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Corona-Krise in Bayern:Zweieinhalbtausend Quadratmeter Stille

Herbergsvater Daniel Eisfeld hat Sorgen: Sonst ist sein Haus in Oberammergau voll. Doch alle Gäste haben nun storniert. Auch jene, die heuer die Passionsspiele besuchen wollten.

(Foto: Privat)
  • Jugendherbergen in Bayern sollen in der Corona-Krise finanziell unterstützt werden.
  • Mitte März mussten infolge der Corona-Krise alle 58 Häuser in Bayern schließen. Es gehe um den Erhalt von rund 900 Arbeitsplätzen.
  • Die bayerische Staatsregierung hat zwar inzwischen angekündigt, zu helfen - allerdings, das bemängeln die Vertreter der Jugendherbergen, "noch völlig unkonkret".

Auch an diesem Morgen läuft Daniel Eisfeld, der Leiter der Jugendherberge Oberammergau, durch das menschenleere Gebäude. Im Speisesaal Totenstille, in den Schlafräumen mit den mehr als 140 Betten kein Mucks, am Hang vor dem Haus nicht ein einziger Fußabdruck im Schnee. Eisfeld lässt den Blick über den Gästebereich schweifen - gut zweieinhalbtausend Quadratmeter Stille, überragt vom Kofel, dem Oberammergauer Hausberg. "Es ist gespenstisch", schildert Eisfeld seine Eindrücke am Telefon.

Wie alle bayerischen Jugendherbergen ist auch sein Haus seit dem 18. März gemäß einer Verfügung des Gesundheitsministeriums geschlossen, um die Gäste und Mitarbeiter vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Und doch klingt Eisfeld jetzt zuversichtlicher als noch die Tage zuvor. Er hat erfahren, dass die Staatsregierung mittlerweile darüber nachdenkt, wie sie die Jugendherbergen vor dem Konkurs retten kann. "Eine super Nachricht", sagt er. Immerhin, es geht auch um den Erhalt von rund 900 Arbeitsplätzen, wie Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) am Mittwoch durchblicken ließ. Und, das muss die Ministerin gar nicht erst aussprechen: Die Jugendherbergen sind eine Institution.

Trautners Problem ist aber, dass ihr Ministerium bei Weitem nicht über die Mittel verfügt, um Bayerns Jugendherbergen retten zu können. Und es geht ja nicht nur um die, wie der Sprecher des Sozialministeriums klarstellt: Es geht auch um die Existenz der Schullandheime, der Jugendbildungsstätten und der Familien-Ferienstätten - sind sie doch rechtlich ähnlich verankert wie die Jugendherbergen.

Es muss also ein Ministerium einspringen, das über die Mittel verfügt. Bayerns Sozialministerin bat Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) zu überprüfen, ob Jugendherbergen, Schullandheime und Bildungsstätten wie Unternehmen möglichst rasch und unbürokratisch von seinem Haus unter einen Rettungsschirm genommen werden können. Aiwanger reagierte darauf mit dem Statement: "Wir müssen auch für Jugendherbergen und Schullandheime eine existenzsichernde Lösung finden." Sein Sprecher erklärte am Donnerstag auf Nachfrage: "Wir lassen auch die nicht alleine, wir arbeiten bereits an einer Lösung, und ich hoffe, dass sie bis nächste Woche fertig ist."

Das hofft auch der Oberammergauer Jugendherbergsvater. Seit gut zwei Wochen wirkt Eisfeld wie ein Solitär in seiner Herberge. Die Wasserleitungen durchspülen, Zimmer lüften, Stornierungen entgegennehmen - das sind die wenigen Tätigkeiten, die ihm nun in Kurzarbeit noch gestattet sind. Er darf nur noch zehn Stunden pro Woche arbeiten, seine 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter musste er nach Hause schicken - auch sie nun in Kurzarbeit.

"Ich kenne diese Menschen viele Jahre, und es ist hart, wenn da eine alleinerziehende Mutter weinend vor mir steht, weil sie nicht weiß, wie sie sich und ihr Kind mit 67 Prozent des Gehalts über Wasser halten soll", sagt er. Und so gern er nun auch angesichts der neuen Nachrichten vollauf optimistisch in die Zukunft blicken würde, es fällt ihm schwer. "Hoffentlich ist diese Lösung für uns auch wirklich tragbar. Und hoffentlich kommt diese Lösung nun schnell und nicht erst in acht Wochen, denn dann kann es für uns zu spät sein", sagt er.

In einem Schreiben an Ministerpräsident Markus Söder (CSU), Carolina Trautner und Hubert Aiwanger, hat Klaus Umbach, der Präsident des Landesverbands Bayern im Deutschen Jugendherbergswerk (DJH), mit Verbandskollegen die existenzielle Bedrohung auf den Punkt gebracht. Das Schreiben ist überschrieben mit "Brandbrief", Unterzeile: "Jugendherbergen vor dem endgültigen Aus". Übertreibung? Alles andere als das, sagt Umbach am Telefon: "Innerhalb von etwa drei Wochen ist der Umsatz aller Jugendherbergen auf Null abgesunken", zitiert er aus seinem Schreiben. Alle Buchungen seien storniert.

Umbach will die Hoffnung nicht aufgeben, aber: "Die Ankündigung seitens der Staatsregierung, uns zu helfen, ist noch völlig unkonkret", sagt er. Die fehlende Liquidität sei das Hauptproblem, das es zu lösen gelte - "über eine Zwischenfinanzierung, über ein zu 90 Prozent abgesichertes Darlehen", so wie bei anderen Unternehmen auch. "Genau genommen brauchen wir das spätestens Mitte April", sagt Umbach.

Der Präsident weiß, dass seine Funktion von ihm verlangt, ein Fels in der Brandung zu sein. Jugendherbergsvater Daniel Eisfeld hingegen muss keine diplomatischen Rücksichten nehmen: "Im Moment wird ja allen viel versprochen", sagt er, "aber keiner weiß, wie groß dieses durch Corona gerissene finanzielle Loch ist und wie lange es besteht." Umbach und seine Mitstreiter überlegen momentan fieberhaft, wie sich die geschlossenen Häuser nutzen ließen. "Wir wollen unbedingt überleben, weil wir davon überzeugt sind, dass wir nach der Krise wieder eine wichtige Aufgabe für die Kinder und Jugendlichen haben", sagt er.

Dem Sozial-, dem Gesundheits- und dem Innenministerium hat Umbach bereits Angebote zur Sondernutzung unterbreitet. Etwa könnten die Jugendherbergen sowie die anderen Einrichtungen ja gewaltbelastete Familien aufnehmen. Auch könnten sie als Quarantäne-Quartier für die Flüchtlingskinder dienen, die demnächst aus Griechenland und der Türkei nach Deutschland kommen sollen. "Aber auch das hat sich im Moment noch nicht konkretisiert", sagt er.

© SZ vom 03.04.2020/infu
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