Straßenverkehr Faulheit? Ablenkung? Nein, Selbstüberschätzung!

Doch woran liegt es, dass so wenige Menschen blinken? Faulheit? Oder Ablenkung durch die anderen komplexen Systeme im Auto? Beides komme in Frage, die Hauptursache ist laut ADAC aber eine andere: Selbstüberschätzung. "Manche Autofahrer bilden sich ein, dass sie Verkehrsregeln ignorieren dürfen, weil sie meinen, das Risiko selbst beurteilen zu können", sagt Birgit Scheucher, die in München eine Praxis für Verkehrspsychologie leitet. "Die sagen: Ich entscheide, wie schnell ich hier fahren kann. Ich entscheide, ob es hier notwendig ist zu blinken."

Zum Fehler wird hier, was sonst eine Tugend sein kann: sein Tun zu hinterfragen. "Bestimmte Dinge sollte man automatisiert tun", erklärt Scheucher. Beim Autofahren seien das Handlungen wie der Blick in den Rückspiegel, das Anschnallen, nach dem Anfahren vom ersten in den zweiten Gang schalten - und auch blinken. "Bei all den Informationen, die wir im Straßenverkehr verarbeiten müssen, sollte man nicht im Einzelfall überprüfen, ob man sich in diesem Moment eine Sondergenehmigung erteilen kann." Zum Beispiel, weil man meint, dass der Hinterherfahrende weit genug entfernt ist, damit man abbiegen kann, ohne den Blinker zu setzen.

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Blinken - eine banale Aktion

Dass das automatisierte Verhalten bei anderen Teilhandlungen des Autofahrens funktioniert und beim Blinken oft nicht, liegt auch an der Banalität dieser Aktion. Das Blinken, den Zeige- oder Mittelfinger wenige Zentimeter Richtung Hebel zu führen, ist so unspektakulär, dass es im Bewusstsein kaum vorhanden ist. Und wenn man nicht blinkt, hat es selten Konsequenzen. "Bremsen ist psychologisch gesehen dagegen eine aufwändigere Handlung", sagt Scheucher. "Ich muss meinen Fuß auf das Nachbarpedal bewegen und ordentlich treten, damit sich etwas rührt. Das ist motorisch einprägsamer und hat immer eine spürbare Konsequenz." Nämlich dass auf den Tritt auf das Pedal eine Verzögerung des Autos folgt.

Hinzu kommt, dass Nichtblinker kaum negative Konsequenzen fürchten müssen. Passiert ein Unfall, ist es schwer nachzuweisen, ob geblinkt wurde oder nicht - das Vergehen bleibt oft unentdeckt. Auch im normalen Verkehr wird es selten sanktioniert. Und wenn die Polizei jemanden erwischt, beträgt die Strafe nur zehn Euro. Punkte oder gar ein Fahrverbot gibt es nicht einmal dann, wenn eine Gefährdung oder Sachbeschädigung im Spiel ist. "Das ist fatal, denn dadurch wird fehlerhaftes Verhalten generalisiert und nicht mehr als Regelverstoß wahrgenommen", sagt Jochen Oesterle, der sich für den ADAC mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

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Welche Rolle spielt das Alter?

In einem Punkt ziehen ADAC, ACE und Psychologin jedoch unterschiedliche Schlüsse: In welchem Alter das Phänomen des Blinkmuffels besonders um sich greift. Dem ADAC zufolge betrifft es vor allem die 40- bis 50-Jährigen, laut ACE verzichten besonders viele Fahranfänger, Rentner und Frauen auf das Blinken. Birgit Scheucher sieht Alter und Geschlecht dagegen als untergeordneten Faktor an: "Auch Jugendliche fühlen sich am Steuer eines Autos nach relativ kurzer Zeit schon sicher und neigen deshalb zur Selbstüberschätzung. Sie übertreten ja auch schon die Geschwindigkeit, weil sie meinen, die Situation im Griff zu haben". Scheucher geht deshalb davon aus, dass bereits viele 25- bis 30-jährige Routine-Autofahrer zu nachlässig beim Blinken sind.

Und wie kann man gegensteuern, wenn man merkt oder darauf aufmerksam gemacht wird, dass man sich selbst zum Blinkmuffel entwickelt? Oesterle: "Auch wenn kein anderer Verkehrsteilnehmer in Sicht ist, muss der Blinker gesetzt werden." Birgit Scheucher pflichtet dem ADAC-Mann bei: "Man sollte überhaupt nicht über das Blinken nachdenken, sondern es als positive und nützliche Handlung werten und deshalb stur tun." Und zwar rechtzeitig und deutlich, wie in Paragraf fünf und neun der StVO gefordert.

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