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Corona-Krise:Was die Pflicht zur FFP2-Maske bringt

Selbst Mediziner sind uneins, ob die in Bayern geplante Vorschrift sinnvoll ist. Klar ist: Die Schutzmasken helfen nur, wenn sie korrekt verwendet werden. Für Männer mit Bart etwa kommen sie nicht in Frage.

Mehr Schutz vor Infektionen? Oder vielleicht sogar gefährlich wegen eines falschen Gefühls von Sicherheit? Selbst Mediziner sind sich nicht einig, ob die von Bayern geplante FFP2-Maskenpflicht gegen die Ausbreitung des Coronavirus hilft. Der Virologe Alexander Kekulé hält sie grundsätzlich für sinnvoll. "Natürlich ist eine FFP2-Maske deutlich sicherer als ein Mund-Nasen-Schutz, der oft auch nur sehr locker getragen wird", sagt der Professor der Universität Halle-Wittenberg. Gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln drängten sich viele Menschen. Mit einer FFP2-Maske sinke das Risiko einer Infektion deutlich. "Aber auch in so manchem kleinen Bäckerladen ist es sicher sinnvoll, gerade weil dort teilweise nicht richtig gelüftet werden kann", sagt Kekulé.

In Bayern sind FFP2-Masken von Montag an in allen Geschäften sowie Bussen, U- und S-Bahnen Pflicht, das hat die Staatsregierung am Dienstag beschlossen. Dies werde die Infektionslage aber nicht merklich verbessern, schätzt Johannes Knobloch vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Ich glaube nicht, dass das einen großen Unterschied macht", sagt Knobloch. "Im schlimmsten Fall kann sich die Lage sogar verschlechtern, weil sich die Leute geschützter fühlen und weniger vorsichtig sind." Es bedürfe bei einer FFP2-Maske großer Expertise, sie komme aus dem Arbeitsschutz und sei nicht für Laien gedacht. "Wenn sie nicht absolut dicht aufgesetzt wird, wirkt sie nicht besser als eine einfache Einwegmaske", so Knobloch.

Und das betreffe vor allem Männer mit Bart. "Sie ist bei Männern nur mit glattrasierter Haut zu tragen", sagt Knobloch. Schon beginnender Bartwuchs könne ein Problem darstellen, weil sich ein Abstand zwischen Haut und Maske bilde, durch die Luft ungefiltert ein- und ausströme. Bei den dichteren FFP2-Masken sei der Atemwiderstand größer als bei den einfachen Kunststoff- oder selbstgenähten Stoffmasken.

"Durch eine Stoffmaske atme ich immer zumindest zum Teil hindurch, aber wenn bei einer FFP2-Maske irgendwo am Gesicht eine kleine Lücke bleibt, geht fast alle Luft dort hindurch - und mit ihr das Virus", sagt Knobloch. "Bei einer FFP2-Pflicht dürften Bartträger in Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln also eigentlich nicht zugelassen werden." Die Maßnahme sei vielleicht gut gemeint, letztlich helfe aber nur eines wirklich gut: zu Hause bleiben.

Die Details der neuen Maskenpflicht sind noch unklar - etwa was Bärtige betrifft oder auch die Frage, ob Kinder künftig auch FFP2-Masken in Geschäften und Nahverkehr tragen müssen. Das Gesundheitsministerium ließ am Dienstag wissen, die Details würden derzeit innerhalb der Staatsregierung abgestimmt; darüber könne man noch keine Auskunft geben.

Die Diakonie fordert kostenlose Masken für Hartz-IV-Empfänger

Immer eine FFP2-Maske tragen sollten Risikopatienten in geschlossenen Räumen mit mehreren Personen, erläutert der Virologe Kekulé. Darüber hinaus sorgt er sich um die Akzeptanz. "Viele haben liebevoll Stoffmasken genäht oder teuer gekauft und sollen jetzt plötzlich auf FFP2-Masken umsteigen", sagt er. Immer mehr hielten sich nicht an die Regeln, weil sie sie nicht mehr verstünden. "Um diese Menschen mitzunehmen, muss die Politik ihre Maßnahmen nachvollziehbar begründen", sagt Kekulé. Außerdem befürchte er einen Ansturm auf Apotheken und Läden, die die Masken verkaufen.

In der Tat waren am Dienstag nach der Ankündigung der Staatsregierung in vielen Geschäften die Masken schlagartig ausverkauft. Da sie nicht apothekenpflichtig sind, werden sie auch im normalen Einzelhandel angeboten, etwa in Drogeriemärkten, oder auch im Internet. Anders als im Frühjahr sehen Experten derzeit aber keine Versorgungsengpässe. Wenig Unterschied macht es, ob die Masken aus den Klassen FFP2, N95 oder KN95 sind, wie Christof Asbach sagt, der Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung. "Das ist ein ähnlicher Standard." Entscheidend sei die Qualität der Masken, da es immer noch schlecht geprüfte Produkte gebe. "Man sollte nicht so sehr auf den Preis achten, sondern auf eine vertrauenswürdige Quelle", rät Asbach.

Die bayerische FFP2-Maskenpflicht ist laut dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit sehr wahrscheinlich bisher einmalig auf der Welt. "Prinzipiell finde ich die Idee gut", sagt der Mediziner vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Es müssten aber zwingend Angebote damit verbunden sein: zum einen Anleitungen zur richtigen Benutzung. "Ohne solche Angebote sehe ich das kritisch." Korrekt verwendet biete eine solche Maske anders als die einfachen Einweg- und Baumwollmasken viel Eigenschutz. "Ich kann mich selbst schützen und bin weniger darauf angewiesen, dass die Menschen in meiner Umgebung sich richtig verhalten."

Zum anderen fordert Schmidt-Chanasit kostenlosen Zugang zu solchen medizinischen Masken - so wie es am Dienstag in Bayern etwa auch die SPD und die Linke gefordert haben. Auch Gérard Krause vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig sagt: "Eine ausreichende und gerechte Verfügbarkeit für jeden Menschen erscheint mir eine wesentliche Bedingung für diese Maßnahme." Speziell für Hartz-IV-Empfänger sei das wichtig, fordert Sabine Lindau von der Diakonie Bayern. Im monatlichen Regelsatz seien genau 17,02 Euro für Gesundheit und Hygiene vorgesehen. "Damit kommt man schon ohne Corona nicht weit", sagt Lindau. Die Einführung der FFP2-Maskenpflicht sei aus immunologischen Gründen sicherlich sinnvoll, zehn Euro für drei Masken seien jedoch "für Personen im Hartz-IV-Bezug nicht ohne weiteres finanzierbar".

© SZ.de / dpa/kast/epd/vewo/van
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