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Gesundheitspolitik:"Kinder, die pflegen, werden nicht gefragt, ob sie das tun wollen"

Lana Rebhan versorgt ihren schwerkranken Vater Jürgen. Im Landtag war sie als Sachverständige eingeladen. Begleitet wurde sie auch von ihrer Mutter Katharina.

(Foto: Dietrich Mittler/oh)
  • Einer Studie zufolge pflegen bundesweit fast eine halbe Million Kinder und Jugendliche einen Angehörigen.
  • Die 14-jährige Lana Rebhan kümmert sich um ihren kranken Vater. Sie kämpft für mehr Unterstützung.
  • Vor kurzem hat sie vor dem Sozialausschuss des Landtags gesprochen.

Lana malt. Auf dem Bild ein Mädchen, einsam. Darüber in kaltem Weiß der Mond. In der Hand hält das Mädchen einen Luftballon, schwarz. Die 14-jährige Lana Rebhan aus Bad Königshofen im Kreis Rhön-Grabfeld hat viele solcher Bilder gemalt. Auf einem trägt ein starker Mann eine heranwachsende Frau. Ihr langes, schwarzes Haar geht über in blutiges Rot. Die junge Frau hängt leblos in den Armen des Mannes. Lanas Vater Jürgen kann seine Tochter nicht mehr tragen. Der Verband an seinem Arm erinnert daran, dass er gerade erst wieder bei der Dialyse war. Jürgen Rebhan, 51 Jahre alt, hat warme Augen. Er wirkt erschöpft. Lana, seine Hilfe im Alltag, seine Trösterin, seine Pflegerin, sagt: "Wenn man Dialyse hat - er hat das dreimal in der Woche -, dann ist das so anstrengend für den Körper, als ob man einen Marathon läuft."

Die Gefühlslage der 14-Jährigen Lana spiegelt sich in ihren Bildern wider.

(Foto: Matthias Hoch)

Kürzlich erst war die Gymnasiastin als Sachverständige im Sozialausschuss des Landtags eingeladen, zum Fachgespräch über Kinder und Jugendliche, die pflegebedürftigen Angehörigen das Essen zubereiten, die Wohnung in Ordnung halten, die Medikamente koordinieren - bis hin zu schwersten Pflegetätigkeiten, bei denen sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Etwa wenn sie ihre bewegungsunfähigen Angehörigen im Bett drehen oder beim Laufen stützen müssen. Vieles davon hat auch Lana Rebhan bereits auf sich nehmen müssen. Ihre Mutter Katharina kann ihr diese Aufgaben nicht abnehmen. Sie muss mit ihrer Arbeit den Lebensunterhalt der Familie sichern.

"Kinder, die pflegen, werden nicht gefragt, ob sie das tun wollen. Sie können sich gar nicht entscheiden, es kommt einfach auf sie zu." Das sagt Ralph Knüttel, Mitglied des Regionalvorstandes der Johanniter-Unfall-Hilfe in Unterfranken. Im Sozialausschuss saß er Lana zur Seite. Er berichtet, wie seine Johanniter schwerstpflegebedürftige Kinder aus Förderstätten nach Hause bringen. Und wie die dann von ihren Geschwistern empfangen und betreut werden, weil die Eltern noch in der Arbeit sind. "Von denen kann sich manche Pflegekraft etwas abschauen", sagt Knüttel. Dann aber fragt er: "Kann das richtig sein, dass Jugendliche über Stunden hinweg ihre jüngeren Geschwister pflegen?" Um diesen jungen Menschen wenigstens einige Tipps zu geben, haben die Johanniter die Website www.superhands.de aufgebaut.

Über die Zahl der Betroffenen gibt es nur Hochrechnungen und Schätzungen. Bis vor kurzem war das Bundesgesundheitsministerium noch von deutschlandweit etwa 230 000 Kindern und Jugendlichen "mit Pflegeverantwortung" ausgegangen. Einer neuen Studie der Universität Witten/Herdecke zufolge sind es gar 478 915. In Bayern, so kritisiert etwa die SPD-Gesundheitspolitikerin Ruth Waldmann, sei der Erkenntnisgrad zu diesen Kindern und Jugendlichen erschreckend gering. Entsprechende Anträge ihrerseits seien von der CSU alle abgelehnt worden.

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Lana Rebhans Auftritt im Sozialausschuss wirkt jedoch nach. Ein 14-jähriges Mädchen in Jeans und Turnschuhen hatte da Platz genommen. Kurz darauf aber schien es so, als spreche zu den Abgeordneten eine Erwachsene. "Lana war große Klasse, so still und aufmerksam habe ich den Ausschuss selten erlebt", sagt die Grünen-Sozialpolitikerin Kerstin Celina, die das Thema "Hilfsangebote für Young Carer" mit ihrem Antrag auf die Tagesordnung gebracht hatte.

Lana Rebhan berichtete davon, dass sie bundesweit nahezu 2000 Politiker angeschrieben habe - auch die im bayerischen Landtag. "Nicht sehr viele haben mir geantwortet", sagte sie, "ich glaube nur zehn Prozent." Hundert Stellen der Freien Wohlfahrtspflege habe sie kontaktiert - mit der Bitte, ihr Hilfsangebote zu benennen. 83 hätten nicht geantwortet. Gleiches habe sie mit ihren Schreiben an Krankenkassen sowie an die Vertreter von Städten und Landkreisen erlebt. "Bitte", so sagte die 14-Jährige, "fragen Sie als Abgeordnete nach. Sie bekommen eher Antwort als ein Mädchen."

"Ich bin frühmorgens aufgewacht, Mama kam zu mir ins Zimmer und sagte, dass es dem Papa total schlecht gehe"

Auch sei es an der Zeit, die Hilfsangebote auszuweiten. Etwa, wenn es darum gehe, die Schulen für die Probleme pflegender Kinder und Jugendlicher zu sensibilisieren. Lana berichtet vom Herzinfarkt und dem Schlaganfall ihres Vaters, von seiner Zystenniere - einer Krankheit, begleitet von dauerhaft dumpfen Schmerzen. Diese wird für ihn letztlich tödlich enden. Auch beschreibt sie, wie der Antrag auf das Landespflegegeld abgelehnt worden sei, wie sie selbst kaum Beistand in ihrer großen seelischen Not bekam.

"Wie viel Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Ungewolltheit spürt ein Kind, das innerhalb eines Schulhalbjahres all das erlebt?", fragt sie die Abgeordneten. Eine Stuhlreihe hinter ihr sitzen Vater Jürgen und Mutter Katharina. Der Vater schüttelt ungläubig den Kopf. "Die wird einmal Politikerin", sagt er. Mit Hilfe ihrer Mutter hat Lana unter young-carers.de eine Website aufgebaut, um anderen pflegenden Kindern ein Portal zu bieten. Auch hat sie auf 65 Seiten eine "Sommerferienarbeit" erstellt, gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Darin verarbeitet sie dieses Erlebnis: "Ich bin frühmorgens aufgewacht, Mama kam zu mir ins Zimmer und sagte, dass es dem Papa total schlecht gehe." Am anderen Tag lag er bereits im Koma.

Die Noten wurden schlechter. Von einer Schulpsychologin, der Lana von ihren Sorgen berichtete, habe sie zu hören bekommen, sie solle sich einen Schreibtisch besorgen, dann würden die Noten besser. In ihrer Arbeit schreibt Lana über die Gefühle, die Young Carer durchmachen. Eingebettet in Forschungsergebnisse, sind diese Textpassagen jedoch auch Hilfeschreie einer 14-Jährigen. Da ist etwa zu lesen: "Es ist ein ständiges Angstgefühl, ohne zu wissen vor was." Lana leidet.

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