bedeckt München
vgwortpixel

Deutschland:Tanz in der Baumkrone

In der Limmersdorfer Linde eröffnet die Dorfjugend die Kerwa.

(Foto: TZ Fränkische Schweiz/Trykowski)

In Oberfranken tanzt man nicht unter, sondern in den Linden. Dazu arbeiten ganze Dörfer an Plattformen mit, die ins Geäst gebaut werden. Das verbindet.

Menschen, die in Bäumen tanzen. Klingt ein wenig nach "Herr der Ringe", doch man muss sich dafür nicht wegträumen nach Mittelerde, es genügt ein Ausflug nach Oberfranken. In Peesten, Limmersdorf und Langenstadt steigen die Dorfbewohner zur Kirchweih auf den Tanzboden in die Krone. Man feiert dort nicht einfach die Kirchweih, wie es sie in ganz Franken gibt, sondern "Lindenkerwa". "Zu unserer Kerwa im Juni haben zwölf Paare in der Linde getanzt", sagt stolz Helga Dressel, Mitgründerin des Förderkreises Tanzlinde Peesten. Die Burschen und Mädchen vom Kerwaverein eröffnen den Tanz, dann kommen die Kinder und schließlich tanzt das ganze Dorf. Vier Vereine und der Förderkreis organisieren das Fest, sorgen für Bratwürste, Bier und die Kirchweihmusik. Frauen backen die Kirchweihküchle, die in Altbayern Auszogene heißen.

Der Ursprung des Brauchs ist vermutlich ein heidnischer Vegetationskult

Tanzlinden sind gewissermaßen die fränkische Antwort auf den oberbayerischen Brauch, um den Maibaum zu tanzen. Doch um wie viel romantischer ist es, in einem grünen Baumsaal in drei Meter Höhe eine Linde zu umkreisen und den Duft der Lindenblüten einzuatmen! Und nicht nur getanzt wird dort oben. "Wir führen Theaterstücke auf, veranstalten Konzerte und einen Kirchweihgottesdienst", erzählt Helga Dressel, als sei es die normalste Sache der Welt. Bis zu 90 Personen können auf dem hölzernen Tanzboden in der Linde sitzen. Sie ist der Mittelpunkt des Ortes.

Das Wissen der Bäume

Die grüne Laube der Peestener Linde wurde nach altem Vorbild gebaut.

(Foto: Diane Cook, Len Jenshel; aus: "Das Wissen der Bäume")

Eine Tanzlinde, erklärt Rainer Graefe, gehört zu den geleiteten Linden. "Das sind Bauwerke, vom Menschen geformte Naturgebäude", erklärt der emeritierte Professor für Baugeschichte. Die Hauptäste junger Bäume werden dabei in die Breite gebogen, fixiert und mit einem Gerüst gestützt. Durch regelmäßigen Schnitt bilden die seitlichen Äste ein Gerüst, auf das der Tanzboden gelegt wird, während die kleineren Äste weiter in die Höhe streben und so eine grüne Laube bilden. Freilich muss eine solche Konstruktion immer durch ein Gebälk gestützt werden. Sonst würden die schweren Seitenäste irgendwann unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen, von dem der Tänzer ganz zu schweigen.

Graefe hat die Tanzlinden erforscht, seine Studenten fertigten Modelle von vielen aktuellen und historischen Bäumen an. Sie sind im Lindenmuseum in Neudrossenfeld zu sehen. Die ältesten geleiteten Linden stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. "Ursprung ist vermutlich ein heidnischer Vegetations- und Baumkult", sagt Graefe. Das Verbreitungsgebiet reicht von den Niederlanden bis Ostpreußen. Die alte Peestener Linde, Vorläuferin des jetzigen Baumes, war zwischen 1550 und 1600 gepflanzt worden, musste aber 1947 gefällt werden. Sie war so imposant, dass sie Peesten den Zusatz "zur Linde" bescherte. Von außen sah die Krone aus wie ein riesiger, belaubter Kubus mit zwei Fensterreihen.

Ein Anblick, der den Münchner Künstler Carl August Lebschée (1800 bis 1877) so beeindruckte, dass er mehrere Zeichnungen und Stiche von ihr anfertigte. Der gefällte Baum hinterließ eine Lücke im Ort. Zwar wurde 1951 an gleicher Stelle wieder eine Linde gepflanzt, sogar gezogen wurden ihre Äste wieder, vom Dorfschullehrer Rudi Arnold und seinen Schülern. Einige ehemalige Schüler sind noch im Ort und erinnern sich, wie sie damals mithelfen durften. Die Peestener haben ihre Linde geformt, aber diese hat auch die Gemeinschaft geformt.

Reiseinformationen

Anreise: Die A73 bis zum Autobahnkreuz Bamberg, dann über die A70 bis Thurnau West nach Limmersdorf; oder über die St 2689 via Döllnitz nach Peesten.

Lindenkerwa: In Peesten findet die Lindenkerwa am zweiten Juni-Wochenende statt, www.lindenkerwa.de, in Limmersdorf zu Bartholomä, am Wochenende des 24. August, www.lindenkirchweih.de

Tipps: Der Tanzlinden-Radrundweg Peesten-Limmersdorf-Langenstadt führt zu den drei fränkischen Tanzlinden. Das Lindenmuseum in Neudrossenfeld erklärt Historie und Brauchtum der Lindenkirchweih, www.neudrossenfeld.de, Di bis So, 11 bis 17 Uhr, der Schlüssel liegt in der Brauerei Bräuwerck.

Weitere Auskünfte: www.fraenkische-schweiz.com

"Viele im Ort sagten, es wäre schön, wieder eine Tanzlinde zu haben", sagt Helga Dressels Mann Siegfried. "Aber wir waren schon im Begriff, das Bewusstsein für diese Tradition zu verlieren." 1999 wurde der Förderkreis Tanzlinde Peesten gegründet. Als erstes musste ein statisch einwandfreies neues Gerüst gebaut werden. "Das hat die Dorfgemeinschaft zusammen geschafft", sagt Helga Dressel. Viele machten ehrenamtlich mit. Die Direktion für Ländliche Entwicklung in Bamberg unterstützte die Dorferneuerung und gab Geld für die Linde, die Neugestaltung des Dorfplatzes und für ein Dorfhaus als Treffpunkt. Damals wie heute tragen zwölf Sandsteinsäulen den 87 Quadratmeter großen Boden und das Gebälk. Eine steinerne Treppe mit 22 Stufen führt hinauf in die Krone. Die Einweihung fand am 9. September 2001 statt. Nach 37-jähriger Pause wird dort seither wieder Lindenkirchweih gefeiert.

In Limmersdorf, nur wenige Autominuten von Peesten entfernt, steht Veit Pöhlmann unter einer Tanzlinde aus dem Jahr 1686. Seit 1729 wird in ihr getanzt. Nur während des Zweiten Weltkrieges und während einer Polioepidemie 1949 musste die Lindenkirchweih ausfallen. "Wir sind das Original", sagt er und belegt das mit Brief und Siegel: Die Limmersdorfer Lindenkerwa steht seit 2014 im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der Unesco. Pöhlmann hat das durchgeboxt, er steht dem Verein zur Erhaltung und Förderung der Limmersdorfer Kirchweihtradition vor. Unermüdlich setzt er sich dafür ein, die alten Kirchweihbräuche zu erhalten. In der Limmersdorfer Linde können 25 Paare tanzen. Sie hat sogar noch einen kleinen Anbau für die Musikanten. Eröffnet aber wird der Tanz immer nur von vier unverheirateten Paaren, die auch das Fest organisieren. "Die Kirchweih hat sich als erstes Fest vom kirchlichen zum weltlichen entwickelt", erklärt Pöhlmann. Die Menschen brauchten einen Treffpunkt zum Austausch und Kennenlernen. Die Lindenkrone, aus der man heraus-, in die man aber nicht hineinsehen konnte, war auch Heiratsmarkt.

"Die Linde war der Baum der Göttin Freya"

Es ist ein schöner Platz, gleich neben der Kirche, die von einer Mauer eingefriedet ist. Hier heißt es, eine Linde kommt 300 Jahre, steht 300 Jahre und geht 300 Jahre. Weil dies so ist, wollen die Limmersdorfer vorbereitet sein. So wird nur einen Steinwurf entfernt bereits die zweite herangezogen. In zwei Jahren soll sie erstmals betanzt werden. "Eine zweite Linde, das ist eine gute Idee", sagt Kathrin Heimann. Sie ist Bürgermeisterin von Effeltrich. Dort steht die sogenannte Tausendjährige Linde. Sie war Gerichtslinde, Mittelpunkt des Maitanzes und ist bis heute Dorftreffpunkt. Getanzt wurde nur unter ihr. Die acht flach gezogenen Äste, dick wie Elefantenbeine, dienten einst zur Bastgewinnung. Effeltrich war früher reich an Apfelwiesen. Vor der Plastikära verwendete man bei der Veredelung junger Apfelbäume Lindenbast.

Dem alten Baum gehe es gut, sagt Helmut Hauck. Er ist Baumpfleger und betreut die Effeltricher Linde. "Sie wächst immer noch." Freilich mehr in die Breite als in die Höhe. "Wir nehmen ihr junge Triebe und Äste, so geht die Wuchskraft ins Holz." Das zeigt sich in ihrem kolossal dicken Stamm, es braucht schon bald eine Fußballmannschaft, ihn zu umspannen.

"Die Linde war der Baum der Göttin Freya", erklärt Bauhistoriker Graefe. Frühchristliche Missionare deuteten sie um zum Marienbaum, wegen der Herzform des Lindenblattes. So oder so, sagt Kathrin Heimann: "Den Effeltrichern ist ihre Linde heilig."

Brauchtum Wo es im Bayerischen Wald spuken soll

Mystische Orte

Wo es im Bayerischen Wald spuken soll

Geister, Lichter oder die Seelen ermordeter Schweden? Im Bayerischen Wald mangelt es nicht an schauerlichen Legenden. Eine Heimatforscherin hat sich auf die Suche nach den Ursprüngen begeben.   Von Hans Kratzer