Nachwehen der Pandemie:"Corona hat uns dann den Rest gegeben"

Lesezeit: 6 min

Nachwehen der Pandemie: In Wackersberg ist das Dorfleben noch in Ordnung. Hauptmann Hans Baumgartner bringt an Fronleichnam einen Toast aus. Zum ersten Mal nach der Corona-Pause feierten die Gebirgsschützen wieder im Biergarten - in voller Stärke mit schätzungsweise 400 Teilnehmern.

In Wackersberg ist das Dorfleben noch in Ordnung. Hauptmann Hans Baumgartner bringt an Fronleichnam einen Toast aus. Zum ersten Mal nach der Corona-Pause feierten die Gebirgsschützen wieder im Biergarten - in voller Stärke mit schätzungsweise 400 Teilnehmern.

(Foto: Sebastian Beck)

Fußballer, Chöre, Trachtler - sie alle mussten zwei Jahre lang ihre Hobbys und damit auch das gesellschaftliche Leben einstellen. Nach der Zwangspause blühen viele Vereine wieder auf, andere schlafen endgültig ein. Eine Stichprobe.

Von Deniz Aykanat, Simone Kamhuber und Johann Osel

Mit der Liebe zum Verein, sagt Innenminister Joachim Herrmann (CSU), sei das so eine Sache. Da gebe es diejenigen, die sagen: "Das ist mein Verein, da bin ich durch dick und dünn dabei" - eine emotionale Bindung, oft schon seit den Eltern. Aber auch andere, die das alles nur als "Geben und Nehmen" sähen: Liefert der Verein, wie zwangsläufig zu Lockdown-Zeiten, nicht das gewohnte Angebot, verabschieden sie sich.

Bei Herrmanns Wahrnehmung spielen wohl Anspruchshaltung und Service-Denken mit hinein, wie sie sich in der gesamten Gesellschaft zeigen. Der Minister hat dieser Tage mit dem Innenausschuss im Landtag über die Lage der Vereine debattiert, Schwerpunkt Sport. Die Dachverbände des organisierten Sports in Bayern melden demnach eine nur allmähliche Normalisierung. So konnte der Mitgliederschwund durch Corona - im Landessportverband ein Minus von 150000 Personen - "bis heute noch nicht vollständig kompensiert werden". Immer noch sei ein erheblicher Einbruch bei Neueintritten zu verzeichnen. Dennoch sei die Mehrzahl der Sportvereine "besser als befürchtet" durch die Krise gekommen, sagte Herrmann, er hoffe nun auf ein "starkes Comeback".

Und in der Breite des Vereinslebens, über Turnen, Sportkegeln oder Fußball hinaus? Auch hier ein gemischtes Bild, wie Forschungen des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft ergeben, vom bayerischen Sozialministerium gefördert: "Die Auswirkungen der Pandemie vertiefen Brüche zwischen Mitgliedergewinnern und -verlierern." Der Schlüssel seien nachhaltige Nachwuchsstrategien. 67,4 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Bayern engagieren sich freiwillig oder sind gemeinschaftlich aktiv, lobte Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) kürzlich in ihrer Regierungserklärung. "Unser Sozialstaat baut auf diesem großen Gemeinsinn auf." Wie geht es also den Vereinen im Freistaat, jetzt nach der Zwangspause? Eine Stichprobe.

Wachrüttler vergeblich gesucht

Seit mehr als vier Jahrzehnten gibt es den Trachtenverein Postbauer-Heng (Kreis Neumarkt in der Oberpfalz) - beziehungsweise gab es ihn. Die Pandemie beschleunigte, was sich schon lange abzeichnete: Die Vereinsarbeit der älteren Mitglieder schläft und es kommt kein Nachwuchs nach, der sie wieder wachrüttelt. Im Februar kündigte Vorstand Wolfram Krebs die Auflösung an. "Die richtig eingefleischten Trachtler gibt es nicht mehr", sagt Petra Igl. Sie ist selbst eine von der Sorte und war 25 Jahre bei den Trachtlern in Postbauer-Heng.

Über den Trachtenverband Mittelfranken versuchte die übriggebliebene Handvoll Mitglieder seit Jahren, die Jugend für Brauchtum, Volkstanz und Volksmusik zu begeistern, vergeblich. Igl ging es immer darum, die in die Tracht gewebte Tradition zu vermitteln, ihre Heimat zu repräsentieren: "Dirndl und Tracht ist nicht dasselbe, betont sie mehrmals. "Tracht heißt Stoff, Schuhe, Strümpfe, Schürze, Bluse, Jacke, Haube, mit all dem wird Brauchtum übermittelt." Jetzt nicht mehr, zumindest nicht in Postbauer-Heng.

"Die Leute sind in Feierstimmung"

Volksfeste, Feiern, alles, was Gegenpol zum Pandemiesumpf zuhause ist, das ist in diesem Sommer gut besucht. Diese Art der Brauchtumspflege schreibt sich der Burschenverein "Lustige Buam" aus Zeitlarn (Kreis Regensburg) auf die Fahnen. Im Juni feierte der Verein 45-jähriges Gründungsfest, davor war Maibaumfest. "Das lief sehr gut. Die Leute sind in Feierstimmung", sagt Tobias Greiner, Vereinskassier. Probleme gebe es allerdings: beim Nachwuchs.

Von den 180 Mitgliedern sei etwa ein Drittel aktiv, beim monatlichen Stammtisch bleiben nur noch 15 davon übrig. "Früher haben wir durch große Feste Mitglieder gewonnen. Bei dem großen Gründungsfest heuer kam nur einer dazu", sagt Greiner. Manche ohnehin schon lose Mitglieder hätten über die Pandemie den Burschenverein aus den Augen verloren und inzwischen Kinder oder einfach andere Interessen. Gerade überlegen die "Lustigen Buam" über Social Media Mitglieder anzuwerben.

Spielen, "bevor wir nicht mehr dürfen"

Nachwuchsprobleme gibt es in der Tennisabteilung des SV Wenzenbach in der Oberpfalz hingegen keine. "Der Run aufs Sommertraining und die Mannschaften ist riesig", sagt Jugendwart Ludwig Erl. "Wir haben größte Probleme, die mehr als 100 Kinder unterzubringen." Beim Verein werde schon darüber nachgedacht, zwei neue Plätze und eine Halle zu bauen. Die letzten beiden Corona-Jahre waren aber auch für ihn schwierig - und haben ihn erfinderisch gemacht. Als das Training verboten war, stellte er sich mit Springseil und Schläger in seinem Wohnzimmer vor die Kamera und machte online mit einem Dutzend Zehnjährigen Konditions- und Ballübungen. Für Erl und seine Schützlinge war es zumindest ein Vorteil, dass die Tennis-Saison im Winter Pause hat und ohnehin meist im Freien gespielt wird.

Da hat es ein Volleyballtrainer schwerer, der Teams bilden muss, die dann im Winter ihre Punktspiele in der Halle absolvieren. Oder eben nicht. Als im Winter Vereinssport verboten war, rechnete Alois Maier vom SSV Wurmannsquick im Landkreis Rottal-Inn mit dem Schlimmsten. "Die ganze Jugendarbeit, was wir über Jahre aufgebaut haben, ist kaputt", prognostizierte er im vergangenen Dezember. Vieles ist tatsächlich so gekommen, wie befürchtet - aber es gibt auch gute Nachrichten.

Die im Winter abgesagten Spiele wurden von Mai an nachgeholt. Ungewohnt für die Spielerinnen, wie die 19-jährige Annika Gottanka. Noch dazu mussten sie sich monatelang irgendwie alleine daheim fit halten. "Bei Sommerhitze in der Halle spielen, da wollten auch erst mal viele nicht ins Training." Am Ende habe aber der Zusammenhalt gesiegt - und der Ehrgeiz. "Wir sind in die Bezirksliga aufgestiegen."

"Aber wir haben auch Blessuren erlitten", sagt Trainer Maier. "Der Nachwuchs für unsere Damenmannschaft ist ein Pflänzchen, das eingegangen ist." Es sind die Jugendlichen, die bei den Lockdowns 15 bis 18 Jahre alt waren. Von 25 Nachwuchsspielerinnen sind 21 nicht mehr zurückgekehrt. "Das ist eine Delle, die sich langfristig durchziehen wird." Die Herrenmannschaft musste er gleich komplett abmelden. Den Sommer wollen sie im Verein jetzt nutzen, um möglichst viel zu trainieren, die Punktspiele sind schon früher geplant. "Bevor wir nicht mehr dürfen", sagt Gottanka.

Das treibt tatsächlich viele Vereine um: Was kommt im Herbst? Wieder Stillstand, wenn eine neue Virus-Variante aufzieht? Im Innenausschuss berichteten Abgeordnete vom bangen Blick auf den Herbst noch bei einem anderen Thema: Energie. Ob es noch möglich sein wird, eine Sporthalle oder einen Schießstand zu heizen, ein Schwimmbad zu nutzen? Herrmann kündigte an, "die Entwicklung im Auge zu behalten". Und womöglich wie in der Corona-Zeit über die Vereinspauschalen zu helfen.

"Corona hat uns dann den Rest gegeben"

Besonders hart hat die Pandemie die Chöre getroffen. Großen Abstand halten, draußen proben, mit Maske singen? Kaum möglich. Den meisten Chören und Musikschulen blieb nur, Konzerte und Proben abzusagen. Für Stefan Grosch, Vorsitzender des Kinder- und Jugendchors Ingolstädter Nachtigallen, waren die vergangenen zwei Jahre ein ständiges Hin und Her. "Wir haben umgeplant, neue Termine gesucht, dann kamen plötzlich neue Regeln und wir mussten wieder alles umwerfen oder ganz absagen." Bei den Nachtigallen gibt es drei Gruppen: die ganz kleinen Kinder ab drei Jahren, Grundschulkinder und die "großen Nachtigallen" mit den 10- bis 18-Jährigen. Vor allem die Jugendlichen sind nur noch schwer dafür zu begeistern. Vor fünf Jahren sangen noch 25 bei den großen Nachtigallen, "aber Corona hat uns dann den Rest gegeben", so Grosch. Fünf Jugendliche blieben übrig. Mit einer großen Werbeaktion konnten weitere vier Sängerinnen und Sänger gewonnen werden. Immerhin, die Kleinkind-Gruppen sind voll, da geht die Initiative eher von den Eltern aus.

Bei den Erwachsenen-Chören ist die Motivation laut Grosch groß. Er singt selbst im Ingolstädter Motettenchor, der zurzeit in kompletter Mannschaftsstärke probt, etwa 70 Leute. "Im November ist die Schöpfung von Joseph Haydn im Festsaal des Stadttheaters geplant. Alle sind heiß drauf, zu singen." Aber so richtig traut er nach zwei Jahren Pandemie dem Frieden nicht. "Die Zuverlässigkeit ist verloren gegangen. Im Zweifel ist wieder Corona."

Üben, üben, üben - feiern

Eine gute Nachricht ist hingegen, dass die Freiwilligen Feuerwehren wieder ihr "aktives Vereinsleben leben", wie es Benjamin Blasini nennt, Vorsitzender der Feuerwehr Zandt (Kreis Cham). Die Mitglieder seien in "Aufbruchstimmung", seine Feuerwehr "gesegnet mit viel Nachwuchs", einige gingen sogar in den hauptberuflichen Dienst über. Auch die Freiwillige Feuerwehr Lalling (Kreis Deggendorf) hat eine herausragende Mitgliederbilanz, die sie über die vergangenen Jahre halten konnte: 250 Mitglieder bei einer Einwohnerzahl von knapp 1600. "Wir ziehen unseren eigenen Nachwuchs heran", sagt Ludwig Jacob als erster Kommandant. Die Mitglieder sind nicht das Problem, vielmehr müsste im Moment der Übungsrückstand aufgeholt werden. Drei bis vier Übungen monatlich seien Standard, zusätzlich noch Spezialtrainings zum Beispiel mit Maschinisten.

Bei der Feuerwehr klappt's also mit dem Vereinsleben, wieso? "Bei uns ist die Feuerwehr immer noch Tradition und im Mittelpunkt der Gesellschaft", sagt Benjamin Blasini aus Zandt. Außerdem hätten sie eine sehr junge Vorstandschaft und blieben damit nahbar für die Nachwuchsfeuerwehrler. Auch die Feste nähmen die Lallinger, wie sie fallen, ergänzt Kommandant Jacob: "Das Mostfest der Feuerwehr ist hervorragend angenommen worden. Alle wollen raus, schee is es."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusBGH-Entscheidung
:Nüßlein und Sauter dürfen Millionenprovision aus Maskendeals behalten

Zu Beginn der Pandemie erhielten die CSU-Politiker üppige Provisionen bei der Beschaffung von Schutzmasken. Der BGH sieht den Tatbestand der Bestechlichkeit aber nicht erfüllt.

Lesen Sie mehr zum Thema