bedeckt München 19°
vgwortpixel

Bürgerentscheid in Kaufbeuren:Tiefe Enttäuschung beim Vorsitzenden der Gemeinde

Die Stadt hatte sich ein Mitspracherecht bei der Gestaltung gesichert. Dass sich die Mehrheit der Kaufbeurer nun gegen die Moschee ausgesprochen hat, sei ein "politisches Statement", sagt Bosse, mit dem Verhältnis zu den Türken vor Ort habe das nichts zu tun. Vielmehr gebe es selbst in seriösen Kreisen der Stadtgesellschaft Stimmen, die generell vor einer Islamisierung warnten und fürchteten, von fremden Kulturen überrannt zu werden. All jene, die für Toleranz und Weltoffenheit geworben hätten, hätten immer weniger Gehör gefunden, bilanziert der Rathaus-Chef.

Geschürt hat diese Ängste vor Ort der Initiator des Bürgerbegehrens, Werner Göpel. Der 80-jährige ehemalige Polizeibeamte hatte beispielsweise bei einer Infoveranstaltung gesagt, der Koran biete die "Lizenz zum Töten". Damit blies er ins selbe Horn wie die rechtspopulistische AfD und der erklärte Islam-Feind Michael Stürzenberger. Der politische Aktivist und frühere Sprecher der Münchner CSU war mehrmals in Kaufbeuren, um die Stimmung gegen das Moschee-Projekt anzuheizen. In stundenlangen Kundgebungen wetterte er über Hassprediger und behauptete, der Islam sei hauptsächlich eine politische Ideologie. Die in Kaufbeuren lebenden Türken griff er direkt an: Die friedlichen Moslems würden sich nicht mehr als friedlich erweisen, wenn sich die Mehrheitsverhältnisse änderten, sagte Stürzenberger, der sich wegen seiner Auftritte schon mehrfach vor Gericht verantworten musste.

Auch dieses Agitieren veränderte das Stimmungsbild in der Bevölkerung. Zunächst war es nur eine kleine Gruppe, die sich öffentlich gegen den Neubau der Moschee in der Stadt aussprach. Dann aber wuchs die Angst, das bekam auch der Oberbürgermeister zu spüren. Leute sprachen ihn auf der Straße an und meinten, dass ein Minarett doch die Unterwerfung einer Stadt signalisiere. Bosse bekam auch Bücher zugeschickt, die vor den vermeintlichen Gefahren des Islam warnen. "Und natürlich waren der türkische Präsident Erdoğan und die politischen Entwicklungen in der Türkei ein Riesenthema." Deshalb sei er letztlich nicht mehr überrascht gewesen, dass der Bürgerentscheid dieses Ergebnis gebracht habe.

Der Vorsitzende der islamischen Gemeinde, Osman Öztürk, ist tief enttäuscht über den Ausgang der Abstimmung. Er müsse "das alles sacken lassen", sagte er am Sonntag - und kündigte an, in Kaufbeuren zu bleiben und weiter nach einem Standort für eine neue Moschee zu suchen. Findet sein Verein ein geeignetes privates Grundstück, dann kann kein Bürgerentscheid mehr das Projekt stoppen.

Glaube und Religion Sie sind beides, Muslime und Bayern

Islam-Studie

Sie sind beides, Muslime und Bayern

Eine aufwendige Studie über Muslime in Bayern zeigt die Bandbreite ihrer Lebensweisen: von religiös bis säkular, von konservativ bis liberal.   Von Matthias Drobinski