bedeckt München

Gesundheitspolitik:Mehr Zeit, mehr Personal, mehr Aufwand

Krankes Baby in Münchner Krankenhaus, 2015

Eltern sowie Ärzte und Pflegepersonal berichten davon, dass Kinderstationen unterfinanziert seien und keine optimale Versorgung stattfände.

(Foto: Catherina Hess)

Landtags-SPD unterstützt eine Petition, die eine bessere Finanzierung von Kinderstationen in Krankenhäusern fordert

Von Dietrich Mittler

Es sind Protokolle des Leids, die sich unter der Online-Petition "Kinderstationen retten" wiederfinden. Die Petition hat die Münchnerin Lena Giedat angestoßen - aus Betroffenheit über die vielen Medienberichte, in denen die Probleme der Klinikversorgung von Kindern und Jugendlichen angesprochen wurden. Die Resonanz auf die Petition hat Giedat - selbst Mutter von zwei kleinen Kindern - überrascht. "Insgesamt 20 785 Unterzeichner waren es am Ende, allein 18 216 davon aus Bayern", sagt sie. Etliche hätten es nicht bei einer Unterschrift belassen, sondern auch geschildert, was ihrem Kind widerfahren ist - an einem Ort, an dem in Bayern eigentlich problemlos Hilfe zur Verfügung stehen sollte: im Krankenhaus. Da geht es etwa um die seinerzeit acht Monate alte Leni, die "am Kopf operiert werden" musste. Lenis Tante teilte auf der Plattform mit: "Die OP wurde zweimal wegen Personalmangel auf der Intensivstation verschoben."

Auch eine Kinderkrankenschwester und eine Oberärztin aus Oberbayern meldeten sich zu Wort. Die Schwester schreibt, sie erlebe "es jeden Tag, dass wir Kinder, die krank sind, ablehnen müssen, da man in den letzten acht Jahren unsere Klinik von sieben auf drei Stationen mit viel zu wenig Betten minimiert hat". Die Oberärztin wiederum forderte, "der Raubbau an deutschen Kinderkliniken muss endlich ein Ende haben". Überdies gab ein Vater zu bedenken, die Kindermedizin brauche eine "von der Erwachsenenmedizin unabhängige Struktur und Finanzierung".

Die Petition, die Giedat angestoßen hat, richtet sich an den Landtag. Der möge sich für die folgenden zwei Forderungen einsetzen - erstens: "Bedrohte Kinderkrankenstationen in Bayern werden durch eine Notfallfinanzierung vor der Schließung bewahrt." Zweitens: "Die Staatsregierung setzt sich vehement für die Anpassung des Finanzierungssystems ein." Die ärztliche Versorgung von Kindern müsse "zukunftsfähig" sein - und "kein Verlustgeschäft".

"Gott sei Dank", so sagt Giedat am Telefon, "sind meine Kinder beide gesund." Aber niemand könne ausschließen, dass nicht doch eines ihrer Kinder plötzlich schwer erkranke oder einen Unfall erleide. "Es wäre furchtbar, wenn ich dann in einer Klinik gesagt bekomme, dass man mein Kind leider nicht aufnehmen kann", sagt die 38-Jährige. Sie sei erschrocken über das, was sie in den Elternberichten habe lesen müssen. "Ich hoffe, dass sich jetzt etwas bewegt", sagt Giedat. Sie baue auf den Gesundheitsausschuss, der an diesem Dienstag in München zusammentritt. Rückendeckung bekommen die Unterzeichner der Petition bereits durch die SPD im Landtag. "Es muss sichergestellt werden, dass jedes Kind die bestmögliche medizinische Versorgung erhält", schrieb Ruth Waldmann, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, an Ministerpräsident Markus Söder sowie Gesundheitsministerin Melanie Huml (beide CSU). Es könne nicht so weitergehen, dass Krankenhäuser für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen "meist dieselbe Vergütung wie für Erwachsene" erhalten, hieß es sinngemäß. Für die Kinder sei "mehr Zeit, Personal und medizinischer Aufwand erforderlich". Der Freistaat habe nun Gelegenheit, sich für eine bessere Finanzierung der Kinderstationen einzusetzen. Dazu müsse Bayern nur eine aktuelle Bundesratsinitiative unterstützen.

Bislang, so betont Waldmann, seien aber alle ihre diesbezüglichen Vorstöße von der CSU abgeschmettert worden. "Die Versorgung der Kinder und Jugendlichen im Freistaat gebe keinen Anlass zur Sorge", habe sie stets zu hören bekommen. "Hier sprechen die Online-Petition sowie die Brandbriefe von Chefärzten an mich aber eine ganz andere Sprache", sagt Waldmann. Gesundheitsministerin Huml hat auf Waldmanns Brief geantwortet. "Seien Sie versichert, der Bayerischen Staatsregierung und auch mir persönlich ist die Versorgung aller Patientinnen und Patienten in Bayern ein besonderes Anliegen", heißt es da. Die Staatsregierung teile "das Ziel, das mit dem Antrag der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Sachsen-Anhalt verfolgt wird" - also die Herausnahme der Kinder- und Jugendmedizin sowie der Kinderchirurgie aus dem Fallpauschalensystem. "Eine klare Zusage sieht für mich anders aus", sagt indes Waldmann. Mit Kolleginnen und Kollegen der SPD-Fraktion hat sie deshalb einen Antrag eingereicht, um die CSU dazu zu bewegen, die Bundesratsinitiative der drei anderen Länder zu unterstützen. Auf die Sitzung des Gesundheitsausschusses ist Waldmann, wie sie sagt, "sehr, sehr gespannt". Und: "Ich werde Melanie Huml beim Wort nehmen."

Wie sich die CSU positioniert, ließ sie am Montag offen. Bernhard Seidenath, der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, sagte: "Der Freistaat tut viel für seine Krankenhäuser - auch und gerade für die Kinderkrankenhäuser." Fakt sei aber auch: "Der Fachkräftemangel macht den Kinderkliniken und -stationen gerade deutlich zu schaffen."

© SZ vom 20.10.2020

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