Radfahren in Städten Pekings Radfahrer holen sich die Stadt zurück

Blau, gelb, orange: Auf den Straßen von Peking sind Millionen von Leihrädern unterwegs.

(Foto: Chen xiaogen - Imaginechina)

Vom Auto fast verdrängt, erlebt das Rad in der chinesischen Hauptstadt eine Renaissance. Dabei helfen Millionen von Leihmodellen und - Sensation! - Radwege, auf denen wirklich nur Fahrräder fahren dürfen.

Von Kai Strittmatter

Die fliegende Taube, der Gigant und das kleine Gelbe. Sie haben mich begleitet durch diese zwei Jahrzehnte. Haben mich getragen, unter mir geächzt, mit mir gerungen und mich das eine oder andere Mal auch abgeworfen. Naja, einmal, um genau zu sein, das war das kleine Gelbe, ist noch nicht lange her. Es lag ziemlich sicher an den Vollgummireifen. Ich war mit einigem Tempo auf den Gehsteig ausgewichen, weil mich auf dem Radweg ein BMW und ein E-Moped in die Zange nahmen. Gut, ich war gegen die Fahrtrichtung unterwegs. Aber das waren ein halbes Dutzend andere neben und hinter mir auch, in Peking ist das so Usus, hier entscheidet insbesondere auf dem Radstreifen nicht selten die Mehrheit der sich gerade in einem Planquadrat befindlichen Fahrer, was nun gerade Fahrtrichtung ist. Ich war dann der einzige, dessen Reifen abrutschten und der auf den Asphalt knallte.

Zwei Jahrzehnte in Peking, zwanzig Jahre auf dem Rad. Die "fliegende Taube" habe ich mir 1997 gekauft. Fahrraddämmerung war damals, auch wenn wir alle es noch nicht richtig wahrnahmen: Die Autos knabberten da erst an den Rändern des Lebensraumes, noch zaghaft. Peking war lange ein Paradies für Radler: Flach wie ein Pfannkuchen, trocken wie die nahe Wüste Gobi. Und Radwege so breit wie anderswo Autobahnen.

SZ-Korrespondenten - mit dem Rad unterwegs

Das Fahrrad als Verkehrsmittel - wie wird es in Ihrer Stadt genutzt, was funktioniert gut, woran hapert es? Diese Fragen haben wir den Auslands-Korrespondenten der SZ gestellt, ihre Texte dazu lesen Sie hier und alle Teile der Serie unter Radfahren in Städten.

Als sich China der Welt öffnete, in den Achtzigerjahren, da träumten die Chinesen von den "vier großen Dingen", die ein jeder zu seinem Glück brauchte, das waren eine Armbanduhr, ein Radio, eine Nähmaschine - und ein Fahrrad. Man konnte noch eintauchen in den endlosen Radlerschwarm, sich treiben lassen im meditativen Fluss durch die Stadt.

Die Räder der Marken "fliegende Taube" waren, wie auch die "Ewigkeit" und der "Phönix", schon damals eher etwas für Nostalgiker: der schwere schwarze Rahmen, die klappernden Bremsen, die porösen Schläuche. Es waren jedoch majestätische Erscheinungen aus einer anderen Zeit, und wenn ich meine schwarze Taube bestieg, dann richtete ich mich unwillkürlich auf. Alle paar Hundert Meter allerdings hatte einen dann die Erde wieder: Man blieb liegen, mit einem Platten oder weil mal wieder ein Teil der Bremse leise klirrend über den Asphalt hüpfte, aber das machte nichts, weil alle paar Hundert Meter ein Reparateur saß, dem man vor die Nase fiel: Wahre Meister der Improvisation waren das, die die Räder in Nullkommanichts wieder zum Laufen brachten. Selber pumpen durfte man auch, kostete 1 Yuan, umgerechnet heute knapp 10 Cent.

Als ich das zweite Mal nach Peking kam, 2012, da war die Stadt eine andere geworden. Da liebten die Chinesen ihre Autos schon so wie die Dänen ihre Fahrräder. Da hatte die junge Teilnehmerin einer Kuppelshow im chinesischen TV Schlagzeilen gemacht mit dem Satz: "Lieber sitze ich weinend auf dem Rücksitz eines BMW als lachend auf dem Fahrrad." Peking war fast über Nacht zur Radl-Wüste geworden. Die Pekinger selbst saßen zu einem großen Teil umverpflanzt in neuen Trabantenstädten außerhalb, weit weg von der Arbeitsstelle, und der bleierne Smog vertrieb auch den verbliebenen Fahrradenthusiasten die Lust.

Wie aus London eine Radler-Stadt werden soll

Boris Johnson macht es vor: Wer in der britischen Hauptstadt mit dem Fahrrad überleben will, darf keine Skrupel haben. Doch auch andere Radler sollen künftig sicherer und schneller ans Ziel kommen. Von Cathrin Kahlweit mehr ...

Es gab noch einzelne Fahrradläden, aber die verkauften praktisch nur mehr Mountainbikes und Rennräder für die Ausflüge der Hobbysportler in die Berge, normale Räder für die Stadt bot kaum einer mehr. Offiziell gab es noch immer ein Netz von Radwegen so groß wie wahrscheinlich nirgend sonst auf der Welt. Bloß waren die nicht mehr als solche erkennbar. Sie dienten den Bussen als Haltestelle, den Autos als Überholspur, und sie wurden als Parkplätze vermietet.

Und so bahnten wir einsamen Radler uns die folgenden Jahre unseren Weg im Slalom zwischen parkenden Audis und rechts überholenden SUVs, von vorne eingehüllt in Feinstaubschwaden, von rechts bestaunt von kopfschüttelnden Fußgängern, von hinten attackiert von so pfeilschnell wie lautlos heranschießenden E-Bikes: Ein jeder von uns ein kleiner Don Quixote, ein Radler von der traurigen Gestalt, leise hustend und fluchend Haken und Purzelbäume schlagend. Wir alle: die letzten unserer Art.