochbehälter liegen, aus denen das Trinkwasser in die Leitungen ihrer Häuser drückt. Der Hochbehälter über dem Ortsteil Garmisch liegt am dortigen Hausberg, dem Kramer, ziemlich versteckt im Wald und jedenfalls weit abseits aller Wanderwege. Vor ein paar Tagen aber ist doch jemand dort vorbeigekommen, der nicht immer wieder mal an dem Hochbehälter zu tun hat und der also diesen Anblick nicht gewohnt ist - den Anblick des Steinreliefs eines muskulösen, lediglich mit einem Lendenschurz bekleideten Mannes, der seinen rechten Arm zum Hitlergruß erhebt.

Der im notorisch heroischen Schwulst aus dem Stein gemeißelte Nazi grüßt dort ganz offenkundig schon seit den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, der Entstehungszeit des Hochbehälters, der neben diesem Relief noch die Jahreszahlen 1933-34 trägt. Und so wenig sich in den siebeneinhalb Jahrzehnten seit dem Ende der Nazidiktatur irgendjemand öffentlich an dieser Darstellung stoßen wollte: Das zugehörige Hakenkreuz war irgendwann doch vom Hochbehälter geschlagen worden.

Nun aber drang die Kunde im Tal zu Alois Schwarzmüller durch. Der pensionierte Geschichtslehrer ist sicher einer der besten Kenner der örtlichen NS-Geschichte, wusste nach eigenen Angaben selbst aber auch nichts von dem Relief. Kürzlich war Schwarzmüller nach ein paar Jahren Pause wieder für die SPD in den Marktgemeinderat eingezogen, und außerdem sitzt er inzwischen auch im Verwaltungsrat der Gemeindewerke, die für die örtliche Wasserversorgung und damit auch für den Hochbehälter am Kramer verantwortlich sind. Auf Schwarzmüllers Intervention ließen die Gemeindewerke von einem Tag auf den anderen den erhobenen rechten Arm mit einer Metallplatte verdecken, die noch neuer glänzte als die edelstählerne Eingangstüre zum Hochbehälter. Diese Lösung habe ihn "eher enttäuscht als erfreut", sagt Schwarzmüller, der es vorgezogen hätte, das ganze Relief auf die Schnelle komplett mit einer hölzernen Bretterwand zu verdecken und dann in Ruhe über alles Weitere nachzudenken.

Doch inzwischen habe Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) dem Thema ein schnelles Ende bereitet und die Gemeindewerke angewiesen, das Relief umgehend zu entfernen. Die Gemeindewerke selber lehnen jegliche Stellungnahme zu der Angelegenheit ab. Laut ihrem Verwaltungsrat Schwarzmüller setzten sie jedoch darauf, dass die Darstellung schon deshalb keine Aufmerksamkeit erregen würde, weil der Hochbehälter in der strengsten Schutzzone des Wasserschutzgebiets liege und so auch bestens vor den Blicken von Passanten geschützt sei.

© SZ vom 08.07.2020

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