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G8 vs. G9:"Der Stoff wird nur noch durchgezogen"

Julia Biermeier und Meren Pegler machen im kommenden Jahr Abitur, die eine am G8, die andere am G9. Geht es den G9-Schülern wirklich besser?

Es herrscht Ausnahmezustand an Bayerns Gymnasien. Gleich zwei Schülergenerationen machen im nächsten Jahr Abitur: der letzte Jahrgang des neunstufigen Gymnasiums (G9) und die ersten Schüler, die nach zwölf Jahren ihre Reifeprüfung ablegen (G8). Die Klagen über Leistungsdruck und Stofffülle am neuen G8 sind bekannt, doch geht es den Abiturienten vom G9 wirklich besser? Auslaufmodell versus Versuchsobjekt - Tina Baier und Martin Thurau sprachen mit Julia Biermeier und Meren Pegler, die jetzt ihr Abschlussjahr vor sich haben. Julia Biermeier am G8, Meren Pegler am G9.

Julia Biermeier und Meren Pegler machen beide nächstes Jahr ihr Abitur. Eine im G8, die andere im G9.

(Foto: Stephan Rumpf)

SZ: Wie sieht ein ganz normaler Schultag bei Ihnen aus?

Julia Biermeier: Der Unterricht geht von Viertel vor acht meist durchgehend bis vier. Dazwischen habe ich in der Regel eine Freistunde, meist aber schon um Viertel nach zehn, da kann man noch nicht Mittag essen. Dienstags geht es sogar ohne Pause durch. Ich bin dieses Jahr auf 38 Stunden pro Woche gekommen.

Meren Pegler: Ich habe dreimal die Woche nachmittags Unterricht; einmal sogar bis fünf Uhr, insgesamt sind es 35 Stunden. Dafür haben wir die siebte Stunde immer frei, als Mittagspause. Dabei ist es bei mir noch günstig, weil sich meine Fächer gut kombinieren lassen und ich deshalb keinen Leerlauf habe.

Biermeier: Manche von uns sitzen den halben Nachmittag in der Schule, nur weil sie um drei noch eine Stunde haben.

Pegler: Im nächsten Jahr komme ich auf 31 Stunden.

Biermeier: Ich auch.

Pegler: Da ist es dann wieder ähnlich. Ich glaube, dass sich G 8 und G 9, was die Belastung angeht, in der Oberstufe gar nicht so sehr unterscheiden. Aber in den unteren Klassen ist das G 8 viel krasser.

Biermeier: In den Leistungskursen der Oberstufe habt ihr immerhin vier Klausuren pro Jahr, bei uns sind es in den wichtigen Fächern nur zwei. Wenn du da eine Matheklausur versemmelst, kann es schon schwierig werden.

Pegler: Wir haben im nächsten Halbjahr auch nur eine Klausur, die dann allerdings doppelt zählt. Die Besonderheit bei uns ist ja wegen des doppelten Abi-Jahrgangs, dass die 13. Klasse gut zwei Monate kürzer ist. Wir fangen schon im Februar mit dem Abi an und sind Anfang Mai fertig, damit wir theoretisch gleich mit dem Studium beginnen können und nicht beide Jahrgänge gleichzeitig die Unis stürmen.

SZ: Wie viel müssen Sie zu Hause noch für die Schule machen? Bleibt Ihnen überhaupt noch Zeit für Anderes?

Biermeier: Hausaufgaben sind gar nicht so schlimm, die kann man in den Freistunden erledigen. Das Problem ist eher die Vorbereitung auf die Klausuren. Als wir im Winter den ersten dichtgedrängten Prüfungsblock hatten, war das schon heftig. Du bist frisch in der Oberstufe, kennst die Art der Aufgabenstellungen nicht, wirst nicht richtig darauf vorbereitet. Beim zweiten Durchgang war es schon etwas besser, aber trotzdem sind es drei oder vier Wochen, in denen man nur dasitzt und lernt.

Pegler: Wir hatten immerhin die elfte Klasse, um uns einzugewöhnen. Die Noten zählten noch nicht zum Abitur, man musste nur bestehen. Allerdings sind bei uns ziemlich viele durchgefallen. Bis einschließlich der zehnten Klasse hat man alle durchgezogen, sie hätten ja nicht ein Jahr zurückgehen können, weil wir der letzte G-9-Jahrgang sind. Aber nachdem sie die Mittlere Reife in der Tasche hatten, wurde ausgesiebt.

Biermeier: Das Schlimme ist, dass wir keine Zeit zum Verschnaufen haben. Nach zehn Stunden voller Konzentration geht einfach nichts mehr. Und das gilt für das ganze G 8: Wenn man den Kindern schon so viele Stunden aufhalst, muss man ein Ganztagskonzept mit einem sinnvollen Tagesrhythmus bringen, in dem feste Pausen und Neigungsfächer, die sich jeder aussuchen kann, eingeplant sind. Unsere Schule ist eine Ganztagsschule, mir jedenfalls hat das in den unteren Klassen gut gefallen, ich habe nicht darunter gelitten, nicht um eins daheim bei Mama zu sein.

Pegler: Ganztagsschule hielte auch ich für einen deutlichen Fortschritt, aber wir haben einfach nur den ganzen Tag Schule.

SZ: Geht es bei der Fülle an Stoff für viele nur noch mit Nachhilfe?

Pegler: In Mathe und Physik nehmen einige Stunden, eventuell noch in Chemie. In den Sprachen bringt das ohnehin nichts mehr, und die anderen Fächer sind Lernfächer. Wir versuchen eher, voneinander zu lernen, setzen uns mal in der Mensa zusammen hin. Das ist beim G 8 anders, vor allem in den unteren Klassen.

Biermeier: Ich hatte auch Nachhilfe. Jetzt merken wir es vor allem in Mathe, da wird der Stoff einfach durchgezogen. Und da kommen nicht nur die langsamen Schüler nicht mit. In anderen Fächern wie Geschichte, da geht es oft mit Bulimielernen: vor der Klausur schnell was reinhauen und dann rauslassen.

Pegler: Das ist bei uns nicht wesentlich anders. Bei den Lernfächern hat man den Stoff mitunter schnell nicht mehr präsent.