bedeckt München
vgwortpixel

Deggendorf:Wie eine Hochschul-Außenstelle in der Provinz zur Erfolgsgeschichte wurde

Vielen erscheint schon der Hauptsitz als Provinz, und die Zweigstelle der Deggendorfer Hochschule in Teisnach ist noch viel abgelegener.

(Foto: Frederik Nebas)
  • Das Technologiezentrum der Technischen Hochschule Deggendorf in Teisnach gilt als Erfolgsgeschichte.
  • Die Außenstelle hat eine Menge Unternehmen und Arbeitsplätze in die Region gebracht. Die neuen Einwohner freuen sich über Kita-Plätze und günstige Grundstücke.
  • Für Unternehmen sind Fachhochschulabsolventen begehrte Arbeitskräfte.

Rita Röhrl muss fast schreien, damit man sie versteht. "Hören Sie das?", ruft sie ins Telefon. "Einen Höllenverkehr haben wir hier." Die Bürgermeisterin des Marktes Teisnach sagt das nicht ohne Stolz. Dass ihre niederbayerische 2800-Seelen-Gemeinde heute ein Verkehrsknotenpunkt ist, ein Industriestandort mit internationalem Ruf, das ist Röhrls Verdienst. Sie war es, die vor sechs Jahren tief in die Gemeindekasse griff und das erste Technologiezentrum der Technischen Hochschule Deggendorf (THD) in ihre Marktgemeinde holte.

Seitdem fahren die vielen Autos nicht nur durch Teisnach hindurch, sie pendeln hinein - 200 neue Arbeitsplätze hat das Technologiezentrum dem Örtchen am Schwarzen Regen beschert. Um den Campus herum haben sich viele neue Unternehmen angesiedelt. Es ist eine beispielhafte Symbiose zwischen Fachhochschule und Gemeinde, wie sie in dieser Form nur in Bayern zu finden ist.

5700 Studenten lernen auf dem Campus

Die Keimzelle der prosperierenden Provinz liegt 25 Kilometer südlich in Deggendorf. 5700 Studenten werkeln hier in Laboren, machen Experimente und betreiben auch Auftragsforschungen für Unternehmen. Hier lernen sie die Grundlagen, um später an einem Technologiezentrum wie in Teisnach oder in einem Unternehmen mit Hochpräzisionsmaschinen arbeiten zu können. Es ist die Spezialität der Fachhochschulen, ihren Studenten nicht nur das theoretische Warum beizubringen, sondern auch das praktische Wie: Wie funktioniert eine Technologie? Wie kann man sie in der Industrie einsetzen?

"Unsere Ausbildung ist deutlich praxisrelevanter als die an der Universität", sagt THD-Präsident Peter Sperber. Entsprechend eng sei die Beziehung zu Unternehmen. "Unsere Absolventen schreiben ihre Abschlussarbeiten fast ausschließlich über lokale Firmen", sagt Sperber. Durch den Bayerischen Wald und bis hinein nach Mittelfranken hat die Hochschule acht Technologiezentren wie das in Teisnach aufgebaut. Fünf Millionen Euro gibt der Staat pro Standort dazu, denn das Modell, Bildung und Wirtschaftskraft in der Region zu streuen, zahlt sich aus.

CSU Aigner plant Zentrum für Digitalisierung
Fortschritt in Bayern

Aigner plant Zentrum für Digitalisierung

Es soll 116 Millionen Euro kosten und Heimat für 20 Professoren sein: Wirtschaftsministerin Aigner plant die Einrichtung eines "Zentrums Digitalisierung" in Garching bei München. Damit will sie auch Heimatminister Söder ärgern.

Die Absolventen werden gern eingestellt

Für Unternehmen sind Fachhochschulabsolventen begehrte Arbeitskräfte - erst während des Studiums als Werkstudenten, später als feste Mitarbeiter. Daraus ergibt sich die symbiotische Stärke der Fachhochschule: Siedeln sich Unternehmen dort an, wo ihre künftigen Arbeitskräfte marktreif gemacht werden, sitzen sie an der Quelle, sobald die Fachleute ihren Abschluss in der Tasche haben, und werben sie ab, bevor die Studenten sich in Richtung der Metropolregionen orientieren.

Davon profitiert auch die Region, weil junge Fachkräfte ihr erhalten bleiben und mit neuen Unternehmen sogar zusätzliche Akademiker zuwandern. Diese erwartet in den kleinen, aber durch Industrie und Gewerbesteuern wirtschaftlich starken Gemeinden vieles, wovon sie in Großstädten nur träumen könnten. Einen "goldenen Betreuungsschlüssel" gebe es etwa bei der Kinderbetreuung in Teisnach, sagt Rita Röhrl. "Wir haben Kitaplätze für alle, die einen wollen."

Bildung Bayerische und russische Hochschulen sollen enger zusammenarbeiten
Bildung

Bayerische und russische Hochschulen sollen enger zusammenarbeiten

Ministerpräsident Horst Seehofer will die Kooperation institutionalisieren. Die Universitäten beider Ländern sind da schon einen Schritt weiter.   Von Anne Kostrzewa

Ein Paradies für junge Eltern

Sogar aus den Nachbargemeinden würden Kinder aufgenommen, weil Teisnach mehr Betreuungsplätze hat als Kinder im Ort wohnen. Der Einstiegstarif für die Betreuung liege bei gerade mal 45 Euro monatlich, mit freier Mittagsverpflegung. Und wer in Teisnach sein Eigenheim errichten möchte, bekommt das Bauland mit 68 Euro pro Quadratmeter fast hinterhergeschmissen.

Eine "Investition für die Zukunft" sei ihr Griff in den Geldtopf damals gewesen, sagt Bürgermeisterin Röhrl. Ihr Entschluss, das Technologiezentrum als 100-prozentige Tochter der Gemeinde zu finanzieren, war eine Hauruck-Aktion. Eigentlich hätte der Campus in Regen angesiedelt werden sollen. "Da ging aber ewig nichts voran", erinnert sich Röhrl. "Wir waren uns nach 14 Tagen einig, und da sind wir nun." Das war vor sechs Jahren. "Noch keine Sekunde habe ich es bereut."