Schwimmenlernen:Arschbombe reicht nicht

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Kampagne ·Bayern schwimmt 2021·

Das kühle Wasser lockt - doch Schwimmenlernen ist nicht einfach.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Immer weniger Kinder können richtig schwimmen. Die bayerische Staatsregierung startet eine Kampagne und verteilt Gutscheine - doch das löst längst nicht alle Probleme.

Von Sarah Höger und Johann Osel

Der ältere Herr in der Badehose steht am Rand des großen Beckens, stemmt die Arme in die Hüften und schaut skeptisch. Das, was er wohl denkt, formuliert für ihn der bayerische Kultusminister im Vorbeigehen. "Gell, da will man einmal ruhig zum Schwimmen gehen und dann so was", scherzt Michael Piazolo (Freie Wähler). Der Mann brummt etwas und geht ins Kinderbecken. Dieses "So was" im Freisinger Erlebnisbad "Fresch" ist der Auftakt der Aktionswoche "Bayern schwimmt". Konkret: ein Tross von Politik, Ehrenamtlichen und Medien. Piazolo - keine Badehose, aber gewillt, Wasserspritzer auf seinem Anzug in Kauf zu nehmen - schreitet zur Tat. Drei, zwei, eins zählt er die Kopfsprünge von Antonia und Kilian an, Kindern aus Freising. Danach Tauchen, Piazolo wirft einen gelben Ring ins Wasser. Platsch, Spritzer. Die Badehose wäre klüger gewesen.

Die Kampagne für Kinder, Eltern und Lehrkräfte, um zum Schwimmenlernen zu motivieren und für Gefahren im Wasser zu sensibilisieren, läuft zum dritten Mal. Und nach der Pandemie und der Schließung der Bäder ist sie nötiger denn je. Im Mittelpunkt steht diesmal ein virtuelles Lernprogramm, das die Kinder hier in Freising gedreht haben, zusammen mit "Checker Julian", Moderator des Kinderkanals. Es soll vorbereiten aufs echte Schwimmen, Lustmachen, dient zur Überbrückung - zeitgemäß, heißt es. "Coole Arschbombe", lobt der Checker den Buben in einem der sieben Videos. Es wird viel geschäkert, aber auch erklärt, mit flotter Musik unterlegt.

"Das kann natürlich nie ein Ersatz sein, aber eine sinnvolle Ergänzung", meint Thomas Huber (CSU), Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der Wasserwacht in Bayern. "Wir haben Aufholbedarf." Piazolo ergänzt: Die Pandemie sei "bitter" gewesen, doch jetzt werde man "mit voller Kraft wieder loslegen". Hinter dem Minister an der Wand steht: "Sommer, Sonne, sicher schwimmen". Doch genau daran hapert es.

Um die Schwimmfähigkeit von Kindern ist es nicht gut bestellt - schon vor Corona. Immer wieder verwiesen wird auf einer Erhebung der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) im Jahr 2017; bundesweit, aber Richtschnur für den Freistaat. 59 Prozent der Zehnjährigen sind demnach keine sicheren Schwimmer. Wozu laut Experten nicht ein "Seepferdchen" nötig sei, sondern mindestens ein Leistungsabzeichen in Bronze. Dafür erforderlich: 200 Meter Schwimmen in 15 Minuten, ein Sprung ins Wasser, Auftauchen eines Gegenstands und Kenntnis der Baderegeln. Wie es die Kinder im "Fresch" demonstrieren. Familiäre Gründe, Defizite in Schulen, Bäderschließungen - das machte die DLRG als Gründe aus. Die Corona-Krise verstärkt den Trend, für Hunderttausende Grundschüler fiel nicht nur diese Form des Sportunterrichts aus. Also: aufholen.

Ein Investitionsprogramm des Freistaats umfasst 20 Millionen Euro im Jahr

Kürzlich hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verkündet, Erstklässler und Vorschulkinder erhalten nach den Ferien einen Gutschein zum Erwerb des Seepferdchens. Auch in Brückenangeboten im August, bei denen Lernstoff nachgeholt wird, soll Schwimmen eine Rolle spielen. Dringlichkeitsanträge, Anfragen, Plenardebatten, vielfach war Schwimmen zuletzt Thema im Landtag. "Konzeptlos" nannte etwa die FDP die Pläne der Regierung, quer durch die Opposition war die Frage: Reicht das? Hat es vor Corona schon nicht gereicht? Und wer soll es überhaupt richten?

In Lehrplänen ist Schwimmen verpflichtend. Eigentlich. "Die Vorgabe im Lehrplan scheitert an der Realität", beklagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands BLLV. Manche Schulen haben eigene Becken, die meisten müssen auf öffentliche oder private Hallenbäder zurückgreifen. "Es gibt nicht genug. Und viele sind oft 20, 30 Kilometer weit weg von den Schulen." Bis dann jedes Kind "mal einen nassen Zeh hat", gehe viel Zeit mit der An- und Abreise drauf, berichtet Fleischmann. Als Sachaufwandsträger seien die Kommunen zuständig. Dieser Unterricht werde aber generell "viel zu stiefmütterlich behandelt", sagt Fleischmann, nicht erst seit Corona. Das zeige sich an der Schwimmkompetenz: "Wenn man als Lehrkraft einen Badeausflug mit Achtklässlern macht und die Schüler in den See lässt, erlebt man oftmals sein blaues Wunder. Da holt man die Kinder lieber schnell wieder raus aus dem Wasser." Der Vorstoß fürs Seepferdchen könne für Erst- und Zweitklässler, die bisher kaum Präsenzunterricht hatten, ein erster Schritt "zum Lückenstopfen" sein. Mehr aber auch nicht.

Und die Familien? Das merkte Piazolo im Landtag neulich an: "Schwimmen und Schwimmfähigkeit sind gesamtgesellschaftliche Themen. Man sollte das nicht nur bei der Schule ansiedeln; das verkürzt es zu sehr." Und nicht alles sei nach dem Wiederbetrieb von Schwimmbädern binnen weniger Wochen auszugleichen. "Hier brauchen wir das nächste Schuljahr, aber auch die Sommerferien", so Piazolo. Mit den Schulen - als einem Akteur von vielen.

Wie es um den tatsächlich abgehaltenen Schwimmunterricht steht? Trotz Lehrplan seien die genauen Stundenumfänge "nicht konkretisiert", heißt es im Ministerium auf Anfrage, daher keine Angaben möglich. 2017 hatte Piazolo übrigens, als Oppositionspolitiker, genau dies getadelt: In Wahrheit könne Unterricht "häufig gar nicht umgesetzt werden", die "Ahnungslosigkeit" über stattfindende Stunden sei "erschreckend". Er forderte eine "Dokumentationspflicht". Könnte er einführen, jetzt, wo die Schüler wieder schwimmen.

Nachgefragt bei Hans Bär, mehr als 70 000 Kinder haben in seiner Schwimmschule im Raum Nürnberg bereits erste Erfahrungen im Wasser gemacht. Er findet die Seepferdchen-Gutscheine "lächerlich", "ein Schuss aus der Hüfte". In seiner Schule können die Kleinsten schon mit vier Jahren einen Kurs machen, einmal pro Woche 45 Minuten, zehn Wochen lang. "In den Schulen kann das gar nicht geleistet werden, weil die Zeit im Stundenplan nicht ausreicht. Das ist völlig sinnlos", findet der 61-Jährige. In der Pandemie habe sich das Problem mit den Nichtschwimmern verschärft: "Wegen der Pandemie werden mehr Kinder ertrinken." Mittlerweile darf er wieder Kurse halten, jedoch nur in drei von eigentlich neun Bädern. Anmeldungen stauen sich, Eltern wollen sich auf den staatlichen Unterricht nicht verlassen. Wartelisten, ausgebucht - das sind übliche Meldungen aus der Branche. Oder: Anfragen von Eltern, "egal, was es kostet".

Auch die Wasserwacht unter dem Dach des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) hat wieder losgelegt mit Kursen, wie ihr Chef Huber in Freising sagt. Normalerweise unterrichtet sie in Bayern gut 10 000 Kinder pro Jahr. BRK-Geschäftsführer Leonhard Stärk ruft das "Bädersterben" in Erinnerung, ein seit Jahren "schleichender Wegfall der Schwimmmöglichkeiten". Er appelliert an Städte und Gemeinden, marode Bäder zu renovieren und nicht zu schließen. Noch besser, neue zu bauen. Irgendwie bringt fast jeder in Freising einen Seitenhieb auf die Kommunen an. Das ist etwas seltsam, weil in der Domstadt das Gegenprogramm zu sehen ist: das "Fresch", großzügig drinnen und draußen, ziemlich neu.

Viele Bäder in Bayern sind in die Jahre gekommen und marode. Kommunen können sich die Renovierung kaum leisten, gerade in der Anlagentechnik. Die SPD-Fraktion hat sich regelmäßig bei der Staatsregierung danach erkundigt, zuletzt 2018: Da war von Dutzenden geschlossenen Bädern die Rede, von Sanierungskosten bayernweit im Milliardenbereich. Ein Investitionsprogramm des Freistaats umfasst 20 Millionen Euro im Jahr. Für den grünen Abgeordneten Johannes Becher ist das ein "Nicht-Interesse" der Regierung am Problem. Als er neulich erneut zu Schließungen anfragte, verwies man ihn auf die Statistik von 2018. "Wir brauchen diese Daten, um die Entwicklung nachzuvollziehen und wirksame Maßnahmen treffen zu können", so Becher. Er will das Thema Hallenbäder in den Innenausschuss bringen.

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