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Natur erleben:Frag den Vogelphilipp

Seit 2016 betreibt der Landshuter Ornithologe Philipp Herrmann (Vogelphilipp) eine Vogelstimmenhotline. Auf diese Weise hilft er Ratsuchenden, den Gesang der Vögel zu bestimmen.

(Foto: Alexey Testov)

Im Frühjahr setzen die Vögel wieder zu lautstarken Balzkonzerten an, doch die wenigsten Menschen können die Arten auseinanderhalten. Wiü-wiü-wiü? Ein Landshuter Experte weiß via Smartphone die Antwort.

Von Hans Kratzer, Landshut

In diesen Elendszeiten wagt man es kaum zu erwähnen, dass die Corona-Krise tatsächlich auch einige positive Aspekte mit sich bringt. Weil die fernen Urlaubsziele momentan unerreichbar sind, hat sich das allgemeine Interesse ersatzweise auf die heimische Natur verlagert. "Viele Menschen haben die heimische Natur und ihre Tierwelt ganz neu für sich entdeckt", bestätigt Martin Geilhufe, Landesbeauftragter des Bund Naturschutz in Bayern.

Der Landshuter Ornithologe Philipp Herrmann freut sich besonders über das wachsende Interesse an der Vogelwelt. Mehr als 250 Arten sind in Deutschland als Brutvögel zu Hause, mehr als die Hälfte davon sind Singvögel. Und die sorgen zum Beginn der Balzzeit im Frühjahr für ein lautstarkes Konzert, das morgens zwischen 4 und 5 Uhr beginnt und bis in die Dämmerung hinein forthallt. Überall in den Wäldern, Gärten und Parks kann man sie jetzt hören - nur weiß man oft nicht, wer da eigentlich singt, zwitschert und trällert.

Kommt dieses "Zizi dü üü" von einer Blaumeise? Macht die Amsel "düririü didü"? Und dieses ausgelassene "Wiü-wiü-wiü"? Ist das der Reviergesang eines Kleibers? Manche Gesänge prägen sich leicht ein, etwa das kontinuierliche "di da, di da, di da" der Kohlmeise. Andere klingen wie Kompositionen, etwa der Gesang der Goldammer, der an Beethovens 5. Sinfonie erinnert. Andere Vögel rufen gar ihren Namen, allen voran Zilpzalp und Kuckuck. Das oft etwas monoton klingende "Tschip" und "Tschep" von Haussperling und Feldsperling ist in der Regel laut und deutlich den ganzen Tag über zu hören. Der Gesang des Hausrotschwanzes erinnert wiederum in Teilen an knirschende Steine, das Lied des Girlitzes an eine rostige Fahrradkette, wie es der Landesbund für Vogelschutz einmal bildhaft formuliert hat. Etwas melodiöser singen Amsel und Rotkehlchen. Während die Amsel klangvolle Flötenmotive vorträgt, erklingt der Gesang des Rotkehlchens silberhell perlend. Den wohl variantenreichsten Gesang hat der Star. Er imitiert gerne andere Vogelstimmen.

Es braucht eine Zeit, bis man sich in dieser klanglichen Vielfalt zurechtfindet. Als einer der besten Kenner der Vogelstimmen gilt der Landshuter Philipp Herrmann, genannt der Vogelphilipp, der weit davon entfernt ist, sein fundiertes Wissen allein für sich zu behalten. Ganz im Gegenteil: In Zusammenarbeit mit dem Bund Naturschutz hat er vor einigen Jahren eine Hotline eingerichtet, die sich an alle Vogelinteressierten in Bayern wendet. Über den Internetdienst Whatsapp kann man die Vogelstimmenhotline bis Ende April in Anspruch nehmen. Der Service ist gratis. Man muss den Vogelgesang lediglich mit dem Smartphone aufnehmen und über die Sprachnachrichtfunktion von Whatsapp an den Vogelphilipp schicken. Der hört sich dann jede Aufnahme genau an und gibt Bescheid, welchen Vogel man da gehört hat. Wenn es die Zeit zulässt, schickt er sogar noch Informationen über die Vogelart und ihren Gesang als Dreingabe dazu.

Der Erfolg dieses Dienstes ist beachtlich. Tausende Anfragen hat Vogelphilipp bereits beantwortet. Dass die Teilnehmer über einen sehr persönlichen Service vom Experten ihren eigenen Vogel bestimmt bekommen, das motiviere sie enorm, unterstreicht Herrmann. Das ist schon deshalb ein wichtiger Aspekt, weil auch in der Vogelwelt nicht alles heil ist. Für sogenannte Gebäudebrüter wie Spatz, Mauersegler und Schwalbe sind die meisten vertrauten Nischen verloren. Beim Bauen wird heutzutage alles dichtgemacht, die Vögel finden kaum noch Schlupflöcher. Auch die Zahl der Wiesenbrüter geht stark zurück.

Herrmann hat selber jahrelang die Bestände von Kiebitzen und Brachvögeln kartiert, jetzt zähle man nur noch die Hälfte der Brutpaare von vor zehn Jahren, sagt er. Die Goldammer wiederum braucht Hecken und Bachbegleitgrün, auch das ist nicht mehr im Übermaß vorhanden. Zumindest im eigenen Garten kann man den Vögeln helfen. "Eine wilde Ecke stehen lassen", rät Herrmann, dann kann man sich daneben ruhig hinsetzen und die Vögel beobachten. Wer dazu noch eine Vogeltränke einrichtet, sollte sie katzengesichert auf einen Sockel draufstellen. "Vögel brauchen stets einen Überblick."

Herrmann rät allen künftigen Vogelstimmenexperten, sich erst einmal auf einfache Klänge zu konzentrieren. Kuckuck, Ente, Rabenkrähe, die kenne man eh. "Ich würde mit dem Zilpzalp beginnen. Er ruft seinen eigenen Namen", sagt er. Auf seiner Homepage (dervogelphilipp.de) listet er "Die Wilden 13" auf, das sind 13 gängige Vogelarten, die man sich gut einprägen und die jeder lernen kann. Der Gesang der Vögel habe zwei Bedeutungen, sagt Herrmann: Er soll Konkurrenten fernhalten und Weibchen anlocken. Ein zwitschernder Vogel verrät demnach ziemlich viel: Er sagt, wer und wo er ist, aber auch, ob er auf Futtersuche oder auf Brautschau ist oder ob er Artgenossen vor einem Feind in der Nähe warnt.

Herrmanns Leidenschaft für Vögel begann schon in der Kindheit. Damals hörte er sich zum Einschlafen häufig eine CD mit Vogelstimmen aus Mitteleuropa an. "Mit 15 kannte ich alle." Später studierte er Naturschutz und Landschaftsplanung, vertiefte sein Wissen über die Natur unter Lehrmeistern wie dem versierten Landshuter Naturkenner Paul Riederer.

Unter den vielen Anfragen, die ihn erreichen, gibt es auch kuriose Fälle. Ein Ehepaar, das regelmäßig einen Friedhof aufsucht, trug ihm Folgendes zu: Verlieren wir uns aus den Augen, so pfeifen wir uns zu, erklärten sie ihm. Dabei fiel dem Mann auf, dass da plötzlich ein Vogel zu hören war, dessen Ton genauso klar war wie der Pfeifton seiner Frau. Ein klassischer Fall für Philipp Herrmann, der den Vogel als einen Kleiber bestimmen konnte.

Vogelstimmen per Smartphone über die Sprachnachrichtfunktion von Whatsapp aufnehmen und über 0160-4424450 an den Vogelphilipp schicken.

© SZ vom 31.03.2021/wean
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