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Brauchtum und Geschichte:Lob des Scheiterns

"Gschroamaulert" ist ein Begriff, der in Bayern nicht positiv gebraucht wird. Was nicht heißt, dass es Leute mit dieser Eigenschaft gibt. Das zeigt schon die Geschichte - und auch die Gegenwart.

Kolumne von Franz Kotteder

Die bayerische Mentalität ist eigentlich von Haus aus geprägt durch eine gewisse Grundskepsis, die auf Lebenserfahrung fußt. Übertriebenen Ehrgeiz und Großsprechertum gibt es hierzulande zwar nicht weniger als anderswo, da muss man sich nichts vormachen. Aber besonders angesehen sind diese Eigenschaften nicht. Weil die Bayern wissen: Es kommt dann halt doch anders, als man denkt.

Das ist spätestens bekannt seit den Tagen des Blauen Kurfürsten Max Emanuel, der das Habsburger Reich mit einer eigenen Dynastie ablösen wollte, um dann schließlich im Brüsseler Exil zu versauern. Später bekam das bayerische Heer von Ludwig I. eine Feldherrnhalle und ein Siegestor spendiert, obwohl es seine größten Fertigkeiten letztlich im Unterzeichnen von Kapitulationsurkunden zeigte. Und aus dem Traum von der Kanzlerschaft ist bei Franz Josef Strauß trotz vollmundiger Ankündigungen nie etwas geworden.

Für "vollmundig" verwenden die Bayern gerne den Begriff "gschroamaulert", gebildet aus den Vokabeln "Geschrei" und "Maul" und durchaus abschätzig gemeint. Er bezieht sich auf Leute, die "aufs Blech hauen" oder "angeben wie eine Steige voller Affen", um zwei vergleichbare Begriffe ins Spiel zu bringen, die dann aber letztlich nicht halten können, was sie versprechen.

Womit wir nun bei einem Franken sind. Normalerweise ist der Volksstamm der Franken der sicher am wenigsten gschroamaulerte im Freistaat, aber Ministerpräsident Markus Söder macht da schon mal eine Ausnahme. Sein Satz mit der Krisenbewältigung und der Kanzlertauglichkeit, wiewohl nicht sehr laut vorgetragen, fällt eindeutig in die Kategorie "gschroamaulert", wenn auch nicht mit ganz so drastischen Konsequenzen wie bei Max Emanuel oder Strauß.

Und das alles nur, weil die Faxgeräte nicht so richtig gut funktioniert haben, sofern wir das richtig verstanden haben. Darüber zu lästern, ist zwar nicht schwer. Aber wer ankündigt, und dann nicht liefern kann, muss halt damit leben, gescheitert zu sein. Demnächst beginnt ja das neue Schuljahr, und Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) sagt, die bayerischen Schulen seien gut gerüstet. Vielleicht sollten die Schülerinnen und Schüler schon mal googeln, was genau so ein Faxgerät früher mal gewesen ist.

© SZ vom 22.08.2020/lfr
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