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Bayerische Staatsarchive:Das von den Nazis missbrauchte Gedächtnis

Im Hauptstaatsarchiv werden das Tagebuch und der letzte Brief des Willi Graf verwahrt, der Mitglied der Weißen Rose war und 1943 enthauptet wurde.

(Foto: Cath)

Die bayerischen Staatsarchive arbeiten langsam ihre Vergangenheit im Nationalsozialismus auf. Eine Zwischenbilanz belegt ihre besondere Rolle in der Blut-und-Boden-Ideologie

Die bayerischen Archive verwahren in ihren Depots ungefähr 44 Millionen Archivalien, die ältesten Urkunden sind mehr als 1200 Jahre alt. Es handelt sich fast ausschließlich um Unikate, welche die lange Geschichte Bayerns und seiner Menschen bis in die privatesten Winkel hinein dokumentieren. All diese Akten, Urkunden, Fotos, Karten, Plakate, Briefe und Telegramme bilden ein gigantisches Gedächtnis dieses Landes, das allerdings in den Kriegsjahren massiv beschädigt wurde. Die Furie des Nationalsozialismus hat auch die Archive schwer beschädigt, materiell wie ideologisch.

Die Rolle der bayerischen Archive in der Zeit des Nationalsozialismus ist nur teilweise erforscht. Dabei drängen sich Myriaden von Fragen auf, wie soeben ein Kolloquium im Bayerischen Hauptstaatsarchiv gezeigt hat, bei dem diese Thematik nun erstmals genauer unter die Lupe genommen wurde. Ob denn eine im Kriegsarchiv verwahrte Akte über Hitler manipuliert worden sei, wurde während eines Vortrags gefragt.

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Die Antwort lautete, es gebe im bayerischen Kriegsarchiv gar keine Akte Hitler, sehr wohl aber eine Kriegsstammrolle. Diese Doppelseite sei zwar irgendwann herausgetrennt worden, liege jetzt aber im Bundesarchiv in Koblenz. In München sei noch eine Kopie von Hitlers Stammrolle vorhanden. Von anderen Nazis wie Streicher, Himmler oder Heß werden die Original-Akten dagegen immer noch in München verwahrt.

Die Frage, inwieweit die Archive selber in den Nationalsozialismus verstrickt waren, wurde bei dem zweitägigen Kolloquium intensiv erörtert. Dabei wurde deutlich, dass die Beantwortung erst am Anfang steht. "Es kamen viele Dinge ans Licht, die nicht aufgearbeitet sind, außerdem wurde deutlich, wo noch Forschungslücken bestehen", resümierte Margit Ksoll-Marcon, die Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns. Dass der Archivarsberuf in der NS-Zeit kein ideologiefreies Betätigungsfeld darstellte, ist jedoch nicht verwunderlich.

Die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis wies den Archiven eine bis dahin nicht gekannte Bedeutung zu. Zum Beispiel waren sie an der Einziehung des Vermögens von rassisch, religiös und politisch Verfolgten beteiligt. Überdies kümmerten sich Archivare an der Kriegsfront um den Schutz, aber auch um die Beschlagnahme von Archivgut, das dann nach Deutschland verfrachtet wurde.

Viele Akten wurden im Krieg zerstört

Eine ungeahnte Bedeutung erlangten die Archive durch den von den Nazis verlangten Ariernachweis. "Plötzlich sind die Benutzerzahlen stark angestiegen", sagt Bernhard Grau von der Generaldirektion der Staatlichen Archive. Dazu wurden damals eigene Forschungs- und Beratungsstellen eingerichtet. Der Ariernachweis war ein von Behörden geforderter Nachweis einer "rein arischen Abstammung", ihn benötigten Beamte, Ärzte, Juristen. Auch Berufsverbände und viele Unternehmen verlangten einen Ariernachweise für eine Anstellung, ebenso die NSDAP für die Aufnahme als Parteimitglied.

Angesichts der materiellen Kriegsschäden in den Archiven stellt sich heute die Frage: Soll man betrauern, dass so viele Akten zerstört wurden oder soll man froh sein, dass so vieles gerettet worden ist? Exemplarisch wurden in der Tagung die Staatsarchive in Nürnberg und in Würzburg hervorgehoben. Während die Nürnberger Bestände früh genug vor der Bombardierung des Magazins ausgelagert wurden und dadurch keine Akten verloren gingen, wurde dieser Schritt in Würzburg versäumt.

Dort sind im Bombenhagel riesige Verluste entstanden. Durch Auslagerungen in andere Orte wurde zwar vieles gerettet, aber nicht alles. Nach dem Krieg führten Plünderungen und Vandalismus zu weiteren Verlusten. Die Akten der bayerischen Luftstreitkräfte gingen in Berlin verloren. Auch die wertvollen Kriegs-Stammrollen von 1871 bis 1914 wurden vernichtet, es existieren nur noch jene aus der Zeit von 1914 bis 1918. Von den Archivaren selber waren manche stark in den Nationalsozialismus verstrickt, andere paktierten nicht, verhielten sich aber ruhig.

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Und dann gab es noch einen, dem ein eigener Vortrag gewidmet war, der Archivar und Widerständler Fritz Gerlich. Ihm zu Ehren wurde zu Beginn des Kolloquiums im Bayerischen Hauptstaatsarchiv eine Gedenktafel enthüllt. "Das Beispiel des Fritz Gerlich ermutigt uns, für unsere demokratischen Werte sowie die Meinungs- und Pressefreiheit einzutreten", sagte Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) bei der Feierstunde.

Freilich zeigt das Beispiel Gerlichs auch, wie rätselhaft und verworren die Biografie eines Nazi-Gegners sein kann. Gerlich war ein Katholik und mutiger Kämpfer, aber er war auch ein komplizierter Mensch, der als fanatischer Anhänger der stigmatisierten Therese Neumann von Konnersreuth große Irritationen auslöste. SA-Männer misshandelten und verhafteten Gerlich im März 1933, danach blieb er rund 16 Monate lang in Schutzhaft. Im Zuge des Röhm-Putschs wurde er ins Konzentrationslager Dachau verlegt und dort in der Nacht zum 1. Juli 1934 erschossen.