FCA-Chef Sergio Marchionne Marchionne nimmt kein Blatt vor den Mund

Von dem zweieinhalb Stunden langen Gespräch sind gut 90 Minuten nicht für die Öffentlichkeit. Neue Manager, neue Produkte und neue Strategien bleiben tabu, denn Marchionne nimmt kein Blatt vor den Mund. Das gilt auch für seine Einschätzung von Big Data, Uber, Lyft, Facebook und Instagram. "Wir sind grundsätzlich bereit, unser Know-how und unsere Produkte mit den neuen Kräften in diesem Geschäft zu teilen. Ob das funktioniert? Ich weiß es nicht. Aber ich will es herausfinden, und dafür muss ich mich öffnen für das Anti-Establishment. Worüber reden wir denn hier? Was wollen wir verhindern? Google könnte sich jeden Autohersteller der Welt mit Geld aus der Portokasse einverleiben. Wer hier plakativ den warnenden Zeigefinger hebt, verkennt die Lage."

Zarte Bande mit Google hat FCA kürzlich bestätigt, mit Apple ist man seit Längerem im Gespräch, auch Uber ist für den Charmeur im Pullover immer einen Flirt wert. Marchionne will überall mitspielen, sein Netzwerk breit spannen, hier und dort am Datenkuchen naschen. "Das Konzept ist ganz einfach", doziert SM, "wir bauen die Autos, unsere Partner liefern Vorsprung durch Technik. Diese Technik kann ich dann im Idealfall für alle meine Marken adaptieren."

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Marchionne redet über seinen Nachfolger

Vom eigenen Esprit befeuert, gerät Marchionne ins Schwärmen, skizziert ein virales Szenario nach dem anderen, verlinkt zwischen Carpaccio und Cannelloni Jeep mit Apple, Alfa Romeo mit Google und Dodge mit Uber. Nur - wer spielt das Kaninchen und wer die Schlange? Ein breites Grinsen, ein schmales Zugeständnis: "Natürlich muss sich das rechnen. Ich will ja nicht auf der Strecke bleiben. Und mein Nachfolger sieht das genauso."

Welcher Nachfolger? Die Namensliste ist lang, die Favoriten wechseln manchmal im Stundentakt, wohl behütetes Herrschaftswissen hält Emporkömmlinge auf Distanz. Fest steht nur, dass alle Kandidaten die Kaderschmiede des Großmeisters durchlaufen haben. "Keiner von ihnen ist ein klassischer Automann", sagt Marchionne und schüttelt den Kopf. "Wir brauchen weder Selbstdarsteller noch Dogmatiker, sondern Leute, die Probleme früh erkennen und sofort lösen. Das gehört sich so für einen ehrenwerten Automobilhersteller. Und genau das sind wir inzwischen." Ein Anflug eines Lächelns, ein bestätigendes Nicken, eine weitere Zigarette.

Der Deal mit Google könnte ein Anfang sein

Wir erinnern uns: Für 2018 hat der Chef ein Betriebsergebnis von neun Milliarden Euro und Cash-Reserven in Höhe von fünf Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Das freut die Börse, verschiebt aber das Zeitfenster für die notwendigen Investitionen. Auch deshalb wirbt Marchionne seit Jahren um einen Partner, der sich das Projekt Zukunft mit FCA teilen soll. "Ich bin offen für fast alles und fast jeden", sagt er, "aber weil ich es nicht erzwingen kann, muss sich möglicherweise mein Nachfolger darum kümmern."

Doch wer den Krawattenhasser und Cordhosenfreund kennt, der weiß, dass ihn dieses Thema umtreibt und zu immer neuen Anstrengungen motiviert. Der zunächst auf 100 Fahrzeuge beschränkte Deal mit Google könnte ein Anfang sein, die China-Connection hat ebenfalls Potenzial, auch ein japanischer Hersteller wäre genehm, wobei Mazda wohl zu klein und Toyota zu mächtig ist.