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Verkehrswahnsinn in Peking:Als Ausländer wird man definitiv nicht diskriminiert

Am Anfang lief alles glatt. Den Sehtest bestand ich mit fliegenden Fahnen. Der Arzt zeigte mir grün-rote Vexierbilder. Ich schaute ihn fragend an. Er machte zufrieden ein Häkchen. Er deutete mit einem Stab auf kleine Symbole, die aus der Ferne vor meinen Augen verschwammen. Ich sagte auf Deutsch "Hm", "Hm", und wieder "Hm". Er machte drei Häkchen und gratulierte mir. Als Ausländer wird man definitiv nicht diskriminiert in Peking. Warum ich hernach trotzdem durchfiel beim Test? Zwei Wochen lang hatte ich die 134 Seiten des Prüfungsmaterials durchgeackert, mehr als eineinhalbtausend Fragen in dieser Sprache, die dem mir bekannten Deutsch schon irgendwie verwandt war, mir aber dennoch bis zum Ende so fremd blieb wie das Mittelhochdeutsche.

Testen Sie sich selbst: Bei der Durchfahrt durch die Kreuzung und dem Linksabbiegen soll der Fahrer nicht durch die Kreuzung durchfahren und das Rechtsabbiegen machen. Er soll nochmals durch das Rechtsabbiegen das Linksabbiegen machen. Falsch oder richtig? Wissen Sie nicht? Knoten im Hirn?

Die Chinesen hupen 40 Mal so oft wie Europäer

Ok, jetzt noch etwas Simples: Bei der Fahrt kann sich der Fahrer durch das Fenster auf die Straße spucken. Falsch, eindeutig. Wegen des heißen Wetters können die Fahrer die Fahrzeuge mit nacktem Oberkörper und bloßen Füßen sowie in Pantoffeln beherrschen. Auch falsch. Oder? Warum machen das dann so viele? Und wie ist das mit dem anderen Fahrer, der einen nach dem Weg fragt. Soll man den a) ignorieren oder c) sich die Antwort bezahlen lassen? Ich hatte b) geduldig antworten angekreuzt. Hat mir das das Genick gebrochen?

Chinesische Besonderheiten. In Europa werde die Hupe eines Autos im Laufe ihres Lebens etwa 10.000 Mal betätigt, erklärte unlängst ein Peugeot-Citroën-Manager. "In China 400.000 Mal". 40 Mal so oft. Stille verunsichert viele Chinesen. Stillstand auch. In einer Umfrage der Polizei gaben zwei von drei Befragten zu, rote Ampeln regelmäßig zu überfahren. Chinas Fußgänger haben sich ein eigenes Schwarmwesen geschaffen: das rotblinde Rudel. Wenn der Erste ein Stück in die Straße läuft, dann läufst du mit. Wenn der Nächste sich vorwagt, dann gibst du dem Rückendeckung.

Studenten singen das Zebrastreifenlied

So entsteht ein Sog, der alle an der Ampel Stehenden auf die Straße saugt, am Ende überquert man sie geborgen in der Herde (immer in der Hoffnung, der anbrausende BMW-Fahrer, dem vor einem einzigen Bäuerlein auf der Kühlerhaube nicht bange ist, werde den Blechschaden schon richtig kalkulieren, den er sich bei einer Kollision mit zwei Dutzend Fußgängern einbrockt).

In Hangzhou greift die Polizei nun stets die Vorhut ab, in der Hoffnung, dadurch das Rudel zu zerstreuen. In Shanghai stellen sie die Rotblinden auf ein Podest und lassen sie zur Strafe laut Verkehrserziehungslektüre aus der Zeitung vorlesen. In Huizhou schickten sie als Zebra verkleidete Studenten auf die Straße, die dort mit solcher Leidenschaft den Zebratanz tanzten und das Zebralied sangen ("Zebrastreifen, wir sind Zebrastreifen, oh yeah"), dass vor Schreck tatsächlich ein paar Fahrer kurz auf die Bremse traten. Anfang dieses Jahres erließ die Regierung neue Verkehrsregeln, die Chinas Medien stolz als "die strengsten der Welt" vorstellten.