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Werkstätten-Messe in Nürnberg:Fachkraft mit Handicap

Die Diakonie Neuendettelsau bietet in Bayern mehr als 1000 Arbeitsplätze in Werkstätten. Dort werden unter anderem diese Puppenmöbel hergestellt.

(Foto: Claudia Henzler)

Alleine in Bayern arbeiten 36 000 behinderte Menschen in Werkstätten. Sie erledigen nicht nur Montagearbeiten, sondern stellen vielfältige Produkte her - von Gardinenstangen bis Puppenmöbel.

Wer an Werkstätten für behinderte Menschen denkt, dem fallen vermutlich zwei recht unterschiedliche Dinge ein: Montagearbeiten für die Industrie und liebevoll gesägte Holzspiele auf Weihnachtsmärkten. Beides gibt es, doch die Werkstätten bieten längst deutlich mehr. Nicht nur die Vielfalt der Produkte wächst, die Träger und damit die Beschäftigten gehen auch zunehmend aus ihren eigenen Betrieben heraus und bieten Firmen Dienstleistungen wie Gartenarbeit oder einen Copyshop in deren Räumlichkeiten an. Diese große Bandbreite der Angebote ist derzeit auf der Werkstätten-Messe in Nürnberg zu besichtigen.

Noch machen Dienstleistungen für die Industrie, etwa in der Holz- oder Metallverarbeitung, deutlich mehr als die Hälfte der Arbeit in den Werkstätten aus, sagt der Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Werkstätten, Martin Berg. In der Messehalle fallen jedoch naturgemäß zuerst die Sparten Gastronomie und Handwerk ins Auge. Möbel und Haushaltsgegenstände aus hochwertigem Holz, Filz und Textilien dominieren die Stände.

Eine Gardinenstange aus Hof.

(Foto: Claudia Henzler)

Eher ungewöhnlich ist ein Produkt, das sich im Sortiment der Hochfränkischen Werkstätten Hof findet: eine ausziehbare Gardinenstange, die man einfach an den Fensterrahmen stecken kann. "Das hat ein Mitarbeiter von uns entwickelt, der sich über seinen Vermieter geärgert hat", erklärt Vertriebsleiter Werner Köhler. Mehr als 20 Jahre sei das her, seitdem werde die Scheibengardinenstange in kleiner Stückzahl - 500 bis 1000 Stück pro Jahr - hergestellt und auf zwei Wegen verkauft: im Direktvertrieb und über Werkstattläden in ganz Europa. Die Hofer haben einen ansehnlichen Katalog mit ihren Eigenprodukten erstellt. Der größte Arbeitsbereich sind aber auch dort Industriedienstleistungen von der mechanischen Fertigung bis zur Konfektion.

Wie sich die Arbeitswelt durch Digitalisierung verändert, beschäftigt die Branche stark. Wegweisend könnte dabei ein Konzept aus Überlingen am Bodensee sein. Dort haben die Camphill-Werkstätten-Lehenhof ein Bistro eröffnet, bei dem ein computergesteuertes System den Beschäftigten bei der Zubereitung assistiert. Ist die gewünschte Nudelsoße erst in der Kasse eingegeben, beleuchtet ein Videoprojektor nacheinander die Behälter mit den benötigten Zutaten. Weil die Portionierungslöffel mit Sensoren versehen sind, passt sich die Projektion der Arbeitsgeschwindigkeit an. Die Überlinger wurden dafür am Mittwoch mit dem "Exzellent"-Preis der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen ausgezeichnet.

Mehr als 310 000 Menschen gelten in Deutschland aufgrund einer Behinderung oder psychischen Belastung als nicht arbeitsfähig und sind in einer der gut 700 Werkstätten mit ihren 2850 Betriebsstätten beschäftigt. In Bayern stehen laut Sozialministerium 36 000 Plätze in Werkstätten zur Verfügung.

Vasen in Kirschholz aus den Inntal-Werkstätten in Wasserburg.

(Foto: Claudia Henzler)

Bundesvorsitzender Berg warnte bei der Messeeröffnung davor, die Werkstätten vor lauter Inklusionseifer abschaffen und behinderte Menschen in den ersten Arbeitsmarkt integrieren zu wollen. "Wir haben ein gutes System in Deutschland", betonte er. Es sei ein Fehler zu glauben, dass man die Beschäftigten anlernen und dann allein lassen könne. Die Betreuungsleistung der Werkstätten sei dauerhaft notwendig.

Sinnvoll ist aus seiner Sicht aber, dass sich die Werkstätten noch stärker außerhalb der eigenen vier Wände betätigen. Als Vertreter der Beschäftigten und Mitglied im Bundesvorstand der Werkstatträte schloss sich Jürgen Thewes diesem Plädoyer an. "Für viele Kollegen ist es der Mittelpunkt ihres Lebens", sagte er über die Werkstätten. Zumindest in Nürnberg stellte das am Mittwoch niemand infrage. So bekräftigte Sozialstaatssekretärin Carolina Trautner (CSU): "Wir wollen eine solidarische, inklusive Gesellschaft." Und: "Die Werkstätten leisten hierbei individuell und passgenau ihren wertvollen Beitrag."

Die Werkstätten-Messe ist sowohl Publikums- als auch Fachmessemesse und dauert bis einschließlich Samstag.

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