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Ernährung:Selbst der Hund wird jetzt vegan

Augsburg: ANJA HUBER - vertreibt veganes Hundefutter

Weil ihr Hund Amigo einen empfindlichen Magen hat, haben Annja Huber und ihr Mann in ihrer Küche experimentiert. Heraus kam ein fast kugelrunder, veganer Hundekeks.

(Foto: Johannes Simon)

Ein Augsburger Ehepaar erfindet einen Snack ganz ohne Fleisch oder Ei - und liefert die Kekse mittlerweile bis Stuttgart, Hamburg und Berlin.

Von Anne Kostrzewa

Manchmal blättern Annja und Artur Huber in Notizen aus der Anfangszeit ihres Erfinderlebens. Akribisch haben sie Rückschläge und Erfolge vermerkt, auf ihrem Weg zum perfekten Hundekeks. Der ist inzwischen zum Patent angemeldet, als vegane Bio-Vollwertkost, die schwimmt, rollt und rasselt. Und obwohl sie ihre Kekse mittlerweile nach Stuttgart, Hamburg und Berlin verkaufen, stellen die Hubers sie noch immer in Handarbeit in der eigenen Küche her.

Dass die promovierte Informatikerin und der Elektriker überhaupt zu Erfindern wurden, verdanken sie dem empfindlichen Magen ihres Hundes Amigo. Der italienische Wasserhund verträgt Herrchen und Frauchen zufolge kein industriell gefertigtes Trockenfutter, sollte aber nach dem Pfotegeben und Sitzmachen auf die Belohnung nicht verzichten müssen.

Also feilte Artur Huber, offenes Hemd, Smartwatch, über Monate an einem Teigrezept. Nach Feierabend schraubte und lötete er in der Werkstatt eine Apparatur nach der nächsten zusammen, um das Ausrollen und Ausstechen des Teigs zu erleichtern. Wenn die Hubers heute in der Küche stehen, läuft der Dinkel-Banane-Rapsöl-Teig mechanisch durch eine Nudelmaschine, angetrieben vom Motor eines Scheibenwischers, der wie bei einer Nähmaschine mit einem Trittschalter bedient wird.

Soviel zu Artur Hubers Erfindergeist, für ihn stellt dieser Ist-Zustand allenfalls ein Provisorium dar, da geht sicher noch mehr. "Knechten" solle das Hobby sie aber nicht. "Wenn es uns keine Freude mehr macht, hören wir auf", sagt Huber. Und meint damit: Dann kommt halt die nächste Erfindung.

Abwiegen, Kneten und Ausrollen als Ausgleichsprogramm

Artur Huber ist ein Mann, der immer in Bewegung ist, immer im Gespräch und dabei in Gedanken längst beim nächsten Thema. Während er redet, gestikulieren seine Hände wild durch die Luft. Seine Augen leuchten, wenn er von der nächsten großen Idee erzählt. Annja Huber, seine Frau, ist der Ruhepol der Beziehung. Sie kümmert sich beruflich um die Homepage der Uni Augsburg, sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch.

Für sie sind die Hundekekse ein Ausgleichsprogramm, das Abwiegen und Kneten, das Ausrollen der Teigplatten: "Neben der Arbeit im Web brauche ich was zum Anfassen", sagt sie. Früher malte sie Bilder, formte Skulpturen aus Eisendraht. Jetzt sind es die Hundekekse. "Egal was man macht, man sollte dabei auch etwas fühlen. Es soll nicht nur Spaß machen, sondern auch einen Sinn haben", glaubt sie. Der Sinn hinter den Hundekeksen sei - neben Amigos Verdauung - auch die gemeinsame Zeit zu zweit.

Das Ausstechen haben die Hubers mittlerweile im Akkord drauf

Den Fernseher haben die Hubers längst abgeschafft, er passt nicht zum Leben der beiden: Zu passiv wäre das Stillsitzen und Zuschauen. "Mein Mann unterhält mich stundenlang, da brauche ich nicht noch einen Fernseher", sagt Annja Huber und muss nach einem kurzen Moment der Ernsthaftigkeit dann doch lachen. Tatsächlich sei es doch so, dass man in der Zeit, in der andere in die Röhre schauen, so viel geschafft kriegen könne. Hundekekse ausstechen zum Beispiel. Das haben die Hubers mittlerweile im Akkord drauf, auch Dank der Scheibenwischer-Tret-Mechanik.

Wenn doch mal ein Keks misslingt, ist Hund Amigo der Nutznießer. Ihm ist es egal, wie seine Belohnung aussieht; die zu kleinen Herzchen ausgestochenen Teigreste verschlingt er ebenso euphorisch wie die rasselnden Kugeln. Das Rasseln - oder Scheppern, wie die Hubers sagen - verdanken die hohlen Kekse einem kleinen, doppelt gebackenen Teigstückchen in ihrem Innern. Wenn Amigo das Rasseln hört, steht er seinem Besitzer in der kindlichen Begeisterung darüber in nichts nach.

Weil sie in der eigenen Küche backen, musste das Ei weichen

Bliebe noch die Frage nach dem Vegan-Bio-Vollwert-Aspekt: Die Hubers sind keine überzeugten Ökos. Dass die Hundekekse vegan sind, hat eher praktische Gründe: "Für die Verarbeitung von tierischen Produkten gelten sehr strenge Hygienevorschriften", sagt Annja Huber. Weil sie in der eigenen Küche backen, musste das Ei aus dem Ursprungsrezept weichen. Der praktische Nebeneffekt: Die Kekse halten sich jetzt viel länger.

"Wenn wir irgendwo gescheitert sind, hat uns das immer weiter gebracht", sagt Artur Huber. So findet sich in seinen Erfindernotizen neben der Ei-Geschichte auch die von den Dinkelflocken, die ursprünglich zum Rezept gehörten, die der Hersteller aber irgendwann vom Markt nahm. Die Hubers mussten auf ein Kleie-Produkt umsteigen. Das machte den Teig viel fester - und die Kekse nahezu wasserdicht. Stundenlang können sie nun schwimmen, ohne sich vollzusaugen. Das qualifizierte den "Schepperli Gaudi-Keks" am Ende auch für das angemeldete Patent. In den kommenden Wochen soll es den Hubers verliehen werden.

© SZ vom 15.02.2016/kbl
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