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AKW Grafenrheinfeld:30 Millionen angespart

Konzerne können Gewinne und Verluste zwischen einzelnen Betriebsstätten aufrechnen und so bei sinkenden Einnahmen ihre Steuerlast mindern - so hat es der Konzern den Grafenrheinfeldern erklärt. Mit Fukushima, mit der Erwartung von Eon, dass ihre Atomkraftwerke bald sehr viel weniger Profit abwerfen dürften, habe das nichts zu tun. Auch wenn die Zahl 18 Millionen noch nicht ganz fix ist: "Das trifft uns", sagt Weth, "aber es haut uns nicht um." Immerhin hat man 30 Millionen Euro angespart in letzter Zeit, trotz Bibliothek, trotz Grundschule und Kulturhalle.

Es sind nicht mal so sehr diese 18 Millionen, die für schlechte Stimmung sorgen, sagt Gerhard Riegler, der Mann aus dem Kraftwerk. Es sind mehr die Kampfjets, die immer wieder um den Reaktor kreisen. Riegler ist Gemeinderat für die CSU in Grafenrheinfeld, wenn er sich irgendetwas nicht hätte vorstellen können bislang, dann seine Unterschrift unter einer Resolution, die auch nur im Entferntesten etwas mit Atom und Angst zu tun hat. In den umliegenden Gemeinden - dort, wo aus dem AKW keine Gewerbesteuer abfließt - verabschieden sie seit geraumer Zeit solche Resolutionen: Mal geht es gegen die Laufzeitverlängerung, mal für die grundsätzliche Abschaltung des örtlichen Reaktors, und immer ist nun die CSU mit dabei, zumindest Teile davon. Aber Resolutionen in Grafenrheinfeld? Das galt bislang als undenkbar.

Riegler wird unterschreiben. Wenn es in der nächsten Sitzung darum geht, ob US-Kampfjets des Typs Fairchild Thunderbolt, bekannt als "Warzenschweine", auch weiter zwischen Schweinfurt und Volkach ihre Kreise ziehen dürfen, direkt am Atommeiler, dann wird Riegler sich dem Protest anschließen. 1984 ist ein Kampfflugzeug kaum drei Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt abgestürzt. Vor einer Woche stürzte in der Eifel ein Kampfjet 300 Meter entfernt von einem Dorf ab, es war eines jener "Warzenschweine", die auch über Grafenrheinfeld kreisen - zum Beispiel noch zwei Tage vor dem Absturz in der Eifel.

Bürgermeister Hans Fischer macht das fassungslos. Fischer ist Rathauschef in Schwebheim, in der Nachbargemeinde von Grafenrheinfeld. Vor vier Wochen hat er der Bundeskanzlerin einen Brief geschrieben. An ihren politischen Willen hat er appelliert, sie möge mithelfen, das Gefahrenpotential in und um Grafenrheinfeld zu mindern. Es kam: keine Antwort, noch nicht mal eine Empfangsbestätigung. "Wütend und zunehmend ratlos", macht das den Bürgermeister.

"Wir machen einen tipptopp Job hier, rein sicherheitstechnisch", sagt der Rettungssanitäter Riegler, er könne nur jedem empfehlen, sich ein eigenes Bild davon zu machen. Gerade in diesen Tagen, da keine Wolke über den Kühltürmen steht, weil - wie Riegler formuliert - "wieder mal jede Schraube im Reaktor umgedreht wird". 1500 Fremdarbeiter sind gerade im Werk, es ist Revision. Das Rohr im Primärkreislauf, dessen Riss für Aufsehen gesorgt hat kürzlich, ist zwar noch nicht ausgetauscht. Mitte Mai aber wird der Betrieb weitergehen, Riegler ist sich da sicher, trotz gedrückter Stimmung. "Das Schlimmste ist", sagt er, "dass du den Leuten derzeit erzählen kannst, was du willst über Sicherheit, sie glauben es einfach nicht." Teilweise sogar im Dorf, in Grafenrheinfeld. Trotzdem ist Riegler zuversichtlich. Er ist jetzt 55 Jahre alt, bis zur Rente, auch da ist er sich sicher, wird er im Werk noch Arbeit finden.

© SZ vom 08.04.2011/caj
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