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Mythen in Bayern:Wie Aberglaube noch heute den Alltag beeinflusst

Water diviner or Dowser using a forked twig 1930 Dowsing is a type of divination employed in attem

Rutengänger suchen mit Drähten oder Astgabeln nach Wasseradern, Erzen oder geologischen Verwerfungen. Das war im Jahr 1930 so und schon lange davor.

(Foto: imago/United Archives Internatio)

Druden, Hexen, Abwehrzauber - in seltsamen Ritualen und Bräuchen spiegeln sich archetypische Gefühle wie Angst, Hoffnung und Trost wider.

Von Hans Kratzer

Als der Popsänger Michael Jackson im November 1983 den Videoclip zu seinem Welthit "Thriller" präsentierte, irritierte er nicht nur seine Fans. Die tanzenden Zombies, die über den Bildschirm ruckelten, zeigten eine apokalyptische Szenerie, die den Eindruck erweckte, als habe sie der US-Superstar aus uralten bayerischen Mythen entnommen. Besonders in der düsteren Zeit um Allerheiligen wurden in den hiesigen Dörfern ähnliche Schauergeschichten wie in "Thriller" erzählt.

Sie hinterließen bei den Zuhörern einen so tiefen Eindruck, dass sie es nach dem Gräberbesuch tunlichst vermieden, länger auf dem Gottesacker zu verweilen. Schließlich waren sie von Kindheit an gewarnt, dass die Toten an Allerheiligen und Allerseelen aus ihren Gräbern steigen, um auf dem Friedhof zu tanzen. So mancher Kirchgänger wusste schauerlich zu erzählen, wie er beim Blick über die Schulter des schrecklichen Totentanzes gewahr wurde.

Dieser Aberglaube wurde von Generation zu Generation weitergegeben, im Wirtshaus ebenso wie in der Bauernstube, und nicht selten wurden die Schauergeschichten auch als Warnung an die Kinder gerichtet. Denen konnte der Respekt vor dieser unheimlichen Welt nicht früh genug eingeimpft werden. Wenn also die Zombies im Video unter zuckenden Rhythmen aus den Gräbern steigen, dann spiegeln diese Bilder exakt jene Friedhofs-Mythen aus der bayerisch-österreichischen Provinz wider, die schon den Vorfahren Angst einjagten.

Seit jeher hat der Aberglaube den Alltag geprägt. Dem einstigen Pfarrer von Kiefersfelden, Johann Gierl, missfiel dies so stark, dass er begann, seine Verzweiflung über die Borniertheit seiner Mitbürger niederzuschreiben. Auf seiner vorherigen Pfarrstelle in Niederbayern kam er sich manchmal vor wie im Mittelalter, ist seinem Tagebuch zu entnehmen. Vom Hexenglauben, von den Druden und von dubiosen Segenssprüchen wollte das Landvolk partout nicht lassen, klagte er wortreich.

Von Hexen und Dämonen lässt sich die Vilstaler Bäckerin Rosi Spross zwar nicht beeindrucken, aber einen alten Brauch zu Allerheiligen hält sie dennoch in Ehren. In diesen Tagen rührt sie stets einen Biskuitteig an, den sie danach mit einer feinen Vanille- oder Schokocreme sowie mit Marmelade füllt. In der Mitte des rautenförmigen Kuchens platziert sie eine Marzipanrose. Das Gebäck trägt den Namen Seelenwecken. Noch immer gibt es eine Reihe von Bäckereien und Konditoreien, die an Allerheiligen Seelenwecken feilbieten. Wie alt dieser Brauch ist, belegt eine Schrift des Aufklärers Andreas Zaupser, wonach die Paten schon in der Zeit um 1789 dem Patenkind einen Seelenwecken schenkten. Nur, dass der Seelenwecken damals kein Kuchen war, sondern ein Brot in Form eines Haarzopfes. Seinerzeit verortete man nämlich den Sitz der Seele in den Haaren. Da die Menschen fest daran glaubten, die Seelen der Verstorbenen kehrten an Allerseelen zurück, hängten sie die Seelenwecken auch ans Grabkreuz, die Toten sollten ja nicht hungern.

Heute schenken die Paten zum Seelenwecken oft noch einen Geldschein dazu. Die mythische Vorstellung ist hinter dem Schenkbrauch verschwunden und höchstens noch im Namen zu erkennen. Völlig verdrängt aber ist der abergläubische Hintergrund nicht. Im Gegenteil: Ängste und Rituale der Vorfahren sind auch in der aufgeklärten Gesellschaft von heute omnipräsent. Beispielhaft zu beobachten ist dies im milliardenschweren Fußballbusiness, das ja trotz oder auch wegen seiner fast irrationalen Fixierung aufs Geld geradezu trieft vor abergläubischem Gebaren. Erst am vergangenen Samstag hat der Leipziger Trainer Ralph Hasenhüttl zugegeben, beim Spiel gegen den FC Bayern eine Jacke getragen zu haben, mit der er bisher kein Spiel verloren hatte. Den Aberglauben, Spielergebnisse durch das Tragen von bestimmten Jacken und Schuhen oder gar durch den Verzicht auf eine Rasur beeinflussen zu können, teilen viele Trainer und Spieler mit ihm.

Kurios ist auch, dass 82 Prozent der Deutschen die 13 immer noch für eine Unglückszahl halten, wie eine Umfrage zum Thema Aberglauben ergeben hat. So manches Hotel verzichtet sogar auf eine Zimmernummer 13, um die Gäste nicht abzuschrecken. "Leider gibt es keine aussagekräftigen Statistiken, inwieweit der Aberglaube in der Gesellschaft verankert ist und wie stark er im Denken noch präsent ist. Die Menschen würden es ja nicht zugeben", sagt Michael Ritter, Brauchtumsexperte des Landesvereins für Heimatpflege.

Pflegen also die jetzt lebenden Menschen, die eine mediale und nachrichtliche Überversorgung genießen, eine rationalere Sicht auf die Welt als etwa die bigotte und uninformierte Landbevölkerung zur Zeit des Pfarrers Gierl? Selbst diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Sogenannte Fake News geistern durch die Medien und finden zuhauf gläubige Abnehmer, Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur, und zu ihnen gesellen sich immer schrägere Formen des Aberglaubens. Letztlich aber kommen gerade in ihnen archetypische Gefühle wie Angst, Hoffnung und Trost zum Ausdruck.

Aus Zeiten, als es noch keine Blitzableiter, Krankenversicherung oder Tierärzte gab

Wie sich die archaischen Mythen von einst in der Psyche der Menschen eingenistet haben, lässt sich im Wald auf der Rieglinger Höhe bei Regensburg beeindruckend nachvollziehen, vor allem im Nebel und nach Einbruch der Dunkelheit. Der Künstler Korbinian Huber hat in Bäumen eine sogenannte wilde Jagd installiert, wie sie früher jedes Kind kannte. Huber hat die grausigen Gestalten aus Metallteilen zusammengesetzt. Alles ist mit allem verbunden, der Besucher kann das Spektakel mit einer Schnur in Bewegung setzen. Wie eine klappernde Treibjagd scheint die wilde Jagd zwischen den Baumkronen in rasender Eile dahinzuflattern, während die rostenden Flügel wild quietschen, pfeifen, bellen und klappern. Gänsehaut ist garantiert, und der Gast bekommt eine Ahnung von der einstigen Drangsal durch die Mächte der Nacht und des Bösen.

Diese Vorstellungen waren geprägt von Lebensumständen, in denen sich die Menschen den Mächten der Natur hilflos ausgeliefert fühlten, als es noch keine Blitzableiter, keine Krankenversicherung und keine Tierärzte gab. Selbst der Hexenglaube war nach Recherchen von Susanne Klemm, der Leiterin des Fränkischen Museums in Feuchtwangen, bis ins 20. Jahrhundert lebendig. Noch in den Sechzigerjahren zogen Hexenbanner durch Schwaben, um Exorzismus zu betreiben und Bauernhöfe vom Hexenzauber zu befreien. Die nötigen Utensilien (Zauberstab, Nägel, Pinzetten) trugen sie in einem Koffer bei sich. Gegen Hexen, so besagte es die Volksweisheit, helfe vor allem Spitzes und Scharfes. Zum Aberglauben, so lautet Klemms Erkenntnis, neigten "eher schlichte Menschen, vor allem auf dem Land". So skurril manche Amulette, Schutzbriefe und Abwehrzauber heute auch wirkten, eines dürfe man nicht vergessen: "Die Leute damals waren schutzlos Gefährdungen ausgesetzt, die wir heute gar nicht mehr kennen."

Erstaunlich ist die Fantasie, mit der Menschen jahrhundertelang banale Dinge mit Magie aufluden, um Unheil abzuwenden. Da wurden nach Kirchenbränden geweihte Herrgottsnägel in die Sparren geschlagen oder Stalltüren mit Fellteilen und getrockneten Tierembryonen versehen. Die auf der christlichen Lehre gründende Volksfrömmigkeit vermischte sich oft mit heidnischen Überlieferungen und gipfelte in buntem Aberglauben. Die Breverl zum Beispiel, gefaltete und in Brokatkissen verstaute Briefchen mit christlichen Sinnsprüchen und Gebeten. Zum Schutz vor Dämonen, Pest, Feuer und Unwetter wurden sie um den Hals oder am Körper getragen.

Gerade beim Wetter hat so manche abergläubische Handlung bis heute überlebt. In Altötting kann man immer noch schwarze Wetterkerzen kaufen, die geweiht und dann daheim bei einem heranziehenden Unwetter angezündet werden. Um die Dämonen der Finsternis und Unheil zu bannen, werden nach wie vor Wohnhäuser und Ställe mit Weihrauch ausgeräuchert, und zwar in der Thomasnacht, an Weihnachten, Silvester sowie in der Dreikönigsnacht. "Diese abergläubischen Elemente der Bräuche haben aber abgenommen", sagt Brauchtumsexperte Ritter.

Zum Schutz- und Abwehrglauben gehörte es früher auch, einen Drudenfuß an die Stalltür zu hängen, "das gibt es in dieser Form nicht mehr. Zum Glück", fährt Ritter fort, "denn die Menschen waren ja dadurch psychisch sehr belastet." Er kannte noch Bäuerinnen, die sich abends wegen Hexen und Druden nicht mehr in den Stall wagten. Mittlerweile ist sich Ritter aber sicher: "Die Felder werden heute durch die Produkte der Agrarwirtschaft vor Schäden mehr bewahrt als durch Abwehrzauber."

Letztlich müsse jeder im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Glauben eine persönliche Einstellung finden, sagt Ritter. Für ihn wäre es vermessen zu glauben, "dass wir bereits alles verstehen. Vor 150 Jahren war die Elektrizität noch nicht zu erklären. Heute ist sie physikalisch enträtselt." Auch die Wirkung von Wünschelruten, Bauernregeln und Votivtafeln basiere immer noch weitgehend auf Erfahrungswerten. "Bauernregeln haben tendenziell einen fundierten Wahrheitskern", sagt Ritter, aber jeder müsse selbst entscheiden, ob er sich darauf einlassen will.

Dieser Text ist bereits am 30.10.2017 erschienen.

© SZ vom 30.10.2017/axi
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