Alternative Energien:Ungehobene Schätze

Im Freistaat kündigt sich ein Politikwechsel an - erneuerbare Energien sollen schneller vorangetrieben werden. Und aus Wasser, Holz, Wind und Geothermie könnte noch viel Energie gewonnen werden. Doch es gibt Einwände.

Ein Überblick in Bildern

1 / 8

Kernkraftwerk Isar

Quelle: dapd

Nach der Abschaltung von Isar 1 hoffen viele Kernkraft-Gegner, dass ein rasches Ende der Atomanlagen in Bayern wieder näher rückt. Und zwar obwohl der Freistaat mit 57 Prozent den Löwenanteil seiner Energie aus Atomstrom bezieht. Demgegenüber nimmt sich der Anteil der regenerativen Energien mit etwa einem Viertel niedrig aus.

Dennoch sagen nicht nur Atomkraft-Gegner seit langem, der Ausstieg sei binnen weniger Jahre zu schaffen. Auch das Umweltbundesamt kommt in der Studie "Energieziel 2050" zu dem Ergebnis, dass bis dahin der gesamte Strom in Deutschland und damit auch im Freistaat aus regenerativen Energien erzeugt werden kann. Die Wege dahin im Überblick:

2 / 8

Alternative Energien:Energiesparen

Steckdose

Quelle: dapd

Es klingt paradox: Das größte Energiepotential, das wir haben, ist das Energiesparen. Das sagt zumindest Hubert Weiger, der Chef des Bundes Naturschutz. "Wenn wir endlich all die Einspar-Techniken einsetzen würden, über die wir schon jetzt verfügen, könnten wir unseren Energieverbrauch um zwei Drittel verringern", lautet Weigers Credo, "und zwar ohne dass wir uns eine völlig asketische Lebensweise angewöhnen müssen." Zum Beispiel durch die rasche energetische Sanierung von Altbauten: Damit ließe sich der Verbrauch von Wärmeenergie um 90 Prozent verringern.

Oder mit der Kraftwärmekopplung in Kraftwerken: Sie würde deren Energieausbeute von 35 Prozent auf bis zu 80 Prozent steigern. Oder durch passgenaue Nahverkehrssysteme, damit mehr Pendler ihr Auto stehen lassen. "Auch beim Strom sind Einsparpotentiale von 20 Prozent möglich", sagt Markus Ruckdeschel von der Energieagentur Nordbayern. "Das sieht man am besten an den Fernsehgeräten: Da ist durch eine kleine Gesetzesänderung der Stand-bye-Verbrauch auf unter ein Watt gedrückt worden."

Energiesparen hat aber zwei Probleme. "Es ist nicht so sexy wie die Solaranlage auf dem Dach", sagt Ruckdeschel. "Und wer will schon den elektrischen Dosenöffner hergeben, wenn er ihn einmal hat." Auch wenn der manuelle ebenso gute Dienste leistet.

3 / 8

Alternative Energien:Wasserkraft

Pumpspeicherkraftwerk Waldeck I

Quelle: dpa

In keinem Bundesland wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen wie in Bayern: 13 Milliarden Kilowattstunden sind es Jahr für Jahr, die in den 4250 Wasserkraftwerken im Freistaat erzeugt werden. Das ist knapp ein Sechstel der Strommenge, die in Bayern produziert wird. Glaubt man den großen Energieerzeugern Eon Wasserkraft, Rhein-Main-Donau-AG und Bayerische Elektrizitätswerke GmbH könnten es ohne weiteres zehn Prozent mehr sein. Das entspräche dem Energieverbrauch von 370.000 Haushalten.

Ihr Ziel wollen die Energieversorger auf vier Wegen erreichen. Sie wollen alte Wasserkraftwerke modernisieren und bestehende aufrüsten. Und sie wünschen sich etliche neue Anlagen - sowohl an bereits bestehenden Stauanlagen und Sohlschwellen als auch an bislang unberührten Flussabschnitten. Viele davon sind nicht neu. So zum Beispiel das Großkraftwerk in Neustadt an der Donau, das bereits Mitte der 1990er Jahre im Gespräch war. Doch so sehr die Energieversorger für den Ausbau der klimafreundlichen Wasserkraft werben, so umstritten ist sie unter Umweltschützern.

"Mehr als 90 Prozent der Flussläufe in Bayern sind kanalisiert und verbaut", sagt Ludwig Sothmann vom Vogelschutzbund. "An den wenigen natürlichen Flussabschnitten, die wir noch haben, muss der Naturschutz Vorrang haben, sonst ist jedes Bekenntnis zum Artenschutz obsolet."

4 / 8

Alternative Energien:Solarstrom

Union will Kuerzung der Solarfoerderung verschieben

Quelle: ddp

Was für die Wasserkraft gilt, gilt für den Solarstrom ganz besonders: Bayern ist Solarweltmeister. 2009 haben die damals 220.000 Solaranlagen im Freistaat 2,3 Milliarden Kilowattstunden Sonnenstrom erzeugt. Das waren drei Prozent des Stromverbrauchs in Bayern. Binnen fünf Jahren hatte sich die Solarstrom-Produktion versiebenfacht, allein 2009 hat sich die Zahl der Sonnenkraftwerke knapp verdoppelt. Und ein Ende des Booms ist nicht abzusehen, auch wenn der Bund die Solarförderung 2010 sehr zum Leidwesen der Branche zurückgefahren hat und großflächige Solarparks auf Ackerland ganz aus der Förderung genommen hat.

Doch dank des rasanten Preisverfalls auf dem Kollektorenmarkt rechnen Experten damit, dass Solarstrom in zwei oder drei Jahren so günstig produziert werden kann wie konventioneller Strom. "Und das macht ihn auch in Zukunft äußerst attraktiv", sagt Herbert Barthel, der Energieexperte des Bundes Naturschutz. "Selbst wenn die Ausbeute hier tatsächlich nie so hoch sein wird wie in südlichen, sehr viel sonnenintensiveren Ländern."

5 / 8

Alternative Energien:Windkraft

Windenergieanlage

Quelle: ddp

Bayern und die Windenergie - das ist zumindest bisher ein Trauerspiel. "Der Wind bläst nur am Meer stark genug und vielleicht noch in den Mittelgebirgen, damit sich Windräder rentieren", lautet ein Vorurteil, das man nach wie vor in einer Broschüre des Wirtschaftsministeriums nachlesen kann. Wenig verwunderlich also, dass die ungefähr 400 Windräder in Bayern gerade mal ein Prozent der Strommenge des Freistaats produzieren. Damit ist der Freistaat Schlusslicht, deutschlandweit stammen bereits sieben Prozent des Stroms aus der Windkraft.

Doch auch in Bayern könnte es schon bald sehr viel mehr Windstrom geben. Nicht nur weil die Technik rasante Fortschritte macht. Ein modernes Windrad mit einer Nabenhöhe von 140 Metern und Rotoren mit 80 bis 100 Meter Durchmesser produzieren vier bis sechs Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr - genug für 1500 Haushalte. Auch in Bayern setzt sich die Einsicht durch, dass ohne Windkraft die Energiewende nicht zu schaffen ist. So peilt Umweltminister Markus Söder inzwischen mittelfristig einen Windstrom-Anteil von immerhin fünf Prozent an.

Die Branche selbst wünscht sich zehn Prozent und mehr. "In Bayern sind ohne weiteres 1500 neue Anlagen möglich", sagt Günter Beermann, der Vorsitzende des bayerischen Windenergie-Verbands, "damit könnten wir neun Milliarden Kilowattstunden Windstrom im Jahr produzieren." Beermann wünscht nichts sehnlicher von Söder, als dass dieser sich nach der Atomkatastrophe in Japan nun endlich nach Kräften für die Windenergie einsetzt.

6 / 8

Alternative Energien:Holz

Holzboom

Quelle: dpa

Egal ob Scheitholz oder Hackschnitzel, der Brennstoff Holz boomt in Bayern wie nie zuvor. "Nimmt man die Wärme- und die Stromproduktion zusammen, dann ist Holz der wichtigste regenerative Energieträger im Freistaat, noch vor der Wasserkraft", sagt Edmund Langer, der Geschäftsführer von Carmen, dem Kompetenzzentrum für nachwachsende Rohstoffe in Straubing. Holz ist nach wie vor etwa ein Drittel billiger als Heizöl und damit ein konkurrenzlos günstiger Brennstoff. Holz ist auch klimaneutral - es gibt beim Verbrennen nur so viel CO2 ab, wie der Baum beim Wachstum eingelagert hat. Deshalb schießen Biomasse-Heizwerke schier aus dem Boden. Zu den aktuell 400 Anlagen im Freistaat kommen bis zu 40 weitere pro Jahr hinzu. Und auch bei Privatleuten ist der Trend zur Holzheizung ungebrochen. Die Kehrseite des Booms: Bereits ein Drittel aller Bäume, die in Bayerns Wälder gefällt werden, landet im Ofen.

Die Papier- und Zellstoffindustrie klagt über Rohstoffprobleme. Und Forstökologen fürchten um die Fruchtbarkeit der Wälder. Denn immer öfter wandern auch Rinde, Nadeln. Blätter und andere besonders nährstoffreiche Baumteile in den Ofen. Sie blieben früher im Wald liegen und sorgten dafür, dass die Böden fruchtbar waren. Werden auch sie verbrannt, leiden die Wälder. Der Holz-Boom dürfte deshalb seinen Zenit erreicht haben.

7 / 8

Alternative Energien:Biogas

Jahresrückblick Sachsen-Anhalt 2010 - Biogas

Quelle: dpa

Nicht anders ist das beim Biogas. Zwar ist auch der Biogas-Boom ungebrochen. Rechnerisch bezieht bereits jeder fünfte Haushalt in Bayern Strom vom Acker. Aber die Stimmung hat sich gedreht. 2010 investierten die bayerischen Bauern erstmals mehr Geld in Biogas-Anlagen als in Milchställe. Und auch in diesem Jahr werden wieder 300 neue Anlagen zu den bereits 2000 vorhandenen hinzukommen. In manchen Gegenden ist deshalb bereits Konkurrenz um die Äcker entbrannt. Die Biogas-Bauern brauchen immer mehr Mais als Substrat für die Gasproduktion, die Milch- und die Schweinebauern wollen ihn verfüttern.

Die Umweltschützer beklagen derweil die Vermaisung der Landschaft mit Schaden für die Artenvielfalt und den Trinkwasserschutz. Der Bund wird wohl demnächst die Biogas-Förderung deutlich beschneiden. Und selbst Bayerns Agrarminister Helmut Brunner denkt an einen Baustopp für neue Anlagen in einzelnen Regionen.

8 / 8

Alternative Energien:Geothermie

-

Quelle: Claus Schunk

In der Geothermie dagegen schlummern sehr große Potentiale. Und zwar sogar so große, dass Experten sagen, in Bayern könnte man schon mittelfristig so viel Strom aus Erdwärme gewinnen, dass man dafür problemlos ein Kernkraftwerk hier abschalten könnte. Noch steht die Geothermie aber ganz am Anfang. Zur Zeit ist im ganzen Freistaat nur eine einzige Anlage am Netz, die auch Strom produziert: in Unterhaching bei München. Die anderen acht, die teilweise schon seit vielen Jahren laufen, liefern ausschließlich Wärme.

Weitere neun Anlagen sind derzeit in Planung, einige davon wie in Kirchweidach im Landkreis Altötting oder in Bernried am Starnberger See sind schon sehr viel stärker auf die Stromproduktion ausgelegt. Allerdings ist die Geothermie umstritten - vor allem bei den Anliegern. In Bernried am Starnberger See etwa befürchten viele, dass die Gefahr von Erdbeben in der Region ansteigt, wenn die Anlage dort gebaut wird. Und das obwohl alle Experten dies vehement bestreiten.

© SZ vom 17.3.2011/bica
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB