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Virtuelle Angriffe:Pornos im digitalen Klassenzimmer

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Hacker haben vielerorts den virtuellen Unterricht gestört.

(Foto: Andrew Brookes/Imago)

Hackern gelingt es immer wieder, den virtuellen Unterricht auf vielfältige Art und Weise zu stören - manche Schulen machen es ihnen allerdings leicht.

Von Felix Schwarz

Digitaler Unterricht hat in den vergangenen Monaten die Schule geradezu revolutioniert - und zugleich eine neue Form des Unterrichtsstörens hervorgebracht. Im niederbayerischen Mainburg etwa verschaffte sich ein Unbekannter Zugang zu einem Chat-Programm einer Grundschule. Dabei schickte er einem achtjährigen Mädchen Bilder eines nackten Mannes. Laut Polizei schloss der Täter andere Schüler sowie die Lehrerin aus dem Chat aus. In Abensberg störte ein Unbekannter eine Sitzung, indem er Videos abspielte, in denen er Schüler und Eltern beleidigte.

Bei solchen Angriffen auf den Unterricht handelt es sich keinesfalls um Bagatellen, sondern mitunter um Straftaten, die von der Justiz verfolgt werden. Um diese Fälle kümmert sich die Cybercrimestelle der Generalstaatsanwaltschaft in Bamberg. Oberstaatsanwalt Thomas Goger berichtet, dass es 2020 des Öfteren zu solchen Straftaten kam. Allerdings: Die Schulen wissen inzwischen, wie sie sich gegen solche Attacken zur Wehr setzen können. Daher sinkt die Zahl der gemeldeten Störfälle.

Goger sagt, dass echte Hackerangriffe sehr selten vorkommen. Vielmehr hätten es die Schulen den Eindringlingen leicht gemacht: "In vielen Fällen waren die Zugänge überhaupt nicht gesichert, die Zugangslinks waren leicht zu erraten. Schülerinnen und Schüler konnten weitere Teilnehmer in die Konferenz einladen und haben bisweilen Zugangslinks weitergegeben oder gar in den sozialen Netzwerken gepostet."

Birgit Zwicknagel kann das bestätigen. Sie leitet im SIB-Medienkompetenzzentrum im oberpfälzischen Stamsried Schulungen für Lehrer und Schüler in ganz Deutschland. Sie weiß von zwölf Störungen, die eine Anzeige seitens der Schulen zur Folge hatten. Die Dunkelziffer sei jedoch weitaus höher. "Auf sozialen Netzwerken geben Schüler Passwörter und Links weiter. Teilweise mit dem Hinweis: Stört doch mal um 9.30 Uhr unseren Unterricht", sagt Zwicknagel. Die meisten Kinder seien sich dabei nicht bewusst, dass sie damit Straftaten einleiten könnten.

Doch auch bei Lehrern herrschte zu Beginn der Pandemie große Unsicherheit mit der neuen Technik. Laut Zwicknagel passierten einfache Fehler wie Bildschirm-, Ton- und Video-Freigaben. "Hätte man darauf geachtet, wäre beispielsweise das Abspielen von Pornos gar nicht möglich gewesen", sagt sie und empfiehlt, jedem Schüler eine feste digitale Identität zuzuordnen und einen digitalen Warteraum einzuführen. In diesem müssen die Jugendlichen ausharren, bis die Lehrkraft sie in den Unterricht eintreten lässt.

Dass es trotz der mittlerweile zahlreichen Erfahrungen immer noch zu Problemen kommt, zeigte ein Fall an einer Grundschule in Bamberg Mitte April: Ein Unbekannter griff auf die Lernplattform der Kaulbergschule zu, warf die Lehrerin aus dem Programm und spielte eine pornografische Videosequenz ab. Die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg ermittelt wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Schulleiter Norbert Eger bestätigt, dass es sich bei der Lernplattform um das Programm Jitsi handelt, das noch im vergangenen Jahr vom Kultusministerium empfohlen wurde. Auf Jitsi will Eger nun nicht mehr zurückgreifen, er setzt jetzt auf Visavid, bei dem Lehrer nicht mehr so einfach aus dem virtuellen Klassenzimmer geworfen werden können.

Zwar sind etliche Plattformen von Angriffen betroffen, doch Brigitte Zwicknagel hält die Empfehlung von Jitsi für einen Fehler: "Ich halte das für eine grobe Fahrlässigkeit und Jitsi für Schulen generell nicht geeignet." Auf seiner Internetseite erklärt das US-Unternehmen, dass es auf öffentlichen Server nicht möglich sei, die Rauswurffunktion abzuschalten. Dafür brauche es einen eigenen Server. Schulleiter Norbert Eger entgegnet, dass ein eigener Server zu aufwendig und teuer sei.

Brigitte Zwicknagel hätte sich früher klarere Vorgaben und Anleitungen gewünscht. So sieht sie auch die vergangenes Jahr geäußerte Empfehlung des Ministeriums für Whatsapp kritisch. Zudem kann sie nicht verstehen, warum das Kultusministerium neben Mebis als Lernplattform Microsoft Teams empfiehlt und zugleich von Zoom abrät: "Sowohl Zoom als auch Microsoft und Whatsapp speichern ihre Daten auf US-Servern. So könnten Daten an Dritte weitergegeben werden. Für besseren Datenschutz wäre ein deutsches Programm wie Big Blue Button aus meiner Sicht geeigneter."

Das Kultusministerium weist die Vorwürfe zurück: Es treffe nicht zu, dass das Ministerium aktuell die Plattform MS Teams empfehle und von Zoom abrate. Dies steht jedoch im Widerspruch zu Aussagen, die Schulen gegenüber Zwicknagel tätigten. Ferner habe es laut dem Ministerium für Whatsapp nie eine Empfehlung gegeben. Seit Ende April 2020 stelle das Ministerium im Distanzunterricht Microsoft Teams zur Verfügung. Die Lizenzen wurden bis zum Ende des laufenden Schuljahres verlängert.

Eine klare Empfehlung des Kultusministeriums gibt es aber: Das neue Videokonferenzsystem Visavid, das Eger in Bamberg bereits nutzt. Seit dem 28. April ist es für den Unterricht verfügbar. Die Software sei für alle Schulen kostenfrei und stehe im Einklang mit dem Datenschutzrecht.

© SZ vom 14.05.2021/vewo
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