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Corona-Pandemie:Die einfach komplizierte Krise

Schild mit Aufschrift Termin Shopping jetzt auch bei uns klebt im Schaufenster eines Modegeschäfts in der Innenstadt vo

"Termin Shopping" - mit der Coronakrise haben sich zahlreiche Anglizismen in die Sprache gemogelt.

(Foto: imago images/Ralph Peters)

Es ist schon schwer genug, was die Menschen seit mehr als einem Jahr so mitmachen müssen. Aber was auch noch unentwegt an Larifariwörtern auf sie einprasselt, ist kaum auszuhalten.

Glosse von Hans Kratzer

Glücklich dürfen sich jene schätzen, die angesichts der stündlich wechselnden Vorgaben zur Corona-Krise noch durchblicken. Die Fragen türmen sich: Ist Terminshopping bei einer Inzidenz über 50 erlaubt? Oder doch erst bei einem Wert zwischen 50 und 100, oder muss man auf Click & Meet ausweichen oder sein Einkaufsglück gar mit Click & Collect suchen? Und wie geht es im Lockdown eigentlich mit Social Distancing und Showrooming weiter? Hoffentlich funktioniert im Home-Office wenigstens der Englischunterricht. Nur das Wort Klopapier widersteht der sprachlichen Mutation, es hat in der Krise an Eindeutigkeit so gut wie nichts eingebüßt.

Sogar die lokale Heimatzeitung, eine Oase der einfachen, klaren Sätze und Wörter, wirkt durch Corona wie verpeilt. In ihren Corona-Berichten wimmelt es vor Fremdwörtern und Anglizismen. Wie soll aber die Leserschaft, die keine Englischkenntnisse hat, noch verstehen, was vor sich geht, wenn unentwegt Larifariwörter wie Corona-Matching-Fazilität, Containment Scout und Covid-19-Evidenz-Ökosystem auf sie einprasseln.

Wenn schon keiner mehr durchblickt, dann wenigstens in einer Sprache, die ebenso verrückt ist wie das Virus. Zu allem Jammer findet auch die Bundesregierung Gefallen daran, ihre Corona-Beschlüsse so umständlich, wie es nur geht, zu kommunizieren. Wie die Uni Hohenheim bei einer Analyse der Pressemitteilungen aus Berlin herausfand, strecken sich die Schachtelsätze bis zu einer Länge von 80 Wörtern. Am Ende weiß wirklich keiner mehr, wie der Satz angefangen hat. Die alte Regel "Ein Gedanke, ein Satz!" heiße jetzt, so klagen die Hohenheimer: "Ein Satz, hundert Gedanken."

Auch die Bürokratie liebt nichts mehr als Wortungetüme. Das Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz will uns breit und mächtig mitteilen, dass etwas vorangeht, auch wenn es von der Länge her noch nicht ganz an das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz herankommt. Der Denker Ludwig Wittgenstein ging vor hundert Jahren in einem seiner berühmten Gedanken sinngemäß davon aus, dass das, was sich überhaupt sagen lässt, in klaren Worten ausgedrückt werden kann. Die Corona-Krise zeigt: Er muss sich getäuscht haben.

© SZ vom 09.04.2021/vewo
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