Schlacht bei Ampfing:Wenn Schwerter klirren und Kämpfer brüllen

Lesezeit: 3 min

Schlacht bei Ampfing: Vom aufgenähten Wappen bis zum eigens gefertigten Filzhut stecken Hunderte Stunden in Requisiten und dem Gewand der Darsteller.

Vom aufgenähten Wappen bis zum eigens gefertigten Filzhut stecken Hunderte Stunden in Requisiten und dem Gewand der Darsteller.

(Foto: Brigitte Hochhäusler/oh)

Vor 700 Jahren schlugen sich die Wittelsbacher und Habsburger nahe Ampfing die Köpfe ein. Nun wird die Schlacht nachgespielt, am Freitag feiert das Historiendrama Premiere. Die 7000-Einwohner Gemeinde hat sich Großes vorgenommen.

Von Simone Kamhuber

Wie die Glocken einer wildgewordenen Kuhherde. So klingt es, wenn mehr als hundert Schwertklingen klirrend aneinander scheppern. Dazu inbrünstige Kampfschreie, die die abendliche Stille am Ortsrand von Ampfing durchbrechen. "Stopp! Zuerst die Pferde, dann die Kämpfer", ruft Regisseur Moritz Katzmair in die Generalprobe rein. Noch kann er eingreifen, doch am Freitag wird es ernst: Nach Jahren der Vorbereitung feiert die Gemeinde die Premiere des Schauspiels "1322 - Die Schlacht bei Ampfing". 700 Jahre ist es her, dass Ludwig der Bayer und Friedrich der Schöne eine Schlacht um die Kaiserwürde schlugen. Es war die letzte Schlacht ohne Feuerwaffen - Wittelsbach gegen Habsburg. Schon 1922 und 1988 wurde das historische Spektakel in Ampfing inszeniert. Doch mit dieser Aufführung hat sich die 7000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Mühldorf am Inn etwas Großes vorgenommen.

Im Januar 2020 trommelte Katzmair zum ersten Mal Interessenten beim Wirt zusammen. "Was, wenn keiner kommt?", hatte er befürchtet. Doch die Faszination für Ritter, mittelalterliche Märkte und Kräuterbier hat bei den Ampfingern wohl einen Nerv getroffen. Mit 400 Leuten platzte das Wirtshaus aus allen Nähten. Damals war das Gelände zwischen Flugplatz und dem Badesee noch ein stinknormaler Acker. Gut zweieinhalb Jahre später steht Katzmair auf dem Gelände, das am Freitag mit Freiluftbühne inklusive Tribüne für 1400 Zuschauer und Mittelaltermarkt die Tore öffnet. Piepende Fahrzeuge hieven noch letzte Bauteile durch die Gegend, Helfer bereiten Speis und Trank für die Gäste vor.

Schlacht bei Ampfing: Ludwig der Bayer aus dem Hause Wittelsbach, gespielt von Matthias Ettinger.

Ludwig der Bayer aus dem Hause Wittelsbach, gespielt von Matthias Ettinger.

(Foto: Rainer Stöger)
Schlacht bei Ampfing: "Friedrich der Schöne" aus dem Hause Habsburg, gespielt von Sebastian Sax. In der Schlacht verliert er die Krone an Ludwig den Bayer.

"Friedrich der Schöne" aus dem Hause Habsburg, gespielt von Sebastian Sax. In der Schlacht verliert er die Krone an Ludwig den Bayer.

(Foto: Rainer Stöger)

Vier Wochenenden hintereinander wird eine Schauspielerschar aus 350 Laien "1322" aufführen. Den krönenden Abschluss bildet ein Ritterdorffest am 10. und 11. September. "Mit Laienschauspiel hat das nur noch wenig zu tun", sagt Katzmair. Kaum einer der Darstellerinnen und Darsteller ist vor der heißen Probenphase, die im April begann, schon einmal auf einer Bühne gestanden. "Die Entwicklung der Schauspieler zu beobachten, hat wahnsinnig Spaß gemacht." Neben der Arbeit als Regisseur stand Katzmair zum Beispiel für die Eberhofer-Krimis, den Tatort oder die Känguru-Chroniken selbst vor der Kamera. "1322" bezeichnet er als sein "bisher emotionalstes Projekt". Auch sonst spricht er nur noch in Superlativen: "Es wird fett, das kann ich versprechen."

53 Schauspieler, 40 Bogenschützen, 25 Pferde, 80 Schaukämpfer und 150 Komparsen sind an der Aufführung beteiligt, die Masse an Helfern hinter den Kulissen nicht eingerechnet. Jeder Filzhut und jedes Kettenhemd wurde in Handarbeit gefertigt. Es sei dem ganzen Team wichtig gewesen, alles authentisch darzustellen, sagt Katzmair: "Es kommt kein Schild vor, das erst ab 1350 existiert hat." Was historische Akkuratesse angeht, gab es Klärungsbedarf: In die Geschichte ging die Schlacht bei Ampfing nämlich gar nicht als solche ein, sondern als "Schlacht bei Mühldorf", da sie wohl auf Erhartinger Flur nahe Mühldorf stattgefunden haben soll. 15 Kilometer hin oder her: Nun zehren beide Kommunen vom Ruhm der Geschichte. Auch die Mühldorfer widmen der "Schlacht bei Mühldorf" ein Theaterstück ("Der bairische Aff oder wie einer Kaiser wird") und im Museum "Haberkasten" gibt es ab September eine Ausstellung.

"Den einen adelt die Geburt, den anderen die Tapferkeit"

Mit welchen Schlachten sie sich fern der Bühne herumschlagen müssen, ahnte im Januar 2020 niemand, sagt Ampfings Bürgermeister Josef Grundner. "Die Pandemie hat uns beim Theater und der ganzen Organisation viele Steine in den Weg gelegt." Nach Ausbruch des Ukrainekrieges habe er befürchtet, dass die Inszenierung einer Schlacht einen bitteren Beigeschmack haben könnte. "Aber es ging nie darum, Krieg zu verherrlichen. 1322 hat einen hohen kulturellen Wert und ist ein Grundstein für den heutigen Frieden", sagt Grundner. Matthias Ettinger hatte sich eigentlich als Bogenschütze beworben und ergatterte stattdessen eine Hauptrolle: Ludwig der Bayer, zerzauster Bart, gehüllt in bayerisch-blaue Roben. "Das schönste an dieser Zeit war die Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft", sagt er.

So harmonisch es hinter den Kulissen zugeht, so gewaltig ist die Schlachtszene als Höhepunkt des Schauspiels. Kam es zu Verletzungen? "Das Risiko ist natürlich da", sagt Katzmair. Ein Cut am Auge, ein paar Stürze vom Pferd. Erst diese Woche sei jemand wegen eines Schwerthiebes ins Krankenhaus gefahren. Aber zum Glück sei alles glimpflich ausgegangen. Bei der Probe rennt Katzmair hektisch die Tribüne rauf und runter, flüstert seinem Regie-Team letzte Anweisungen ins Ohr. Vor der Schlachtszene ist ihm besonders flau im Magen. Nebel, beleuchtet in Rot und Blau, hängt über dem Feld. "Den einen adelt die Geburt, den anderen die Tapferkeit", sagt Ludwig der Bayer zu Hans Egold von Wasserburg, einem armen Bäckersknecht. "Euer Stand tut heute nichts zur Sache." Der Herzog ruft sein bayerisches Volk zum Kampf auf. "Yes!", flüstert Katzmair, als er merkt, dass der Text nicht nur sitzt, sondern auch wirkt. Die Schlacht beginnt. Pferde galoppieren, Pfeilspitzen brennen, Fanfaren dröhnen: Eine halbe Stunde lang schlagen sich die Ritter mit lange eingeübten Hieben die Köpfe ein. Ziemlich fett, wie Katzmair sagen würde.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSchloss Herrenchiemsee
:Des Königs Gier nach Schneerahmtörtchen

Ludwig II. war süßigkeitenliebend, stark zahngeplagt und ein visionärer Bauherr. Das beweist Schloss Herrenchiemsee - in den Augen von Historiker Marcus Spangenberg viel mehr als eine Kopie von Versailles. Eine Erkundungstour.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB