Radfahren in Städten Madrid hat die Verkehrs-Machos gezähmt

Ein Fahrradfahrer vor dem Palacio Real, einer der beliebtesten Sehenswürdigkeiten von Madrid.

(Foto: Denis Doyle/Getty Images)

Radfahren in der spanischen Hauptstadt war ein gefährliches Abenteuer. Nach einem Umbau der Infrastruktur und einem Erziehungsprogramm für Autofahrer hat sich das geändert.

Von Thomas Urban

Das Unvorstellbare ist geschehen, mitten in Madrid. Wo sich jahrzehntelang dicht an dicht Blechkolonnen über sechs Spuren wälzten, sollen nun auch Fahrradfahrer entspannt entlang der Hochhäuser aus verschiedensten Stilepochen pedalieren. Die Gran Vía, Prachtstraße und Objekt des Nationalstolzes in einem, wird umgebaut, und zwar radikal. So will es die seit 2015 amtierende linksalternative Stadtregierung.

Von den drei Spuren in jede Fahrtrichtung bleibt eine für den allgemeinen Autoverkehr, eine zweite ist für Busse und Taxis reserviert. Und die dritte für die Radler, die sich früher weitgehend vom Zentrum ferngehalten haben, weil es ein lebensgefährliches Unterfangen war, sich hier durchzuschlängeln. Dazu kommt nun eine Baumreihe auf jeder Seite, die die bisherige Asphaltpiste zu einer Allee machen soll.

SZ-Korrespondenten - mit dem Rad unterwegs

Das Fahrrad als Verkehrsmittel - wie wird es in Ihrer Stadt genutzt, was funktioniert gut, woran hapert es? Diese Fragen haben wir den Auslands-Korrespondenten der SZ gestellt, ihre Texte dazu lesen Sie hier und alle Teile der Serie unter Radfahren in Städten.

Solch eine Revolution hat die große West-Ost-Achse noch nicht erlebt: Einst Prestigeobjekt aus den ersten Jahren der Franco-Diktatur (1939-1975), hat sie zuletzt ihren exklusiven Charakter immer mehr eingebüßt, Andenkenläden, Boutiquen für Jugendbekleidung und Schnellrestaurants verdrängen die Traditionsgeschäfte für die vornehme Kundschaft.

Welche Anmutung aber etwa eine große Straße haben kann, die nicht mehr nur den Bedürfnissen der Autofahrer angepasst wird, ist ein Stück weiter schon zu spüren. Auf der Calle de la Princesa, der Prinzessinnenstraße, die von der Gran Vía nach Nordwesten führt, ist der Plan der Stadtregierung umgesetzt: Eine der Spuren müssen sich Radfahrer und Autos teilen, auf ihr ist die Geschwindigkeit auf 30 km/h begrenzt. Großen Ärger gab es deshalb bislang nicht, die überwältigende Mehrheit der Autofahrer nimmt es offenbar gelassen hin, dass sie nicht mehr die alleinigen Herren im Straßenverkehr sind.

Die Oberbürgermeisterin fördert das Fahrradfahren

Die Oberbürgermeisterin Manuela Carmena hat das simple Motto ausgegeben: "Madrid soll eine Stadt für die Menschen werden." Zum Menschsein gehört für sie das Fahrradfahren, ohne von genervten Autofahrern bedrängt zu werden. Die Stadt führt eine Werbekampagne für das Umsteigen auf das Fahrrad durch - vor wenigen Jahren noch undenkbar. Doch die Krise, die die Gesellschaft bewältigen muss, seit vor genau zehn Jahren eine gigantische Immobilienblase platzte, hat die Mentalität vieler Spanier beeinflusst. Vor allem die junge Generation tickt nun anders als ihre Väter, für die das Auto ein Statussymbol war und die von der Kommunalpolitik die "autogerechte Stadt" forderten.

Mit der Krise stieg die Arbeitslosigkeit vorübergehend auf 27 Prozent, viele Madrider mussten auf ihr Auto verzichten. Für die meisten in der jungen Generation, die mit Monatslöhnen von durchschnittlich kaum mehr als 1500 Euro ins Berufsleben einsteigen, ist es ein Luxusgut geworden. Hinzu kommt, dass Madrid in den Boomjahren vor der Immobilienblase täglich dem Verkehrsinfarkt nahe war, gerade auch auf der Gran Vía und der Calle de la Princesa. Die Krise bot also den Kommunalpolitikern die Gelegenheit, mit breiter Unterstützung der Bevölkerung, ein umfassendes Paket zur Reduzierung des Autoverkehrs im Zentrum durchzusetzen, die Autolobby protestierte nur schwach. Dazu gehörte ebenso die Verknappung von Parkplätzen zugunsten von Stellflächen an den Metrostationen in den Außenbezirken wie die verstärkte Subventionierung des öffentlichen Nahverkehrs, schließlich die Förderung von Fahrradstationen, wie sie sich auch in anderen Metropolen verbreitet haben. Mehr als 60 000 Madrilenen besitzen mittlerweile ein Abonnement für diese Leihfahrräder, Tendenz steigend.

Längst sind die Zeiten vorbei, als Madrid wegen seiner hohen Zahl von Unfällen im Stadtgebiet negative Schlagzeilen machte. Noch zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte Spanien unter allen Ländern der damaligen Europäischen Union die erschreckendsten Unfallstatistiken. Doch ein rigoroses und konsequent durchgeführtes Programm schlug an: Die Verkehrsströme werden in den Städten über die Ampelschaltungen nun so gelenkt, dass Rasen praktisch unmöglich ist. Flächendeckend wurden Radarfallen installiert, die Strafen für überhöhte Geschwindigkeit sind drastisch, ebenso wie für das Missachten von Fußgängern am Zebrastreifen. So wurde innerhalb einer halben Generation ein Land von "temperamentvollen Machos am Steuer" gezähmt, wie die linksliberale Tageszeitung El País staunte.

Kampagne zielt auch auf rabiate Radler

Der Straßenverkehr in Madrid ist im Vergleich zu anderen südeuropäischen Metropolen stressarm geworden, weil die allermeisten Autofahrer sich nach dem drastischen Erziehungsprogramm zivilisiert verhalten. Die Verkehrspolitiker erwarten, dass die Anpassung an die neue Lage mit einem stetig wachsenden Heer von Radfahrern ebenfalls reibungslos gelingt. Gebastelt wird indes auch an einer Kampagne, die auf die Radfahrer abzielt. Denn wie in anderen Metropolen gibt es auch in Madrid die rabiaten Radler, die sich nicht an Regeln halten, weil sie denken, dass sie über die Überwachungskameras nicht identifiziert werden können.

Den Stadtplanern schwebt ein großes Projekt vor: Alle Naherholungsgebiete sollen mit dem Rad erreichbar sein. Mittlerweile haben die Metro und die Vorortzüge eigene kleine Abteilungen für Fahrräder, die auch in den Stoßzeiten genutzt werden können. Auch sollen die neuen Fahrradspuren aus der Innenstadt bis zum Grünen Ring führen, eine Art Ringautobahn nur für Fahrräder um die Stadt mit einer Gesamtlänge von 64 Kilometern. Angelegt wurde er noch von der konservativen Vorgängerregierung, die von Radlern im Zentrum aber nichts wissen wollte. Die Trasse ist sechs Meter breit, vier Meter davon für die Radler, zwei für Fußgänger. Der Ring verbindet die großen Parks am Stadtrand. Und für Touristen werden zunehmend Fahrradausflüge zu den Sehenswürdigkeiten der 3,5-Millionen-Stadt angeboten.

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