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MDK:"Die Defizite im System Pflege treten jetzt deutlicher hervor"

Johanna Sell vom MDK Bayern.

(Foto: Jurga Graf/MDK/oh)

Das umfassende Lob während der Corona-Krise bildet die Realität in der Betreuung Pflegebedürftiger nur unzureichend ab, weiß Expertin Johanna Sell

Interview von Dietrich Mittler

Pflegekräfte, auch die in der Altenpflege, werden nun mit Lob überhäuft. Umso mehr sticht nun der Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) heraus. "Fast täglich Beschwerden über die Pflegesituation" fasst der MDK zusammen. 2019 gingen dort insgesamt 352 Beschwerden ein, viele davon schilderten gleich mehrere Missstände. Johanna Sell, stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin des Bereichs Pflege beim MDK Bayern, versetzt das in Sorge.

SZ: Das Positive vorweg - laut MDK-Bericht ist 2019 die Zahl der Beschwerden im Vergleich zu 2018 um 21 Prozent zurückgegangen. Das ist doch ein ausgesprochen gutes Zeichen.

Johanna Sell: Ihre Begeisterung muss ich leider etwas bremsen. Der Rückgang der Beschwerden ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass wir diese mittlerweile statistisch anders erfassen. Und: Pro Beschwerde wurden im Schnitt 3,3 verschiedene einzelne Beschwerdepunkte genannt. Weit mehr als in früheren Jahren.

Das heißt?

Noch nie zuvor gab es offenbar so viele Gründe und so viel Anlass zur Beschwerde wie im letzten Jahr.

Beschwert wird sich schnell einmal.

Eben nicht. Viele Angehörige haben Angst, dass dann der Versorgungsvertrag gekündigt wird. Dass der Pflegedienst sagt: "Ach, mit solchen Querulanten wollen wir nichts zu tun haben." Dass pro Beschwerde im Schnitt 3,3 Beschwerdepunkte aufgeführt werden, zeigt vielmehr, dass sich die Leute nicht aus einer Kurzschlussreaktion heraus an uns wenden. Es werden viele Gründe vorgetragen, warum Pflege nicht gut läuft.

Und warum läuft Pflege nicht gut?

Bei den meisten Beschwerden geht es darum, dass die Grund- oder die Behandlungspflege nicht gemäß geltenden Qualitätsstandards erbracht wird. Dass etwa bei offenen Wunden keine adäquate Versorgung erfolgt, dass das Wundliegen nicht durch entsprechende Lagerung verhindert wird. Oder dass Medikamente nicht richtig aufbereitet werden.

So läuft es tatsächlich in der Pflege?

Bei zigtausend Pflegesituationen täglich läuft vieles richtig gut. Aber es gibt leider auch andere Fälle. Das entnehmen wir den Beschwerden, die uns erreichen. Da heißt es etwa: "Meinem Angehörigen wurden morgens die Medikamente hingestellt - und bei meinem Besuch am Nachmittag waren die Medikamente immer noch nicht genommen."

Das ist doch noch kein Beweis.

Richtig, kein Beweis - aber ein Prüfanlass für den MDK. In 54 Prozent der Fälle haben sich die Beschwerden im Zuge der 2019 in den Pflegeeinrichtungen erfolgten Anlass-Prüfungen vollständig, überwiegend oder zumindest teilweise bestätigt. Das unterstreicht eindeutig die Glaubwürdigkeit derjenigen, die sich beschweren.

Alle Welt lobt die Leistungen der Pflegenden. Haben Sie keine Angst davor, sich mit Ihrer Kritik unbeliebt zu machen?

Pflege ist wichtig. Das ist eine überfällige Lehre aus der Corona-Krise. Aber auch die Defizite im System Pflege treten jetzt deutlicher hervor. Der wirklich beeindruckende Einsatz der Pflegekräfte darf über den allgemeinen Personalmangel in der Pflege nicht hinwegtäuschen. Um es ganz klar zu sagen: Auch in Krisensituationen sollte genügend Personal da sein, um Qualitätsstandards einhalten zu können. Es geht in der Pflege halt nicht nur ums Waschen, Wickeln und Essen geben.

Sie schwimmen, wie es scheint, gerne gegen den Strom.

Diese Aussage kann ich nun gar nicht unterschreiben. Es ist schließlich die Aufgabe des MDK, für Qualität in der Pflege einzutreten und notfalls den Finger in die Wunde zu legen. Wir reden hier über die Versorgung von Menschen, die sich selbst nicht helfen können. Wenn ich dadurch, dass ich für diese Menschen Pflegequalität einfordere, zur Buhfrau werde, dann muss ich wohl damit leben.

Nur 3,9 Prozent der beim MDK eingegangenen Beschwerden erfolgten durch Pflegebedürftige. Erstaunt Sie das?

Überhaupt nicht. Pflegebedürftige Menschen haben oft nicht die Möglichkeit, übers Internet zu recherchieren, an wen sie sich wenden können. Vielfach haben sie nicht einmal ein Telefon auf dem Zimmer. Und manche weisen auch nicht mehr die Fähigkeiten auf, solche durchaus komplexen Probleme anzusprechen. Meist sind es eben die Angehörigen, die das tun.

Dabei wird es sich doch vielfach auch um Bagatellfälle handeln, oder?

Nehmen wir das Beispiel Intensivpflege. Die darf nur von Fachkräften erbracht werden. Aber es gibt vereinzelt Pflegedienste, die ungelernte Hilfskräfte für diese Arbeit einsetzen. Leute, die zum Teil auch nur geringe Deutschkenntnisse aufweisen und mit den Beatmungsgeräten nicht umgehen können. So etwas ist keine Bagatelle!

Auffällig ist die große Anzahl an Pflegekräften, die sich beim MDK beschweren. Was hören Sie von diesen Leuten?

Da geht es vor allem darum, dass die Personalbesetzung zu gering ist, die vom Pflegedienst oder vom Pflegeheim vorgehalten wird. Oder dass Mindestruhezeiten nicht eingehalten werden. Einige beklagen zudem, dass sie in der Pflegedokumentation Leistungen eintragen mussten, die sie gar nicht erbracht haben.

Eindeutig ein Fall für den Staatsanwalt.

Das zu entscheiden, ist Sache der Pflegekassen, die unsere Prüfberichte auswerten.

Um auf die Corona-Krise zurückzukommen: Ist die Zahl der Beschwerden in den letzten Wochen gesunken?

Die Zahl hat sich schon im März fast halbiert. Dies ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass Angehörige nicht mehr in die Pflegeheime gekommen sind. Ich gehe davon aus, dass jetzt nach Aufhebung des Besuchsverbots wieder deutlich mehr Beschwerden eingehen werden.

© SZ vom 13.06.2020
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