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Autotest Evoque gegen Tiguan:Mach mich dreckig

Leider nutzen die Kunden den neuen Range Rover Evoque nicht für das, was er am besten kann. Im Alltag macht dagegen der VW Tiguan mehr Spaß.

Von Christina Kunkel

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Quelle: Volkswagen/Range Rover

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Was der Mini im Kleinwagensegment geschafft hat, gilt bei den SUVs für den Range Rover Evoque: Schon in seiner ersten Auflage 2011 wurde er besonders wegen seines Lifestyle-Faktors gekauft. Wie kein anderer Hersteller hatten es die Briten geschafft, einen SUV trotz seiner Größe elegant und schick aussehen zu lassen - sowohl innen als aus außen. Seit April steht die zweite Generation bei den Händlern. Auch wenn die Außmaße des Evoque für den Stadtverkehr genauso überdimensioniert sind wie bei der Konkurrenz, kommt der Brite doch nicht ganz so trampelig daher wie zum Beispiel der VW Tiguan. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass er deshalb das bessere Auto ist.

Der Range Rover Evoque

Quelle: Nick Dimbleby; Land Rover

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800 000 Exemplare hat Range Rover weltweit von der ersten Modellgeneration verkauft. Deshalb gab es auch keinen Anlass, für die zweite Auflage die Optik komplett zu verändern. Im direkten Vergleich mit seinem Vorgänger ist der neue Evoque noch runder und schnörkelloser. Die typischen Proportionen - kurzes Heck und schmale Fenster - heben den Evoque auch weiterhin von anderen Kompakt-SUV ab. Neu sind auch die ausfahrbaren Türgriffe, die denen des Model S von Tesla ähneln. Die Antriebspalette der zweiten Generation ist identisch mit dem Jaguar E-Pace. Alle Varianten mit Allradantrieb sind als Mildhybrid mit einem im Unterboden verbauten 48-Volt-Lithium-Ionen-Akku ausgestattet. Im Laufe des Jahres soll außerdem noch eine Version mit Plug-in-Hybrid-Antrieb eingeführt werden.

Der Range Rover Evoque

Quelle: Land Rover

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Im Innenraum haben sich die Designer bemüht, möglichst viele Funktionen in wenigen Bedienelementen unterzubringen. So gibt es gleich zwei Touchdisplays in der Mittelkonsole, als kleine Spielerei ist die Temperaturregelung als analoger Drehknopf in den unteren Monitor integriert. Das Cockpit wirkt aufgeräumt, Ablagefächer gibt es mehr als genug. Dass man die Abdeckung für die Mittelkonsole auf einmal komplett in der Hand hält, anstatt sie einfach nur wegzuklappen oder zu verschieben, passt nicht ganz in das sonst so wertig gestaltete Ambiente. Wer nicht auf den Preis schaut, kann sich von der Extra-Liste auch ein System zur Ionisierung der Innenluft bestellen - oder Sitzbezüge aus einer veganen Leder-Alternative, die zum Teil aus Recycling-Kunststoffen hergestellt wird.

Der Range Rover Evoque

Quelle: Nick Dimbleby; Land Rover

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Schaut man sich die Liste der technischen Features an, die der neue Evoque bietet, wird schnell klar, warum dafür zwei Bildschirme nötig sind. Am Ende geht es vor allem darum, wie man den für den Stadtverkehr und die meisten Parklücken überdimensionierten Wagen möglichst kratzerfrei steuern kann. Dafür hat sich Range Rover allerhand einfallen lassen. Da gibt es zum Beispiel einen den "ClearSight Smart View"-Innenrückspiegel, in den ein Kamerabild projeziert wird, das in einem deutlich weiteren Sichtfeld zeigt, was hinter dem Auto passiert.

Der Range Rover Evoque

Quelle: Nick Dimbleby; Land Rover

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Dazu kann man sich auch die "ClearSight Ground View" bestellen - was Range Rover vereinfacht die "gläserne Motorhaube" nennt. Damit sieht man durch Kamerabilder auch, was unter dem Vorderwagen passiert. Besonders hilfreich, um bei hohen Bordsteinen oder engen Parklücken den Lack und die Felgen nicht zu verschrammen. Natürlich kann man damit zum Besipiel auch im Gelände Steine oder Äste sichtbar machen, über die der Wagen fährt. Doch damit ist man genau bei dem Widerspruch angelangt, den der Evoque hervorruft, wenn man seine Fahreigenschaften im Gelände und im Alltag vergleicht.

Der Range Rover Evoque

Quelle: Land Rover

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Denn der Evoque ist irgendwie ein einziges Missverständis. Er ist ein tolles Geländefahrzeug, das selbst steile Anstiege ohne Probleme meistert. Die Karosserie ist extrem verwindungssteif. Nicht umsonst lässt Range Rover bei der Fahrvorstellung in einem Offroadparcours demonstrieren, wie der Wagen selbst die größten Schräglagen problemlos überwindet. Das ist wirklich beeindruckend, doch es ist eben nicht das Szenario, in dem der typische Evoque-Fahrer sein SUV bewegt. Interne Kundenbefragungen des Herstellers haben ergeben, dass nur vier Prozent der Kunden das Fahrzeug auch offroad nutzen. Dagegen wirkt der 200-PS-Benziner auf der Landstraße oder im Stadtverkehr eher träge - was natürlich auch ein Tribut an das hohe Gewicht von rund zwei Tonnen ist. Die Lenkung könnte direkter sein und ohne die ganzen technischen Helferlein ist der Evoque auch aufgrund der schmalen Fenster unübersichtlich. Dazu kommt der Verbrauch: Trotz Mildhybrid stehen am Ende der kombinierten Autobahn-, Landraßen- und Stadtverkehrsroute rund zehn Liter auf der Uhr. Das sind rund zwei Liter mehr, als der Hersteller angibt. Doch wie sieht es bei der Konkurrenz aus?

Volkswagen Tiguan R-Line; Der VW Tiguan

Quelle: Volkswagen AG

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Der unbestrittene Platzhirsch im SUV-Segment ist noch immer der VW Tiguan. 74 749 Stück wurden 2018 in Deutschland zugelassen - damit zog der Geländewagen sogar am Passat vorbei. Dabei wirkt der VW lange nicht so extravagant wie der Range Rover Evoque. Mit der seit letztem Jahr erhältichen R-Line-Ausstattung (die 3365 Euro Aufpreis kostet), sieht der Tiguan zwar deutlich sportlicher aus als die Standardvariante, die es in der zweiten Generation seit 2016 zu kaufen gibt. Dennoch fällt man mit dem VW weit weniger auf als mit dem Range Rover.

Volkswagen Tiguan R-Line; Der VW Tiguan

Quelle: Volkswagen AG

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Während der Innenraum des Evoque modern und aufgeräumt wirkt, ist im VW alles eher nüchtern und analog. Neben einem kleineren Touchdisplay in der Mitte gibt es vor allem: Knöpfe. Alles wirkt hochwertig, aber doch auch ein bisschen aus der Zeit gefallen, wenn man die technischen Features mit denen des Evoque vergleicht. Dafür ist die Modellgeneration aber auch schon drei Jahre alt. Trotzdem sind 42 800 Euro Grundpreis für den 190-PS-Diesel kein wirkliches Schnäppchen, auch wenn der neue Evoque in der 180-PS-Diesel-Variante noch einmal 3000 Euro mehr kostet.

Volkswagen Tiguan R-Line; Der VW Tiguan

Quelle: Volkswagen AG

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Was man dem Tiguan dagegen nicht absprechen kann: Er fährt sich trotz seiner Größe im Stadtverkehr und auf der Landstraße deutlich agiler als der Evoque. Die Lenkung ist leichtgängig, aber trotzdem präzise, so dass man sich auch an Engstellen oder beim Rangieren im Parkhaus einigermaßen zügig bewegen kann. Vor allem im Sportmodus ist macht der 2-Liter-Turbodiesel richtig Spaß, der Verbrauch lag in unserem Test zwischen acht und neun Litern Diesel.

In die Stadt gehören weder der Evoque noch der Tiguan. Wer den Lifestyle-Faktor schätzt und die neuesten technischen Gimmicks möchte, ist auch in der zweiten Generation beim Range Rover Evoque gut aufgehoben. Wer dagegen ein praktisches, solides Auto ohne viel Schnickschnack bevorzugt, kann immer noch ohne Bedenken zum VW Tiguan greifen. Dort, wo beide Modelle eigentlich hingehören, wird man sie aber wohl auch in Zukunft eher selten antreffen.

Die beiden Fahrzeuge wurden der Redaktion vom Hersteller zu Testzwecken zur Verfügung gestellt.

© SZ.de/jobe

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