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Fahrradwege:Nur zehn Prozent der Radwege sind in München geräumt

Um den Radverkehr im Winter wirklich zu fördern, ist das aber immer noch zu wenig. Die wenigsten Fahrrad-Pendler bewegen sich nur auf den Hauptrouten. Der Vorteil des Fahrrads ist gerade, dass es dort unterwegs sein darf, wo Autos nicht fahren, und so Wege verkürzt. Das belegt eine Studie des Umweltbundesamtes. Sie besagt, dass bis zu einer Entfernung von fünf Kilometern das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel in der Stadt ist. Sind, wie in München, aber nur zehn Prozent der Radwege geräumt, schwindet dieser Vorteil und damit der Anreiz, das Auto stehen zu lassen. Wer mit dem Velo unterwegs ist, weicht auf die Straße aus - oder lässt es lieber gleich stehen.

Der Wunsch, den Radverkehr zu fördern, ist also vor allem auch ein Strukturproblem, das im Winter besonders deutlich zutage tritt. Das Sammelsurium an Radwegen in vielen Städten ist kurios. Sie sind oft schmal, nicht deutlich genug von der Fahrbahn abgetrennt, manchmal teilen sie sich den Asphalt mit dem Gehweg. Im Winter heißt das, dass der Schnee des Räumdienstes genau dort landet, wo die fragilsten Verkehrsteilnehmer unterwegs sind. Und der rutschige Rollsplitt, der aus Umweltgründen statt Salz gestreut wird, bleibt oft bis ins Frühjahr liegen. Deswegen fordern Interessenverbände wie der ADFC schon lange, die Prioritäten zu ändern. Auch Passionsradler Tobias Singer sagt: "Man kann es den Leuten einfacher machen, aufs Auto zu verzichten."

Kopenhagen zieht Fahrräder konsequent Autos vor

Das Vorbild hierfür ist, wie so oft, Kopenhagen - weltweit das Schlaraffenland für Radfahrer. Es gibt 375 Kilometer ausgebaute Fahrradwege, oft doppelt oder dreimal so breit wie in Deutschland, abgetrennt durch Bordsteine. An Ampeln halten die Radler einige Meter vor den Autos, damit sie nicht von Lkws übersehen werden. Grüne Wellen leiten sie vor den Autofahrern durch den Verkehr. Selbst die Mülleimer neigen sich den Drahteseln und ihren Besitzern entgegen. Und: Im Winter werden Radwege zuerst geräumt.

Das alles ist Teil eines Planes der dänischen Hauptstadt, bis 2025 CO₂-neutral zu sein. 35 Euro pro Einwohner gibt Kopenhagen im Jahr für den Radverkehr aus, Stuttgart, das vergleichbar groß ist, nur fünf. 62 Prozent der Pendler steigen dort mittlerweile täglich aufs Rad - im Winter sind es nicht viel weniger. Der Grund dafür ist aber kein stärkeres Umweltbewusstsein als in Deutschland. "Wir sind nicht grüner als alle anderen und genauso faul wie ihr", erklärt der ehemalige Umweltbürgermeister Morten Kabell. "Wir haben aber dafür gesorgt, dass in dieser Stadt nichts praktischer ist als zu radeln." Deutschland ist davon noch weit entfernt. Zumindest solange "Radlhauptstadt" vor allem ein Slogan ist.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir Kopenhagen fälschlicherweise als norwegische Hauptstadt bezeichnet. Kopenhagen ist natürlich die Hauptstadt Dänemarks.

Kopenhagen Blaupause für die Fahrradstadt

Kopenhagen

Blaupause für die Fahrradstadt

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