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Young Carer:Wenn Helfen zur Bürde wird

Lana Rebhan kümmert sich seit Jahren um ihren schwerkranken Vater Jürgen.

(Foto: Dietrich Mittler/oh)

Jugendliche, die Angehörige pflegen müssen, sind einer besonderen Belastung ausgesetzt. Hilfen und Unterstützungsangebote gibt es für sie kaum.

Von Dietrich Mittler

Wenn sich kein Mensch findet, der zuhört, kommen Hilferufe im digitalen Zeitalter oft auch per Mail oder über Whatsapp. In Lana Rebhans Postfach finden sich etliche solcher Hilferufe. Sie kommen von Jugendlichen, die die Homepage der 16-Jährigen besucht haben. Jugendliche, denen es so geht wie ihr: Sie sind zuständig für die Pflege von Angehörigen, bereiten das Essen zu, begleiten sie ins Krankenhaus, schenken ihnen Gehör, wenn die schwerkranken Erwachsenen selbst nicht weiterwissen. So auch Lea (Name geändert). Sie schrieb Lana: "Ich habe die Pflegesituation zu Hause als sehr belastend und hilflos erlebt. Letztlich musste ich dann die Schule verlassen, obwohl ich so darum gekämpft habe weiterzumachen."

Von der Arbeitsagentur wurde Lea angesichts ihrer privaten Erfahrungen eine Ausbildung in der Pflege nahegelegt. Wohlgemerkt, der Berater in der Arbeitsagentur meinte es gut mit ihr. Wie hätte er auch ahnen können, was sein Rat bei Lea auslöste. "Für mich war es so, als wenn man einem missbrauchten Kind empfiehlt, als Prostituierte zu arbeiten", schrieb sie. "Mit dem Begriff Pflege verbinde sie einfach zu viele negative Erfahrungen und Gefühle", zitierte Lana Rebhan am Montag im Landtag aus Leas Posting.

Für die Jugendliche aus Bad Königshofen im Kreis Rhön-Grabfeld ist dies der zweite Auftritt im Maximilianeum. Schon vor ihrem ersten Auftritt bot sie online Tipps für Jugendliche an, denen es so geht wie ihr selbst. Beim ersten Besuch hinterließ sie tiefen Eindruck im Sozialausschuss, als sie die Not von Jugendlichen verdeutlichte, die in ihren jungen Jahren bereits Angehörige pflegen müssen. Das war im April vergangenen Jahres, und Lana war damals noch 14 Jahre alt - eine von rund 35 400 jungen Menschen im Freistaat, die als Stütze ihrer Familie schon lange vor ihrer Zeit erwachsen werden müssen. Ralph Knüttel, Mitglied des Regionalvorstands der Johanniter in Unterfranken, der sich seit Jahren für die Belange der Young Carer einsetzt, schätzt allerdings, dass die Zahl der Betroffenen in Wirklichkeit viel höher ist.

Seit Lanas erstem Auftritt im bayerischen Landtag ist auf politischer Ebene allerdings nicht viel passiert, was jungen Menschen wie Lena helfen könnte. Nur mit einer Forderung konnten sich die Landtagsgrünen, die die 14-Jährige im April 2019 als Sachverständige für die Belange sogenannter Young Carer eingeladen hatten, durchsetzen: Das Gesundheitsministerium erstellte einen Bericht zu bestehenden Unterstützungsangeboten.

Dieser Bericht fällt nach Einschätzung der Grünen-Sozialpolitikerin Kerstin Celina allerdings mehr als ernüchternd aus, heißt es doch darin: Die Hälfte der befragten Fachstellen habe angegeben, "über keine speziellen Beratungs- und Unterstützungsangebote für Young Carer zu verfügen". Dennoch, so das Gesundheitsministerium, stünden den jungen Pflegenden - so die deutsche Übersetzung für Young Carer - in Bayern durchaus "eine große und ausreichende Vielzahl von unterschiedlichen Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten" bereit. Allerdings, so geht aus dem Bericht hervor, sei auch festzustellen, dass die vorhandenen Beratungs- und Unterstützungsangebote von den Betroffenen nur sehr wenig in Anspruch genommen würden. Als Grund dafür machte das Ministerium unter anderem "Hilflosigkeit, Angst und Scham, ein familiär erteiltes Redeverbot sowie die Tabuisierung des Themas" aus.

Aus Sicht der Landtagsgrünen greift das indes viel zu kurz. Die bestehenden Beratungsangebote seien ganz einfach nicht auf die Bedürfnisse der jungen Pflegenden zugeschnitten. Und das beginne schon bei der Suche nach seelischem Beistand. "Wenn sich denn überhaupt ein Kinder- und Jugendpsychologe im Umkreis findet, dann endet die erste Kontaktaufnahme am Telefon doch meistens, wenn die Kinder und Jugendlichen als erstes nach ihrer Krankenkasse gefragt werden", sagte Celina im Laufe der Pressekonferenz. Mit ihren Fraktionskolleginnen und -kollegen hat die sozialpolitische Sprecherin der Grünen nun acht Anträge ausgearbeitet, die in Hilfsangebote münden sollen, die tatsächlich auf Young Carer zugeschnitten sind. Das beginne damit, dass die Staatsregierung damit anfangen müsse, die Probleme dieser jungen Menschen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Es gehe dabei um "eine Kultur des Hinsehens".

Wichtiger aber sei es, dass Bayern dazu beitrage, die jungen Menschen im Alltag zu entlasten: Das beginne bei der Bereitstellung von psychologischer Hilfe, die für die Young Carer ohne hohe Schwellen zugänglich sein sollte. Das könne in manchen Fällen Leben retten, betonte Lana Rebhan. Sie berichtete von einem weiteren Hilferuf, der sie digital erreicht hat: "Jasmin ritzt sich und kommt nach einem Suizidversuch wieder in die Schule. Weil fast alle Lehrer den Begriff Young Carer nicht kennen, musste sie jedem Lehrer einzeln erklären, dass ihre Eltern krank sind und sie sich wegen der ganzen Probleme umbringen wollte." Der Hilferuf stammte von einem Mädchen, deren Eltern psychisch krank sind.

© SZ vom 27.10.2020/vewo

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