Datenschutz "Es geht die anderen hier im Laden gar nichts an, wie ich heiße"

In Zukunft wird es beim Metzger wohl Kopfhörer geben, die jeder so lange aufsetzen muss, bis er an der Reihe ist.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Das soll eine Kundin einer verdutzten Metzgereiverkäuferin entgegnet haben, als die sie mit Namen ansprach. Die Datenschutzgrundverordnung bedroht die kleinen Schlaraffenlandmomente.

Glosse von Lisa Schnell

Glücklich ist der Mensch, der ruht. Ein "Sluraffe" will ein jeder sein, ein Faulenzer, der wohnt im "Schlaraffenland". Huhn und Schwein springen vorgegart durch die Lüfte, direkt in den Mund hinein. Selbst die Last, den eigenen Gelüsten nachzuspüren, ist einem genommen. Noch bevor ein Wunsch geboren ist, wird er schon erfüllt. Nur manchmal, ganz selten, nähert sich die Wirklichkeit der Utopie ein wenig an und das in den ungewöhnlichsten Momenten, beim Einkaufen etwa.

Das muss der nach Faulheit strebende Mensch meist selbst erledigen, aber er macht es sich leicht. Trotz großem Angebot von laktosefreiem Käse bis magnesiumangereicherter Milch kauft er immer das Gleiche. Er sieht auch meistens gleich aus, man kann ja nicht aus seiner (faulen) Haut. Und trotzdem muss er es immer wieder sagen: "200 Gramm Leberkas bitte und drei Paar Wiener." Dann aber kommt dieser Tag, an dem er meint, den Metzgerladen zu betreten, in Wahrheit aber steht er im Schlaraffenland. Gerade will er die müden Lippen öffnen, zum hundertsten Mal von Leberkas und Wienern murmeln, da hat die Verkäuferin seine Bestellung schon vorweggenommen. Selbst ein Wunsch, von dem der Großstädter gar nicht wusste, dass er ihn hegt, erfüllt sich: Die Verkäuferin kennt seinen Namen!

Manch einer arbeitet Jahre auf diesen kleinen Scharaffenlandmoment hin, jetzt aber ist er bedroht von - wie sollte es anders sein - der Datenschutzgrundverordnung. Auf die berief sich zuletzt eine Kundin im oberbayerischen Wolnzach. "Es geht die anderen hier im Laden gar nichts an, wie ich heiße", soll sie der verdutzten Metzgereiverkäuferin entgegnet haben, als die sie mit Namen ansprach. Falls sie der offensichtlich bekannten Kundin gerade zurufen wollte "Weißer Presssack extra dick wie immer?", schluckte sie die Worte sicher sofort herunter. In Zukunft wird es beim Metzger wohl Kopfhörer geben, die jeder so lange aufsetzen muss, bis er an der Reihe ist. Statt der Bestellung der anderen hört man dann die Jeopardy-Wartemelodie und nie wieder ein persönliches Wort.

Selten war die Welt weiter entfernt vom Schlaraffenland, wo es nicht nur faul, sondern vor allem freundlich zugegangen sein soll.

Leben und Gesellschaft Wien wird doch nicht zur Hauptstadt der Namenlosen

Österreich

Wien wird doch nicht zur Hauptstadt der Namenlosen

Wegen der Datenschutz-Grundverordnung der EU sollten bei 220 000 Wiener Gemeindebauwohnungen Klingelschilder auf Türnummern umgerüstet werden. Die Anonymisierung lief an und wird nun doch gestoppt.   Von Peter Münch