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Mit Test in die Prüfung: "Genau vor dem Abi will natürlich keiner positiv sein"

Abiturprüfungen am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium

Mit offenen Fenstern und Sicherheitsabstand: Am Mittwoch schreiben 128 Schülerinnen und Schüler am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium ihr Deutschabitur. Die Koordinatorin der Oberstufe, Ute Schmid, und Schulleiter Uwe Barfknecht bereiten die Räume vor.

(Foto: Yoav Kedem)

Das Abitur startet an Münchens Gymnasien unter besonderen Hygieneauflagen und Bedingungen. Die Schülerinnen und Schüler schreiben mit Maske und in verschiedenen Räumen. Für die Schulen ist das ein logistischer Akt.

Von Kathrin Aldenhoff

An diesem Mittwoch beginnt das Abitur, aber zwei Tage vorher weiß der Schulleiter des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums noch nicht genau, wie viele Räume er für das Deutschabitur am Mittwoch nun braucht. Mindestens sechs, das ist klar, vielleicht aber auch noch mehr. Ganz genau weiß Uwe Barfknecht das erst am Dienstagnachmittag, wenn klar ist, wie viele der insgesamt 128 Abiturienten an seinem Gymnasium ein negatives Corona-Testergebnis haben, wie viele sich nicht testen lassen, wie viele eine mögliche Quarantäne mit einem negativen Testergebnis unterbrechen und wer in einem separaten Raum schreibt, weil er selbst einer Risikogruppe angehört oder mit jemandem zusammenwohnt, der besonders gefährdet ist. Bisher hätten sich zwei Schüler gemeldet, bei denen das der Fall ist, sagt Barfknecht.

Wie schwierig das diesjährige Abitur sein wird, das wissen bisher nur wenige. Dass die Vorbereitungen dazu in diesem Jahr aber deutlich komplizierter sind als in den Vorjahren, das steht schon fest. "Das Abitur ist in diesem Jahr mit größeren organisatorischen Hürden verbunden", sagt Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands. Mehr Räume, mehr Aufsichtspersonal, mehr Zeit, so lassen sich die Regeln grob zusammenfassen. Und natürlich: Tests.

Von Mittwoch an schreiben 4140 Schülerinnen und Schüler an den Münchner Gymnasien ihr Abitur. Ein besonderer Jahrgang ist das: Drei von vier Halbjahren an der Oberstufe waren von Corona bestimmt, die Schüler haben mehrere Lockdowns mitgemacht, waren wochenlang nicht in der Schule, haben Unterricht über Microsoft Teams erlebt und gelernt, sich selbst auf das Coronavirus zu testen. Nun schreiben sie, knapp zwei Wochen später als ursprünglich geplant, ihr Abitur. Mit Maske und einer halben Stunde mehr Zeit.

Die Maske beim Deutschabitur fünf Stunden und eine Viertelstunde am Stück zu tragen, das findet Luisa Schaller nicht so schlimm. "Wir sind es gewohnt", sagt die 18-Jährige. Außerdem dürften sie während der Prüfung ans Fenster gehen, um kurz frische Luft zu schnappen. Essen und trinken dürfen sie auch, ohne Maske, klar. Ja, ein bisschen aufgeregt sei sie. Sie wird die nächsten Tage abends früh schlafen gehen, lernen wird sie am Dienstag nicht mehr. "Das verunsichert mich sonst nur."

Eine motivierende Botschaft an der Tafel: So sieht es in einem der bisher sechs vorbereiteten Klassenräume im Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium aus.

(Foto: Yoav Kedem)

Am Dienstag um 9 Uhr wird Luisa Schaller dann in ihre Schule, das Edith-Stein-Gymnasium in Haidhausen, fahren und einen Selbsttest machen. Klar, da sei schon eine gewisse Anspannung da. "Genau vor dem Abi will natürlich keiner positiv sein." Ist sie jetzt also noch vorsichtiger als sonst? Nein, sagt sie. Sie achte ohnehin sehr auf die Kontaktregeln und darauf, Abstand zu halten. "Ich treffe im Moment fast niemanden." Was sie ärgert: dass Corona ihren Notenschnitt runtergezogen hat. Gerade in den Fächern, in denen es darum geht, Dinge wirklich zu verstehen, sagt Luisa Schaller, da habe sie sich im Distanzunterricht schwergetan, sich den Stoff anzueignen. In Biologie zum Beispiel.

Dieses Abitur sei kein Corona-Abitur, sagt indes Schulleiter Uwe Barfknecht. "Das ist ein ganz ordentliches, solides bayerisches Abitur", sagt der Schulleiter des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums. Nur eben unter besonderen Hygieneauflagen. Statt in einem großen Saal schreiben viele ihr Abitur in kleineren Gruppen, aufgeteilt auf mehrere Räume. Die Schüler sollen sich vor dem Abi testen, eine Pflicht dazu gibt es aber nicht. Auch wer sich nicht testen lässt, darf mitschreiben. Schüler-, Eltern- und Lehrerverbände hatten die Abiturienten vergangene Woche aber in einem gemeinsamen Appell dazu aufgerufen, solidarisch zu handeln und nicht ungetestet in die Prüfungen zu gehen. Dieser Aufruf ist jedoch nicht bei allen Schülern angekommen.

Am Max-Josef-Stift zum Beispiel hatte der Appell keine große Wirkung: Nur jede fünfte Schülerin will sich vor dem Abitur testen lassen. Und das, obwohl sich in den vergangenen Woche im Präsenzunterricht alle Schülerinnen getestet haben. "Die Mädchen haben die Tests so gut gemacht", sagt Kristina Kalb-Heubisch, die Leiterin der Mädchenschule. "Wir wissen, dass sie die Tests nur aus der Sorge heraus ablehnen, dass sie nicht am Abitur teilnehmen können." Die Schülerinnen haben Angst vor einem positiven Ergebnis; davor, dass das Ergebnis eines PCR-Tests nicht rechtzeitig vorliegt, um ein möglicherweise falsches Ergebnis des Selbsttests zu korrigieren. Sie haben Angst davor, deswegen die Abiturprüfung zu verpassen. Wer einen positiven Test hat, der kann nicht mitschreiben. Diese Schüler müssen ihr Abitur nachholen, an einem festen Termin voraussichtlich Ende Juni oder Anfang Juli.

Am Max-Josef-Stift also schreiben die meisten der 57 Abiturientinnen in der Aula ihre Prüfungen, das ist der größte Raum. Insgesamt brauchen sie dieses Jahr mehr als 20 Räume für das Abitur - und die entsprechenden Aufsichtspersonen. Sie brauche jeden Lehrer für die Prüfungsaufsicht, sagt Kalb-Heubisch, deshalb bleiben die anderen Schülerinnen in dieser Zeit zu Hause. Sie bekommen Aufgaben, die sie an den drei Tagen bearbeiten. Das Abitur dieses Jahr, "es ist aufwendig und mit viel Mehrarbeit für die Kollegen verbunden", sagt sie. Aber es sei machbar.

"Dass noch nicht alle Lehrer geimpft sind, trägt nicht zur Beruhigung bei", sagt Michael Schwägerl vom Bayerischen Philologenverband. Vor Ort müssten für die Betreuung der nicht getesteten Schüler die Lehrkräfte eingeteilt werden, die sich der Situation gewachsen fühlen oder die schon geimpft sind. Er hofft, dass viele Schüler sich testen lassen. "Niemand muss Angst haben, dass er im Herbst nicht mit seinem Studium beginnen kann", sagt Schwägerl. Jeder bekomme die Gelegenheit zu einer Prüfung.

Lenny Christen wird am Dienstag in seine Schule, das Pestalozzi-Gymnasium, fahren und sich testen. Ein mulmiges Gefühl habe er, sagt der 18-Jährige. Was, wenn der Test positiv ist und er am Mittwoch nicht sein Abitur schreiben kann? Er hofft, dass alles gut geht. Und er erzählt, dass es ihm in den letzten Wochen und Monaten sehr schwergefallen ist, sich zum Lernen zu motivieren. Wirklich motiviert habe ihn die Notenübersicht, die er Ende April bekommen hat. Ein Abitur mit einem Schnitt zwischen 1,8 und 2,9 sei noch drin, sagt er. Und dass er gespannt ist, was es am Ende wird.

© SZ vom 11.05.2021/syn, van
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